III. Produktion und Verarbeitung

Der Weltmarkt für Agrarprodukte befindet sich im Wachstum. Weltweit wurden im Jahr 2004 Agrarprodukte im Wert von 750 Milliarden Dollar (600 Milliarden Euro) gehandelt. Damit wurde die Vorjahresbilanz um etwa 100 Milliarden Dollar übertroffen. Die Niederlande mischen zu einem gehörigen Anteil mit im internationalen Gefüge: Im Jahr 2005 erhöhte sich die Ausfuhr von niederländischen Agrar- und Ernährungsprodukten auf etwa 50,8 Milliarden Euro während die Einfuhr bei einem Gegenwert von circa 22,6 Milliarden Euro lag. Der deutsche Agrar- und Ernährungssektor verzeichnete 2006 eine Einfuhr im Wert von 52 Milliarden Euro und eine Produktausfuhr von 41 Milliarden Euro.

Doch welche Produktionsbereiche werden überhaupt zum Agrarsektor gerechnet? Traditionell gehören die Bereiche Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei dazu. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung macht in Deutschland gegenwärtig zwar nur 1 Prozent aus (2,2 Prozent unter den Erwerbstätigen), die volkswirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors ist jedoch ungleich höher. Im Jahr 2005 erzielten die genannten Branchen einen Produktionswert von 45,5 Milliarden Euro (siehe Abbildung). In den Niederlanden erwirtschaften die Bereiche Landwirtschaft, Zulieferer und verarbeitende Industrie, Handel und Logistik etwa 10 Prozent des niederländischen Bruttosozialproduktes. Das bedeutet, dass einer von zehn niederländischen Arbeitsplätzen im Agrarsektor angesiedelt ist, die wiederum zu zwei Dritteln aus dem Export von Zierpflanzen, Fleisch, Milchprodukten, Gemüse und Tabak finanziert werden.

Im Vergleich zu anderen elementaren Sektoren ist der deutsche Agrarsektor damit weit vorne. Zudem ist die Landwirtschaft auch ein ausgezeichneter Kunde: Vor allem klein- und mittelständische Unternehmen leben vom Handel mit der Landwirtschaft. Viele landwirtschaftliche Betriebe nutzen darüber hinaus eine Vielzahl an spezifischen Dienstleistungen. Diese reichen von der Beratung in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und produktionstechnischen Fragen, über Wartungsarbeiten bis hin zur Tiergesundheit und Qualitätsüberwachung der Produktion. Damit sind Bauern wichtige Nachfrager im gesamten industriell-gewerblichen Gefüge sowie im Dienstleistungsbereich und sichern dort Tausende von Arbeitsplätzen.
   
Der Anteil der Erwerbstätigen der Landwirtschaft am deutschen Agrobusiness beträgt rund 19 Prozent. Das bedeutet, dass einem landwirtschaftlichen Arbeitsplatz vier weitere Arbeitsplätze in den anderen Bereichen des Agrobusiness gegenüberstehen. Das gesamte Agrobusiness erbrachte im Jahr 2000 zusammen etwa 553 Milliarden Euro, was rund 15 Prozent des in der deutschen Wirtschaft erzielten Produktionswertes ausmacht. Gemessen an der volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beträgt der Anteil des Agrobusiness 6,8 Prozent. Die Stärke und Stabilität der deutschen Volkswirtschaft besteht keineswegs nur in einer exportorientierten Industrie, sondern nach wie vor auch in der binnenmarktorientierten Wirtschaft, dem Mittelstand, dem Handwerk und der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei zugrunde liegen.  

Der deutsch-niederländische Agrar- und Ernährungssektor bedient zudem auch Bedürfnisse der Bevölkerung, die nicht unmittelbar mit der Nahrungsmittelproduktion in Verbindung stehen. Durch die Erhaltung und Pflege von Kulturlandschaften sowie durch die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen leistet die Landwirtschaft einen hohen Beitrag zur Lebensqualität und zur Attraktivität ländlicher Räume. Der deutsche Sektor pflegt etwa 30 Millionen Hektar Acker, Wiesen und Wald. Das sind rund 83 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands, die auf diesem Wege nicht nur als funktionsfähige Siedlungs- und Wirtschaftsräume erhalten bleiben, sondern auch zunehmend interessant sind für Naherholung und Tourismus.      

