IV. Fehlstart nach Maß

Wegen Sicherheitsmängeln wurde die Inbetriebnahme der Betuweroute immer wieder verzögert. Ein Fehlstart nach Maß. Beim niederländischen Verkehrsministerium wurde man im Frühjahr 2007 schon langsam sauer. „Es ist schon erstaunlich, dass bei einem so großen Projekt, das jetzt seit einigen Jahren geplant wird, solch` gravierende Nachbesserungen gemacht werden müssen. Wir haben die ganze Geschichte hier sicherlich nicht sehr positiv notiert“, sagte ein genervter Lars Poppers. Der Sprecher des Verkehrsministeriums musste im Januar 2007 mit knirschenden Zähnen gestehen, dass die Betuweroute wegen Sicherheitsmängeln nicht wie geplant feierlich eröffnet werden konnte.

Die Meldungen der in der niederländischen Presse passten ins Gesamtbild: fehlende Absprachen, technische Probleme, Sicherheitsmängel. Schon seit 15 Jahren wird über die Betuweroute gestritten – und das Signal lautete: und wohl auch in Zukunft. Anfang Dezember 2006 ließ Verkehrsministerin Karla Peijs verlautbaren, dass die Bahngesellschaft ProRail die Brandschutzvorkehrungen für fünf Tunnels nicht rechtzeitig fertig stellen werde. Sämtliche Sprinkleranlagen seien für die Tunnels in Duiven und Zevenaar noch nicht installiert, dabei waren die Röhren schon seit 2005 fertiggestellt.

Die Bürgermeister Henk Zomerdijk (Duiven) und Jan de Ruiter (Zevenaar) verhandelten  über ein Jahr mit dem Ministerium und gaben kein Okay für die Gewährleistung des Brandschutzes. „Das Ministerium wollte die Sprinkleranlagen nicht einbauen und 60 Millionen Euro sparen. Aber Absprache ist Absprache“, rechtfertigte Bürgermeister Henk Zomerdijk damals seine Entscheidung.

Es gab zum Start noch viele Unklarheiten. Etwa, wer bei einem Notfall den Strom der Oberleitungen abstellen soll und wie viel Löschwasser entlang der Strecke gepumpt werden kann. Pro-Rail wollte den Strom von einer zentralen Schaltstelle vom Netz nehmen. Örtliche Verantwortliche bezweifelten aber, dass dies die nötige Sicherheit bietet und wollten lieber vor Ort ins Netz eingreifen können. Zudem wollte Duivens Bürgermeister weitere Stellflächen für Feuerwehrautos durchsetzen.

Eric Drent, Sprecher der Bahngesellschaft ProRail: „Bei so einem großen Projekt können die Dinge schon mal schief laufen. Die Sprinkleranlagen sind kein Massenprodukt, sondern werden speziell angefertigt“. Gleichwohl war das Problem schon seit über einem Jahr bekannt: „Das ist ärgerlich, aber nicht zu ändern“.

Zu ändern war scheinbar auch nicht, dass zu Beginn alte Dieselloks Richtung Emmerich geschickt wurden. Erst sehr viel später sollen die leiseren Elektrolokomotiven zum Einsatz kommen. „Die E-Loks müssen für das Spannungsnetz der Betuweroute auf 25 000 Volt umgerüstet werden“, erklärte Alex Sheerazi von ProRail.

Duivens Bürgermeister Henk Zomerdijk schaltete derweil auf stur und setzte gemeinsam mit seinen Kollegen durch, dass beim Betuwestart nur eingeschränkt Gefahrgüter transportiert werden können. „Nach all den Problemen fordern wir ausführliche Testfahrten“, sagt Zomerdijk.

Die Verzögerung kostet den niederländischen Steuerzahler viel Geld. Die damalige Betreibergesellschaft BREM – heute Keyrail – rechnet damit, dass Ende 2012 täglich 150 Züge fahren werden. Bis dahin wird die Betuweroute vom Steuerzahler mit 33 Millionen Euro subventioniert. „2012 muss sie aber auf jeden Fall Kosten deckend betrieben werden“, sagte Lars Poppers vom Verkehrsministerium. Dass sich die Strecke jedoch auch im Jahre 2012 noch nicht trägt, belegte das Magazin nrc.next schon im Juni 2012. Auch rund fünf Jahre dauert es noch, bis das Projekt sich rechnet (Vergleiche hierzu auch das Kapitel VI. Transportprognose des vorliegenden Dossiers).

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Dezember 2009
Aktualisiert: März 2013 und Februar 2018