XIX. Das Gutachten Spiekermann


In Deutschland wurde die Entwicklung rund um die Betuweroute immer kritisch begutachtet. Im Mittelpunkt stand die Frage: Kann das deutsche Schienennetz die Güterwagons aus den Niederlanden aufnehmen? Ist es möglich, Güter- und Personenverkehr auf zwei Gleisen verkehren zu lassen? Als bekannt wurde, dass die niederländischen Planungen vorsahen, alle sechs Minuten einen Zug auf die Strecke zu schicken, schreckten viele Leute in Deutschland auf. Die Euregio Rhein-Waal gab 1999 eine Studie beim Düsseldorfer Ingenieurbüro Spiekermann in Auftrag. Die Studie sollte klären, welche Folgen die Betuweroute und die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke HSL-Oost für das deutsche Streckennetz hat.

Das Büro Spiekermann urteilte, dass durch steigenden Güter- und Personenverkehr bis 2010 die Qualität und Pünktlichkeit des Verkehrs nur durch einen Streckenausbau gewährleistet werden könne. Dies bedeute, dass ein drittes Gleis für den Abschnitt Zevenaar – Rees/Haldern und ein drittes Gleis von Oberhausen bis Voerde nötig würden sowie der Abschnitt von Voerde bis Wesel-Feldmark vier- bis fünfgleisig ausgebaut werden müsste.

Die gesamte Strecke von Oberhausen bis Zevenaar müsse baulich verändert werden und für Personenzüge geeignet sein, die 200 Kilometer pro Stunde fahren. Alle Bahnübergänge seien durch Über- und Unterführungen zu ersetzen. Außerdem seien Lärmschutzmaßnahmen für die Städte Oberhausen, Dinslaken, Voerde, Wesel, Hamminkeln, Rees und Emmerich erforderlich. Hier müssen zwei bis vier Meter hohe Lärmschutzwände gebaut werden. Insgesamt seien 47 Kilometer Lärmschutz erforderlich.

Das Büro Spiekermann ging davon aus, dass 690 Millionen Euro für den Streckenausbau erforderlich seien. Im Einzelnen:

  • Bahninfrastruktur (Gleisbau, Streckenausrüstung, Rückbau): 260 Millionen Euro
  • Bahnhöfe (Bahnsteige, Überdachungen): 30 Millionen Euro
  • Baumaßnahmen im Umfeld (Streckenbau, Versorgungsleitungen): 170 Millionen Euro
  • Lärmschutz: 80 Millionen Euro
  • Grunderwerb: 30 Millionen Euro
  • Sonstiges (Baustelleneinrichtungen, Unvorhergesehenes): 120 Millionen Euro

Das Büro Spiekermann errechnete für die Verkehrskorridore Oldenzaal, Zevenaar und Venlo verschiedene Transportprognosen. Demnach steigt der Güterverkehr deutlich an. Auf der Strecke Emmerich – Oberhausen werden im Jahr 2010 täglich 34 Züge fahren, 1995 waren dies 20.

Auf der Strecke Zevenaar – Emmerich werden im Jahr 2010 täglich 96 Züge verkehren, im Jahr 2020 sollen es 116 sein. Bei diesem Szenario unterstellte Spiekermann, dass sich die Entwicklungen der vergangenen Jahre fortsetzten. Gleichwohl könnten diese auch schneller vonstatten gehen als geplant. Für solch ein „Bahnwachstumsszenario“ errechnete Spiekermann, dass 124 Züge den Grenzübergang Emmerich im Jahr 2010 passieren werden. Für das Jahr 2020 seien es 128 Züge. Bei einem gemäßigten Wachstum wären dies für die Betuweroute und Güternahverkehr 130 Züge im Jahr 2010 – also fünf bis sechs Güterzüge pro Stunde.

Das Abkommen von Warnemünde

Am 31. August 1992 kamen das niederländische und das deutsche Verkehrsministerium in Warnemünde überein, dass zwischen Wesel und Oberhausen ein drittes Gleis angelegt werden müsse, um die Güterzüge aus den Niederlanden zukünftig abfertigen zu können. Außerdem sollte die Strecke für eine Geschwindigkeit von 200 Kilometer pro Stunde geeignet sein. Bis 2010 – so sehen die vier Artikel des Abkommens vor - soll die Strecke Emmerich – Oberhausen für die Betuweroute fertig sein.

Was wurde draus (Stand: März 2013)?

Die Pläne für die Hochgeschwindigkeitsstrecke HSL-Oost wurden 2001 eingestellt. Dennoch blieb das eigentliche Problem bestehen: Die Strecke Amsterdam/Schiphol und Frankfurt wurde und wird immer stärker befahren und die Kapazität der vorhandenen Infrastruktur reichte und reicht nicht aus. Anstelle des Neubaus wurde deshalb die bestehende Linie zwischen Utrecht – Arnheim und der deutschen Grenze durch Bahnsteigverlängerungen, Gleisverdopplungen und -erneuerung verbessert. Bis 2016 soll der Ausbau nach Auskunft der Betreibergesellschaft ProRail noch vorangehen.

Im Januar 2007 vereinbarten der deutsche Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und seine niederländische Amtskollegin Karla Peijs (CDA), die Anschlussstrecke von Zevenaar über Emmerich am Rhein nach Oberhausen dreigleisig auszubauen (siehe auch Kapitel XX. Chronologie Emmerich - Oberhausen). Dennoch war der deutsche Teil der Strecke auch 2012 noch nicht fertiggestellt und der Güterverkehrt musste ab der Grenze auf einer anderen Gleisstrecke nach Oberhausen gefahren werden. Infrastrukturministerin Melanie Schultz van Haegen (VVD) erklärte im Juni 2012 anlässlich des fünfjährigen Jubiläums der Streckeneröffnung, dass man auch in Deutschland einsehe, dass die Strecke nun wirklich in Kürze kommen müsse. „Mein deutscher Kollege Peter Ramsauer hat mir das persönlich zugesichert. ProRail und DB-Netz stellen momentan damit beschäftigt, die Baupläne zu erstellen.“

Autor: Andreas Gebbink und Online-Redaktion
Erstellt:
Dezember 2009
Aktualisiert: März 2013