Für beide Länder hat das Agrobusiness somit nicht nur eine große wirtschaftliche sondern auch eine gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung. Doch das romantische Bild von niederländischen Wassermühlen und deutschen Pferdekarren ist längst ins Reich der Erinnerung gewechselt und dient heutzutage maximal touristischen Zwecken. Chromblitzende Agroparks, intensive Viehhaltung, kilometerlange Gewächshäuser: Die hoch technologisierte Landwirtschaft der Zukunft ist kompakt, effizient und dabei außerordentlich produktiv. Das Zentrum des niederländischen Agrobusiness liegt im Osten des Landes entlang der deutschen Grenze. Dort werden Getreide-, Gemüse-, Frucht- und Schnittblumenanbau sowie Fleischproduktion und Milchviehhaltung in großem Stil betrieben. Gerade für den Handel mit Deutschland ist die Werbefigur Frau Antje mittlerweile ein Sinnbild für die erfolgreiche Exportstrategie der Niederlande nach Deutschland geworden. Rund 56 Prozent der Gesamtfläche der Niederlande wird landwirtschaftlich genutzt (ca. 70.000 ha Gewächshäuser, die mit wachsender Tendenz über 200.000 Menschen Arbeit bieten). In Deutschland ist eine spiegelbildliche geographische Verteilung von Unternehmen im Agrar- und Ernährungssektor zu erkennen. Das westliche Niedersachsen und das nord-westliche Nordrhein-Westfalen zählen hier zu den tierstärksten Regionen der Bundesrepublik. In diesen ländlich geprägten Kreisen ist zum Teil jeder Dritte Angestellte in der Landwirtschaft tätig.

Diese Grenzregion bildet das Fundament für ein modernes agroindustrielles Netzwerk, deren Länder über eine zunehmend marktorientierte Arbeitsteilung verfügen: NRW bezieht zum Beispiel nahezu 50 Prozent der Futtermittel aus den Niederlanden, während die nordrhein-westfälischen und niedersächsischen Schlachthofkapazitäten ein fester Bestandteil niederländischer Unternehmensplanung sind. Zum Beispiel: Das niederländische Unternehmen VION ist das größte Schlachtunternehmen in Deutschland.

Wertschöpfungskette Fleisch

Wenn man im Bereich Agrar- und Ernährung von arbeitsteiliger Organisation spricht, dann kann man sich zum besseren Verständnis den Produktionsablauf vom Erzeuger bis hin zum Verbraucher als mehrere Glieder in einer Kette vorstellen: Im Fachjargon spricht man diesbezüglich von einer Wertschöpfungskette. Das deutsch-niederländische Agrobusiness kennt in jeder Branche einen engen arbeitsteiligen Austausch. Besonders effizient ist diese grenzüberschreitende Vernetzung im Bereich Fleischerzeugung. Vom Stall bis zum Verbraucher durchläuft die Produktion sieben verschiedene Stufen, die in den Bereichen Marketing, Transport und Futtermittelproduktion noch weitere beeinflussende Dienstleistungen erfordert.

Welchen Umfang die niederländische verarbeitende Industrie je nach Branche einnimmt wird aus der Tabelle deutlich. Klar führend nach Anzahl der Betriebe und Erwerbstätigen sind hier die Fleisch verarbeitende Industrie sowie die Produktion von Backwaren. Achtet man auf den Nettoumsatz, so fällt vor allem die Produktion von Ölen und Fetten mit etwa 5,7 Milliarden Euro auf.

Die deutsche Ernährungsindustrie erreichte 2005 einen Umsatz von 133,6 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr konnte man damit eine Steigerung um 2,6 Prozent verbuchen. Sie ist das viertgrößte deutsche Gewerbe nach der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der chemischen Industrie. Aufgrund der Preisentwicklung strebt auch die deutsche Ernährungsindustrie, in der im Jahr 2006 mehr als 500.000 Beschäftigte angestellt waren, immer mehr hin zum Export. Mehr als 80 Prozent der deutschen Produkte werden dabei im EU-Binnenmarkt abgesetzt. Die Ernährungsindustrie ist in Deutschland stark mittelständisch geprägt. Daher fällt der weltweite Wettbewerb mit den größten Lebensmittel-Konzernen schwer. Das niederländisch-britische Unternehmen Unilever ist eine dieser globalen Food Companies mit Hauptsitzen unter anderem in Rotterdam und in Hamburg. Unilever produziert und vermarket mehr als 400 verschiedenen Marken – im Nahrungsmittelbereich befinden sich darunter Knorr, Rama, Becel und Bertolli – und gibt einen Jahresumsatz von 40 Milliarden Euro bei weltweit etwa 180.000 Mitarbeitern an.

