VI. Wissenschaft und Innovation

Am 5. November 2007 sprachen sich die Landwirtschaftsminister der Niederlande, Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens in einer offiziellen Erklärung für eine kontinuierliche Ausweitung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Tierhaltung und im Tierschutz aus. So sollen vor allem Forschungseinrichtungen der drei Länder zukünftig enger in Fragen der Tierhaltung, des Tiertransports und der möglichst stressfreien Schlachtung kooperieren. Eine intensive Zusammenarbeit findet auch zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen statt. Im internationalen Vergleich ist die enorme Innovationskraft beider Länder und insbesondere die innerhalb der deutsch-niederländischen Grenzregion ein wichtiger Erfolgsgarant im Wettbewerb um den Absatz von Agrarprodukten. An dieser Stelle soll ein Einblick in die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten des deutsch-niederländischen Agrobusiness geliefert werden.

Forschung findet im Agrobusiness sowohl in staatlichen als auch in privatwirtschaftlichen Einrichtungen statt. In den Niederlanden steht in Wageningen eine Art internationales Zentrum der Agrarwissenschaften (Wageningen Universiteit en Researchcentrum – WUR), dass weltweit zu den besten und modernsten Forschungseinrichtungen im Agrar- und Ernährungsbereich gehört. Gegenstand der Forschung sind die Themenbereiche Ernährung und Nahrungsmittelproduktion, Pflanzen und Tiere, Umwelt und Klima, sowie Wirtschaft und Gesellschaft. Insgesamt verfügt die Universität in Wageningen über 90 Lehrstühle innerhalb von fünf verschiedenen Departments. Zusätzlich unterhält die WUR neun Forschungseinrichtungen, die verschiedenen Sachfragen nachgehen. Darunter befinden sich zum Beispiel die Animal Science Group (ASG), wo Neuerungen in der Nutztierhaltung erforscht, entwickelt und evaluiert werden und Alterra, wo Antworten auf die Frage nach Lösungsmöglichkeiten auf dem Weg zu einer nachhaltigen Nutzung der Umwelt gesucht werden. Darüber hinaus kennt WUR sieben verschiedene Graduate Schools und in RIKILT eine Einrichtung zur Untersuchung von Proben im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben im Bereich Lebensmittelsicherheit. Gegenwärtig sind rund 7000 Studierende aus 100 verschiedenen Ländern in insgesamt 18 Bachelor-, 29 Master- und einem MBA-Programm eingeschrieben. Veterinäre werden in den Niederlanden an der Universität von Utrecht ausgebildet.

Auf deutscher Seite gibt es im Gegensatz zu den Niederlanden eine große Vielfalt an rein agrarwissenschaftlichen Standorten. In insgesamt zehn Agrarfakultäten – in Berlin, Bonn, Gießen, Göttingen, Halle-Wittenberg, Hohenheim, Kassel, Kiel, München (Weihenstephan) und Rostock – werden Forschung und Lehre im Bereich der Agrar- und Ernährungswissenschaften betrieben. Verschiedene Forschungsinstitute, wie zum Beispiel das Forschungszentrum Jülich oder das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, befassen sich ebenfalls mit Randthemen der Agrar- und Ernährungsforschung: Hier werden spezifische Themen zum Beispiel im Bereich Biotechnologie oder Landnutzung bearbeitet.  Die Forschungsausgaben des Bundes beliefen sich im Jahr 2008 auf 418,7 Millionen Euro (Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 6,9 Prozent). Davon werden sowohl die klassische Ressortforschung der verschiedenen Bundeseinrichtungen, wie zum Beispiel des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR), als auch die Auftragsforschung bestritten. Immer mehr Forschung wird mittlerweile aus Drittmitteln finanziert. So auch in Deutschland, wo zum Beispiel die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Gelder für Forschungs- und Entwicklungsprojekte bereithält. Durch die Bonn Wageningen Cooperation (BOWACO) unterhält die Universität Bonn einen formellen Austausch mit den Kollegen in Wageningen, der unter anderem bereits mehrere Forschungsvorhaben und ein Joint Study Programme hervorgebracht hat.    
               
Aus dieser Kooperation ist im Jahr 2001 ein deutsch-niederländischer Verein entstanden, dessen Mitarbeiter die Verbundforschung im Bereich Agrar- und Ernährungswissenschaft an den Nahtstellen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung intensivieren sollen. Unter dem Titel Grenzüberschreitende Integrierte Qualitätssicherung (GIQS e.V.) wurden zahlreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekte in nationalen und europäischen Förderprogrammen beantragt und erfolgreich abgewickelt, so dass GIQS gegenwärtig eine Marke für ein deutsch-niederländisches Expertennetzwerk im Bereich Agrar- und Ernährung ist, zu dem auch Experten aus anderen Ländern Zugang haben. Prämiert wurde diese deutsch-niederländische Initiative im Jahr 2008 mit der Auszeichnung Kompetenznetze Deutschland. Zu den aktuellen Initiativen zählt ein großes internationales Projekt, das den Namen QPork-Chains trägt sowie ein umfangreiches INTERREG IVA Projekt, das unter dem Akronym SafeGuard eingereicht wurde.

