VII. Umweltschutz und Nachhaltigkeit

Das Stichwort für diesen Artikel lautet: „Hoher Ertrag auf engem Raum“: Eine hoch technisierte und spezialisierte Produktion, eine leistungsstarke und aufwendige Logistik und ein enormer Verbrauch sorgen für Spitzenwerte im deutsch-niederländischen Agrar- und Ernährungssektor, verursachen aber auch Abfallstoffe und Rückstände in Rekordhöhe, verbrauchen Ressourcen und Energie und hinterlassen drastische Spuren innerhalb der Umwelt. Daher wird in punkto Umweltschutz und Nachhaltigkeit kontinuierlich nach Lösungen  für eine möglichst Ressourcen schonende und umweltfreundliche Agrar- und Ernährungswirtschaf gesucht. Vor allem große Unternehmen übernehmen in diesem Bereich zunehmend Verantwortung.

Unter anderem aufgrund der katastrophalen Hungersnot während des Zweiten Weltkriegs wurde aus der niederländischen Nachkriegs-Landwirtschaft eine in erster Linie produktionsstarke Industrie. Man wollte sich absichern, indem man den Eigenbedarf so schnell wie möglich herstellte. Große, hoch spezialisierte Betriebe bedienten sich auf diesem Weg  immer neuer Methoden, die vor allem Kunstdünger und chemische Pestizide hergaben, um einen maximalen Ertrag zu erwirtschaften.  Doch die Natur – vor allem der hiesige Ackerboden und die Nutztierzucht – sind mittlerweile in vielerlei Hinsicht an den Grenzen der Belastbarkeit angekommen. Die niederländische Landwirtschaft soll daher umdenken. Mehr Effizienz und Nachhaltigkeit, weniger Schadstoffe und Abfallprodukte aus der intensiven Tierhaltung (wie zum Beispiel Gülle). Auf Deutschland trifft dieser Status Quo in ähnlicher, wenngleich auch im Verhältnis zur Gesamtfläche des Landes etwas weniger dringend zu. Nicht zuletzt gehört Deutschland zu den Hauptabnehmern niederländischer Abfallstoffe.

Parallel zueinander werden im Agrar- und Ernährungssektor verschiedene Ansätze verfolgt. Zum einen hat die niederländische Regierung erst kürzlich eine Zielmarke veröffentlicht, die der biologische Anteil an der Landwirtschaft zukünftig ausmachen soll. Von den anvisierten 10 Prozent bis zum Jahr 2010 wurden bislang allerdings lediglich etwa 2 Prozent erreicht. Warum biologische Produktion? In dieser umwelt- und tierfreundlichen Produktionsform wird auf Kunstdünger und Tierarzneimittel weitestgehend verzichtet. Zudem haben Tiere und Pflanzen mehr Zeit und Raum, um wachsen und reifen zu dürfen. Dies wirkt sich nachweislich auf die Qualität der Produkte  und die Beschaffenheit der Umwelt aus, ist aber bei weitem nicht so ergiebig wie die konventionelle Landwirtschaft. Obwohl das Interesse der Verbraucher an biologischen Produkten stetig wächst, ist die biologische Produktion mittel- bis langfristig lediglich eine exklusive Marktnische im Agrar- und Ernährungssektor.
         
