XXI. Planungen der deutschen Bahn


Tunnel oder Brücke statt Bahnübergang, Lärmschutzwände und Erschütterungsprobleme. Wie die Deutsche Bahn die Betuwelinie plant

Am Nachmittag um fünf, wenn die Menschen von der Arbeit nach Hause fahren, geht auf der Bahnhofstraße in Rees-Haldern gar nichts mehr. Dutzende Autos stehen dann vor der Bahnschranke und warten auf den Zug, der auch nach zehn Minuten nicht kommen möchte. "Die Autos stauen sich regelmäßig bis auf die Bundesstraße 8. Da kollabiert der Verkehr", sagte der damalige Reeser Bürgermeister Bruno Ketteler im Frühjahr 2008. Er fordert seit langem eine zügige Lösung für die Bahnübergänge in seiner Stadt. Doch darauf muss er wohl noch ein wenig warten. Der Güterverkehr hat in den vergangenen Jahren zwischen Emmerich und Oberhausen deutlich zugenommen. 100 Züge fahren jeden Tag auf der zweigleisigen Strecke. Für die Anwohner am Niederrhein eine unerträgliche Situation, sind doch 55 schienengleiche Bahnübergänge in Betrieb und werden dies wohl noch eine ganze Weile bleiben. "Die Wartezeiten vor den Schranken nehmen weiter zu, und dann werden wir erhebliche Probleme mit dem Rettungsdienst bekommen", sagt Bruno Ketteler.

Für die Beseitigung der Bahnübergänge ist Georg Streckert von der DB-Netz AG West in Duisburg zuständig. Seine Mannschaft arbeitet zurzeit mit Hochdruck daran, für die 55 Bahnquerungen eine Lösung zu finden. "Wir hinken ja auch schon viereinhalb Jahre hinter dem Zeitplan her", unkte Bruno Ketteler, seinerzeit auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe Betuwe, in der sich alle Städte und Bürgerinitiativen zwischen Emmerich und Oberhausen zusammengeschlossen haben. Bereits 2002 habe man mit der Bahn eine Vereinbarung getroffen, doch erst jetzt komme Bewegung in die Sache. "Wir haben jetzt endlich eine konstruktive Arbeitsebene gefunden", lobt Ketteler.

Für die Lösung des Problems ist die DB Netz AG nicht allein verantwortlich. In Absprache mit sieben Kommunen, dem Landesbetrieb Straßenbau und dem Bund müssen Unter- und Überführungen geplant und vor allem: finanziert werden. Künftig soll es keine schienengleichen Übergänge mehr geben.
 
Das Eisenbahnkreuzungsgesetz sieht vor, dass sich Kommunen, Bahn und Bund die Kosten für die Bahnübergänge teilen. Das erfordert Absprachen, ruft Kompetenzgerangel hervor und verzögert vieles. Erschwerend kam hinzu, dass zwischen Emmerich und Oberhausen ein drittes Gleis gebaut wird, aber lange Zeit nicht deutlich war, auf welcher Schienenseite. Die gesamte, 72 Kilometer lange Strecke wurde in zwölf Planfeststellungsabschnitte unterteilt. Jeder Plan muss vom Rat der jeweiligen Kommune abgesegnet werden. Mit Anwohnern und Landwirten müssen zudem Grundstücksfragen geklärt werden.

Die Bahnübergänge sollen parallel zu den Gleisplanungen angegangen werden. Für die Beseitigung hat die DB-Netz AG jetzt einen Fahrplan entwickelt. Im Frühjahr 2007 hatte man bereits für vier Übergänge das Baurecht und die Unterführung an der Grünstraße in Voerde wurde bereits fertig gestellt. Für 13 Bahnübergänge gebe es ein Lösungskonzept und für 36 Querungen habe man Lösungsideen. Probleme gibt es vor allem in den engen Ortslagen.

Etwa in Emmerich. Die Stadt ist mit insgesamt 19 Bahnübergängen am stärksten von der Betuwe betroffen und droht durch die Güterzüge zweigeteilt zu werden. Einen Knackpunkt bildet das Löwentor in der Innenstadt. Die "Glück-Auf-Schranke" wird für die Emmericher zur Geduldsprobe. Als Lösungsvorschlag liegt eine großzügige Tunnelführung für den Autoverkehr und ein kleiner Tunnel für Fußgänger und Radfahrer auf dem Tisch. 20 Millionen Euro werden die Bauten wohl kosten.