LöfflerVerschiedene staatliche und privatisierte Einrichtungen vervollständigen die Forschungs- und Entwicklungsarbeit in beiden Ländern. In den Niederlanden leistet vor allem der Tiergesundheitsdienst (GD) einen großen Beitrag zur Auswertung von Probematerial und der Verwendung der Erkenntnisse in Frühwarnsystemen. Auf deutscher Seite ist an dieser Stelle vor allem das renommierte Friedrich Löffler Institut zu nennen, das sämtliche Risiken, die in einem Zusammenhang mit Nutz- und Wildtieren zu sehen sind, bearbeitet. Das FLI ist daher die deutsche Kapazität im Bereich Monitoring von Tierkrankheiten. In den Niederlanden wird diese Aufgabe vom Centraal Veterinary Institute (CVI) übernommen, das zur WUR gehört.    

Da der Trend immer weiter hin zu großen Unternehmen im Agrar- und Ernährungssektor geht, beginnt auch die eigenverantwortliche Forschung im privatwirtschaftlichen Bereich zu gedeihen. Nicht nur, dass sich Unternehmen wie Unilever oder VION eigene Forschungsabteilungen bzw. Wissenschaftler leisten können; vor allem die Planung so genannter Science Parks rückt immer mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Dort soll dann endgültig eine direkte Vernetzung zwischen Forschung und Produktion gelingen. Der Bio Life Science Park in Leiden ist ein gutes Beispiel für derartige Entwicklungen. Ingeborg van Gemeren ist Geschäftsführerin der Bio Affinity Company (BAC) und entwickelt im Bio Science Park Eiweißstoffe, die in der Pharmazie verwendet werden. Sie ist vollkommen überzeugt vom Sinn und Mehrwert von Science Parks und freut sich, einen Beitrag zur innovativen Unternehmenskultur zwischen den mehr als 60 Unternehmen in Leiden zu leisten. Auch im Agrarbereich wurden bereits Projekte angestoßen, die mittelfristig zum Bau eines niederländischen Agroparks führen sollen (siehe Kapitel Umwelt und Nachhaltigkeit).

Wirtschaft und Wissenschaft richten ihr Vergrößerungsglas allerdings nicht nur auf die Grundlagen der Agrar- und Ernährungswirtschaft, sondern auch auf die Weiterentwicklung der Produkte. Nachdem im Kapitel Vermarktung bereits ein Einblick in die moderne Produktpalette großer Nahrungsmittelunternehmen gegeben wurde, soll an dieser Stelle gezeigt werden, welche Neuerungen die Forschung der Wirtschaft zur Vermarktung anbietet. Auf der Food Valley Conference am 7. Oktober 2008 präsentierten verschiedene Forscherteams ihre neuesten Errungenschaften. Das Food Valley ist der Oberbegriff für eine Region in den Niederlanden, in der eine hohe Anzahl von internationalen Agrar- und Ernährungsunternehmen, Forschungseinrichtungen und nicht zuletzt das Wageningen Universiteit en Researchcentrum (WUR) angesiedelt sind. Innerhalb dieser Region arbeiten ungefähr 15,000 Menschen im Bereich Nahrungsmittelforschung und der angeschlossenen technischen Entwicklung. Eine ungleich höhere Zahl ist in der Verarbeitung von Nahrungsmitteln beschäftigt. Die Food Valley Organisation veranstaltet einmal jährlich eine Konferenz, auf der Innovationen der Branche vorgestellt werden.

Zu den diesjährigen Innovationen im Bereich Nahrungsmittel gehörte unter anderem der gezielte Einsatz von Bakteriophagen (Viren) bei der Bekämpfung von Listerien (Bakterien) im Käse. Listerien sind ein altbekanntes Risiko innerhalb der Rohmilchverarbeitung: Sie können Blutvergiftungen oder Hirnhautentzündungen auslösen und führen trotz einer Antibiotikabehandlung in 30 Prozent der Fälle zum Tode der Betroffenen.  Ferner wurde vorgestellt, wie man bestimmte Eiweiße aus Kartoffeln gewinnen kann, um diese dann an der Stelle von tierischen Eiweißen in Nahrungsmittel, wie zum Beispiel Eiscreme, zu verwenden. Den diesjährigen Food Valley Award 2008 erhielt das niederländische Unternehmen Newtricious b.v. für die Entwicklung eines Verfahrens, mit dem Eiern auf natürliche Weise ein bestimmter Wirkstoff hinzugefügt werden kann, der einer bestimmten Netzhauterkrankung beim Menschen vorbeugt. Experimente am Maastrichter Universitair Medisch Centrum (UMC) haben erwiesen, dass der tägliche Verzehr dieser angereicherten Eier einen deutlichen Effekt auf den Blutspiegel hat und somit eine erfolgreiche Prävention in der Augenheilkunde ermöglicht.               

Neben diesen neuartigen medizinischen Effekten, die durch gezielt angereicherte  Nahrungsmittel erreicht werden können, wurden auch eine Reihe von verschiedenen Produktinnovationen im Bereich Form, Funktion und Geschmack von Lebensmitteln vorgestellt. Kandierte Blumen, Laborschokolade und neue Verpackungsformen für Brot wurden lediglich übertroffen von Insektensnacks, die als optimale Proteinquelle beworben wurden. Es bleibt spannend, welche Innovation den Verbraucher derart überzeugen kann, dass wir sie morgen in deutschen und niederländischen Supermarktregalen wiederfinden.   


Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Oktober 2008