XVII. Toos Brautigam hat immer gegen die Betuwe gekämpft: Eine Aktivistin erzählt


Die persönliche Einladung für die Eröffnungsfeier mit Königin Beatrix hat Toos Brautigam postwendend in den Papierkorb geworfen. "Das kann ich doch nicht machen. Erst jahrelang dagegen kämpfen und dann mit der Königin auf ein Gläschen anstoßen? Nee." Toos Brautigam bleibt ihren Prinzipien treu. Auch wenn sie zur Eröffnungsfeier im Juni 2007 in Rotterdam-Barendrecht die einmalige Chance gehabt hätte mit der Königin ein paar Worte zu wechseln, sie blieb dem Trubel fern. Schließlich war sie war eine hartnäckige Gegnerin der Güterstrecke: "Ich habe bis zuletzt dafür gekämpft, diesen Unsinn zu beenden."

Die dicken Aktenordner hat sie aus ihrem Wohnzimmer schon lange verbannt. Vorbei die Zeiten, in denen Toos Brautigam und ihr Mann Peter fast jeden Abend Umweltverträglichkeitsprüfungen, Bebauungspläne und Gutachten studiert haben, um neue Einsprüche und Gerichtsverfahren anzustrengen. Fast zehn Jahre lang haben sie mit den Betuweplanern die Klingen gekreuzt, dabei einiges durchgesetzt und vieles resignierend zur Kenntnis genommen: "Das Vertrauen in die Politik habe ich verloren. Bei der Betuwe ging es nur um die Durchsetzung von Lobbyinteressen."

Das Elend beginnt vor ihrer Haustür: Da fließt der Pannerdensche Kanal. "Anfänglich sollte hier eine Brücke über den Fluss geführt werden. Das hätte bedeutet, dass die Züge quasi durch mein Wohnzimmer gefahren wären", erzählt Brautigam, die im kleinen Örtchen Angeren wohnt, nicht weit entfernt von Emmerich-Elten. Vor allem durch die Hartnäckigkeit der Betuwegegner musste der niederländische Staat viele Zugeständnisse machen. Lärm- und Umweltschutz führten dazu, dass aus der Brücke ein teurer Tunnel wurde - für 125 Millionen Euro.

Toos Brautigam ist stolz auf ihren bürgerlichen Ungehorsam. Dreimal prozessierte sie vor dem höchsten niederländischen Verwaltungsgericht, dem Raad van State, und deckte Ungereimtheiten in der Planung und den Umweltprüfungen auf. "Es ist alles schief gelaufen, was man sich vorstellen kann. Bei den Umweltprüfungen wurde geschummelt, die Wirtschaftsdaten wurden frisiert und schön gerechnet. Alternativen wie die Binnenschifffahrt wurden schnell beiseite geschoben."

Ihre Ziele und Argumente findet sie in vielen Aussagen der Politiker wieder: "Die Betuwe war die teuerste und dümmste Entscheidung der letzten Jahrzehnte", sagt sie. Denn von Beginn an sei manipuliert worden: 16 Güterzüge pro Stunde waren 1992 vorgesehen, heute spricht man im ersten Jahr nur noch von zwei zusätzlichen Zügen. 52 Millionen Tonnen Massengüter sollten auf die Strecke geschickt werden, heute geht man nur noch von 29 Millionen Tonnen aus. Jedes Jahr werden die niederländischen Steuerzahler 20 Millionen Euro für die Deckung der Betriebskosten aufbringen müssen.
 
Ihren Kampf hat Toos Brautigam ohne Anwalt aufgenommen. "Auch wenn ich vor lauter Prozessen fast den Überblick verloren hätte. Aber bevor ich einem Anwalt erzählt hätte, worum es geht, wäre ich schon arm gewesen", sagt sie. Gemeinsam mit der landesweiten Initiative VLOB hat sie dazu beigetragen, dass die Betuwe zum teuersten Infrastrukturprojekt der Niederlande wurde. Die Kosten stiegen durch verschärfte Sicherheits- und Umweltauflagen auf nahezu fünf Milliarden Euro.

Für Toos Brautigam ist das Thema Betuwe abgeschlossen. Aber Ruhe hat sie noch immer nicht. Entlang der Bahntrasse plant die Provinz Gelderland jetzt die Verlängerung der Autobahn A 15, die wieder direkt am Haus von Toos Brautigam vorbeiführen würde: "Die wollen eine Brücke bauen", schmunzelt sie. "Aber sie haben noch kein Geld."

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Dezember 2009