Wie also lassen sich Effizienz und Nachhaltigkeit in der Produktion und Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte vereinbaren? Peter Smeets ist niederländischer Wissenschaftler und arbeitet für Alterra, eine Forschungseinrichtung des Wageningen Universiteit en Researchcentrum (WUR), wo er im Auftrag der chinesischen Regierung seit Januar 2006 am Aufbau zweier Agroparks in China beteiligt ist: Der Greenport Shanghai und der Chongming Dongtan Agropark. In Shanghai erfolgte im Juni 2008 bereits der Baubeginn. Doch was hat man sich unter dem Begriff Agropark vorzustellen? In China zeigt sich das innovative Großprojekt in einem äußerst futuristischen Gewand.  Ein Grüner Hafen, mitten im Yangtse-Delta auf einer Insel vor den Toren der asiatischen Metropole. Ein gigantischer Lebensmittelpark, fast 70 Fußballfelder groß. Und zur Weltausstellung 2010 soll dort bereits geerntet werden. Shanghai will unabhängig werden von Lebensmittelimporten. Millionen Kühe, Hühner und Schweine sollen im Greenport stehen. Peter Smeets sieht in dieser effizienten Hochhauslösung die Antwort auf die drohende weltweite Lebensmittel- und Energieknappheit der Zukunft. Seiner Meinung nach sind entsprechende Anlagen in Europa nur noch eine Frage der Zeit. Smeets sagte kürzlich in einem Interview mit der ARD: „Im offenen Feld würde man zwei bis drei drei Kilo Tomaten pro Quadratmeter ernten. In unserem Gewächshaus sind es 60 bis 100 Kilogramm pro Quadratmeter." Totale Effizienz.

Aber Nachhaltigkeit und Umweltschutz? Glaubt man den niederländischen Experten von Alterra so ist ein moderner Agropark ein wahres Energiewunder. Auch eine weitere niederländische Projektgruppe unter dem Namen Transforum arbeitet intensiv an der Einrichtung eines Agroparks, der im Hafengebiet zwischen dem belgischen Gent und dem niederländischen Terneuzen angesiedelt werden soll. „Agroparks bieten großartige Möglichkeiten in Hinblick auf eine nachhaltige Produktion, da sie eine räumliche Clusterbildung mehrerer Produktionsbereiche, eine effiziente Energieverwendung und eine Verringerung von Transporten ermöglichen.“ Transforum legt dabei nach eigener Aussage vor allem Wert auf eine Zusammenarbeit der einzelnen Sektoren. In Terneuzen sollen Gemüse- und Obstanbau mit Kunstdünger-Produzenten kooperieren. Dabei setzt man vor allem auf die wechselseitigen Effekte: Die Produktion und Nutzung von Bioenergie durch anfallende Abfallstoffe dient allen. Ferner wird entstehendes CO2 wechselseitig abgebaut und dabei im Idealfall sogar neue Düngemittel entwickelt. In Gent-Terneuzen ist man jedenfalls optimistisch, dass sich auf diese Weise Geld und Raum einsparen lässt und die Umweltbelastung deutlich verringert werden kann. Die wissenschaftliche Leitung baut unterdessen in erster Linie auf die aus der Praxis zu gewinnenden Erkenntnisse. Man will analysieren, in welchem Ausmaß diese räumliche Verknüpfung sowie die Weiterverarbeitung von Abfallstoffen zu neuen Produkten zu einer nachhaltigen Produktion im gesamten Agrarsektor beitragen kann.

Auf deutscher Seite sucht man entsprechende Modelle bislang vergebens. Hier setzt man in Sachen umweltbewusste und nachhaltige Produktion neben der ebenfalls florierenden Bio-Branche in erster Linie auf Bioenergie-Projekte und Maßnahmen zur Entschleunigung. Im Vorfeld des Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im Jahr 2002 wurde die erste Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung verabschiedet. Das Kernstück des über 200 Seiten starken Papiers bilden 21 verschiedene Zielsetzungen. Darunter befinden sich auch drei ambitionierte Umweltziele:

  • den Anteil des ökologisches Landbaus bis 2010 auf 20 Prozent auszuweiten
  • bis 2015 die Güterverkehrsleistung der Schiene gegenüber 1997 zu verdoppeln,
  • den Flächenverbrauch bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu verringern.

Vor dem Hintergrund der engen Vernetzung und tierdichten Aufstellung der deutsch-niederländischen Grenzregion ist es sehr wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis Planungen eines gemeinsamen Agroparks publik gemacht werden.    


Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Oktober 2008