XXV. Leben an der Bahn


Die Bahn droht bis zur Fertigstellung der Betuwe im Jahr 2014 viele Ortschaften am Niederrhein zu teilen

Bodo Wißen, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, blickt mit Sorge auf die künftigen Belastungen durch die Betuweroute. „Wir sehen uns dieser Situation ziemlich hilflos ausgeliefert”, gibt der Politiker zu. Denn obwohl die Planungen für das 3. Gleis und die Über- und Unterführungen anno 2008 auf Hochtouren laufen – vor 2015 werden die Bauwerke nicht fertig sein. Und so lange müssen die Niederrheiner vermutlich vor verschlossenen Schranken stehen.

Schon 2011 sollen 150 Güterzüge am Tag auf die Strecke geschickt werden, weitere 80 Personenzüge kommen hinzu. Alle sechs Minuten käme ein Zug. Konzepte für die Zeit von 2011 bis zur möglichen Fertigstellung der Unterführungen 2014 erwartet man von Bahn, Bund und Land vergeblich. Dabei sind die Probleme nicht zu übersehen.

Etwa in Emmerich-Praest. Das kleine Dörfchen mit gut 2.000 Einwohnern trifft die Situation hart. Praest wird von der Bahn durchschnitten, und damit auch das Gefühl, ein zusammengehöriges Dorf zu sein. Grundschulleiterin Lisa Braun spürt die Probleme. Ihre Schulkinder müssen täglich die Gleise queren und das ist gefährlich. In der Vergangenheit haben sich bei geschlossenen Schranken schon atemberaubende Szenen abgespielt. Denn viele Kinder wollen nicht so lange warten, bis der Zug kommt – und mogeln sich auf die andere Seite. „Ich sehe die jetzige Entwicklung mit großer Besorgnis”, sagt Braun. „Wir brauchen dringend eine Unterführung. Denn auch die Busse müssen ja künftig irgendwie zur Schule kommen.”

Nicht viel anders sieht die Situation in Rees-Millingen aus. Das Dorf ist für die Deutsche Bahn ein wirklicher Härtetest. Hier reicht die Wohnbebauung bis dicht an die Strecke, was die Anlage des 3. Gleises stark erschwert. Das 3.000-Seelen-Dorf wird ähnlich wie Praest von der Güterstrecke geteilt: östlich der Bahn liegen die Neubaugebiete, der Friedhof und der Sportplatz, westlich der Bahn befinden sich Kirche, Schule und Einzelhandel. CDU-Stadtratsmitglied Christoph Teloh formuliert es drastisch: „Wenn ab 2011 hier so viele Züge fahren, dann ist Millingen kaputt. Dann können wir unsere Schulkinder nach Isselburg schicken und unseren Einzelhandel gleich dicht machen.”

In Haldern herrscht bereits 2009 allabendlich absolutes Verkehrschaos. Bis zur Bundesstraße stauen sich die Autos und gefährden den Verkehr. SPD-Landtagsabgeordneter Bodo Wißen, selbst aus Haldern: „Die Situation ist extrem gefährlich. Viele Autos überholen auf der B8 oder drehen auf der Fahrbahn.”

Die Staus ärgern viele. Für Landwirt Hermann Neuhaus ist die Betuwestrecke existenzbedrohend. Sein Betrieb liegt an beiden Seiten der Bahn, der Bauer muss jeden Tag 60 Mal die Gleise überqueren. Schon heute wartet der Landwirt lange vor verschlossenen Schranken. Das kostet ihn in der Erntezeit richtig Geld: „Dann stehen die Lohnunternehmer eine halbe Stunde herum. Und die kosten 400 Euro pro Stunde.” Neuhaus hat 15.000 Puten und 110 Kühe, die er täglich versorgen muss.

Ein paar Kilometer weiter, in Meerhoog, fühlt man sich gespalten in „Ossis” und „Wessis”. SPD-Politiker Michael Möllenbeck beschreibt die Lage als „grausam”. Der Einzelhandel werde abgeschnitten und die Schule sei bald kaum noch zu erreichen. Möllenbeck rechnet mit Gefahren und ist erstaunt, dass die Bürger nicht auf die Barrikaden gehen. „Bald werden wir nicht mehr über die Gleise kommen. Ich glaub’, viele haben das noch nicht begriffen.”

2017 wurde nun endlich mit dem Bau an der Strecke begonnen. Dass das lange Lied vom niederländisch-deutschen Güterverkehr über die Betuwerroute noch lange nicht zu Ende gesunden ist, ist wohl klar. Es bleibt abzuwarten, ob die Deutsche Bahn diesmal ihre Prognose, im Jahr 2025 fertig sein zu wollen, einhält und wer, wovon genau profitiert und wer eben nicht. Bei der bisherigen Geschichte ist Skepsis wohl weiterhin angebracht.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Dezember 2009, aktualisiert 2018 von Katrin Uhlenbruck