Eine einfache Aufhebung eines Bahnüberganges kostet grob gerecht 400.000 Euro, so die Bahn. Sie rechnet mit einem zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag, um alle Übergänge dicht zu machen. Im Jahr 2011 werde man wohl für alle Übergänge eine Über- oder Unterführungslösung präsentieren können. Aufgehoben sind die Querungen aber dann noch nicht - dann wird erst noch gebaut.

Die Bahn sieht sich ob der langen Planungszeit und der ankommenden Züge aus den Niederlanden noch anno 2009 nicht unter Zugzwang: "Wir haben noch Kapazitäten auf den vorhandenen Gleisen", heißt es. Auch die Wartezeiten vor den Schranken werde man verkürzen können. In Emmerich wird dafür ein neues elektronisches Stellwerk gebaut, das es ermöglichen soll, die Züge dichter hintereinander fahren zu lassen.

Im November 2008 stellte man den Niederrheinern die Planungen vor. Demnach wird die Stadt Emmerich künftig mit einer vier Meter hohen Lärmschutzwand leben müssen und mit dem Wegfall vieler Bahnübergänge. In den Dörfern Praest und Vrasselt werden alle sechs Übergänge geschlossen. Als Ausgleich werden drei Unterführungen errichtet, die allerdings nicht alle für Lkw geeignet sind. In der Emmericher Innenstadt soll es nach Auffassung der Bahn nur noch drei Unterführungen für den Straßenverkehr geben. Wichtige Einfallstraßen werden zur Sackgasse.

Auch in Sachen Lärmschutz werden nicht alle von einer Schallschutzwand profitieren. Da, wo nur Gewerbegebiete sind, wird keine Wand errichtet, so Projektleiter Stefan Ventzke. Auch wenn nur vereinzelte Häuser in Gleisnähe stehen – etwa im Dörfchen Vrasselt – gibt es keinen aktiven Lärmschutz, aus Kostengründen. Der Widerspruch der Anwohner hielt sich in Grenzen: „Wir sind nicht ganz zufrieden”, sagte ein Anwohner aus Vrasselt.

Trotz vier Meter hoher  Lärmschutzwände muss die Bahn eingestehen, dass man die Lärmemission von 49 Dezibel in der Nacht bzw. 59 Dezibel am Tag nicht einhalten kann und sogar deutlich überschreiten wird. Um den Lärm, wie gesetzlich vorgeschrieben, auf 59 Dezibel zu drosseln, müssten zehn bis zwölf Meter hohe Wände gezogen werden, so die Bahn.

Mittlerweile hat die Bahn eine eigene Internetseite zum Projekt online gestellt, auf der die Planungen weiter verfolgt werden können.

Ein Fahrplan - Viel Theorie

Wie es sich für die Bahn gehört, beginnt auch der Ausbau der Betuweroute am Niederrhein mit einer ordentlichen Verspätung. Nach mehreren Anläufen hoffen die Verantwortlichen im Jahr 2008 einen Fahrplan erstellt zu haben, der auch eingehalten werden kann. Demnach soll das Planfeststellungsverfahren bis zum Jahr 2010 abgeschlossen sein, um im Jahr 2012 oder 2013 mit dem Bau zu beginnen. Bis 2015 sollen das dritte Gleis liegen und alle Unter- und Überführungen fertig sein, so eine Prognose.

Die Finanzierung wird in Teilschritten erfolgen. Das Geld für die Vorplanung ist bereits genehmigt. Für die Anlage des dritten Gleises zwischen Emmerich und Oberhausen rechnet die Deutsche Bahn AG mit 900 Millionen Euro.

Von einer Kostenexplosion wie in den Niederlanden sei nicht auszugehen, so die Bahn AG: Maximal 1,2 Milliarden Euro stehen für das 3. Gleis zur Verfügung. Viele Beobachter sind da skeptischer. Der damalige Vorsitzende der Arbeitsgruppe Betuwe, Bruno Ketteler: „Die 900 Millionen Euro sind mehr als konservativ gerechnet. Das wird teurer werden“, so der Bürgermeister. Für den Lärmschutz rechnen die Verantwortlichen mit 140 bis 180 Millionen Euro. Für die Beseitigung der Bahnübergänge sind Bund, Land und die Kommune gemeinsam zuständig. Sie teilen sich die Kosten in Höhe von 240 Millionen Euro zu je einem Drittel.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Dezember 2009