Bio-Produktion

Obwohl die Produktion biologisch wertvoller Lebensmittel in Deutschland und den Niederlanden nur jeweils etwa 3 bzw. 2 Prozent der Gesamtproduktion ausmacht, hat sie ihr Nischendasein längst abgeschlossen. Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland der größte Absatzmarkt für Bio-Produkte. Spätestens seit der sagenhaften Erfolgsgeschichte der Bionade ist hier ein Markt entstanden und öffentlich sichtbar geworden, der über das Klischee der esoterischen Öko-Konsumenten weit hinaus geht. Heute bedeutet Bio in erster Linie (verantwortungs)bewusste und gesunde Ernährung und lässt sich gesellschaftlich nicht mehr an politisch-soziologischen Einstellungen festmachen, sondern höchstens noch am Jahreseinkommen, das erforderlich ist, um regelmäßig hochwertige Produkte kaufen zu können. Das Bild vom einsam neben lauter Legebatterien und Monokulturfeldern vor sich hin wurstelnden Ökobauern mit Latzhose und Zauselbart – wie die Süddeutsche Zeitung es kürzlich in einer Ausgabe ihres Magazins unter dem Titel "Gut, besser, ökologisch?" umschrieb – stimmt längst nicht mehr. Heute gibt es große Agrarbetriebe, die nach EU-Norm Bio-Lebensmittel produzieren, sich aber ansonsten von konventionellen Großbetrieben kaum noch unterscheiden.           

HühnerDer Absatzmarkt für Bio-Produkte verzeichnet rasante Zuwächse. In den Niederlanden ist der Umsatz mit Bio-Produkten im ersten Halbjahr 2007 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 15,5 Prozent gestiegen. Damit wächst der Bio-Markt dort trotz der bestehenden Versorgungsengpässe und den damit verbundenen hohen Verbraucherpreisen derzeit doppelt so schnell wie der Lebensmittelmarkt insgesamt. Die entstehenden Engpässe decken niederländische Unternehmen wie The Greenery – einem der weltweit größten Lieferanten von Obst und Gemüse – mit Zukäufen in Deutschland. Innerhalb des Bio-Sortiments sind die Zuwachsraten bei Eiern, Brot und Milchprodukten besonders hoch. Der Umsatz mit Bio-Eiern hat sich im vergangenen Jahr um 24 Prozent auf 11,7 Millionen Euro erhöht. Der durchschnittliche Verkaufspreis von einem Bio-Ei lag bei 27 Cent. Damit war es gut doppelt so teuer wie ein Freilandei. Die Zahl der Bio-Legehennen ist in den Niederlanden 2007 erneut gestiegen und lag nach vorläufigen Schätzungen zwischen 900.000 und einer Million Tiere. 75 Prozent der Bio-Eier werden exportiert. Deutschland ist dabei eindeutig der Hauptabnehmer. Besonders stark ist das Umsatzwachstum von Bio-Produkten in den Niederlanden bei vergleichsweise jungen Absatzmärkten: So gab es bei den Discountern ein Plus von 40 Prozent und im Cateringbereich ein Plus von 21 Prozent. Aber auch Webshops, Wochenmärkte und andere sonstige Vertriebswege verzeichneten mit 23 Prozent Wachstum überproportionale Zuwachsraten. Die großen Vertriebswege für Bio-Lebensmittel, der Lebensmitteleinzelhandel und der Fachhandel, konnten ihre Verkäufe um 15 beziehungsweise 12 Prozent erhöhen. In diese beiden Verkaufsstätten werden 86 Prozent der Bio-Umsätze erzielt. Trotz der stark boomenden Bio-Nachfrage stagniert die Bio-Anbaufläche in den Niederlanden. Anfang Juli 2007 beliefen sich die Bio-Flächen in den Niederlanden auf knapp 47.700 Hektar, das waren 1,5 Prozent weniger als Ende des Jahres 2006.

Auch auf deutscher Seite geht der Trend aufwärts. Der Bio-Markt wuchs 2007 um 18,4 Prozent, was allerdings leicht unter den Vorjahresangaben lag. Der Gesamtumsatz für Bio-Lebensmittel belief sich auf rund 5,5 Milliarden Euro und wuchs in fast allen Vertriebsbereichen. Trotz der boomenden Konkurrenz im konventionellen Handel verzeichnete auch der Naturkostfachhandel ein deutliches Plus. Maßgeblich hierfür war in erster Linie die Expansion der Bio-Supermärkte. Im Jahr 2007 entwickelten sich die Verarbeitungsprodukte mehr und mehr zum Wachstumsgaranten. Für die von der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) analysierten Warengruppen errechnet sich ein Umsatzwachstum von knapp 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Den höchsten Bio-Anteil weist dabei die Babyglaskost-Sparte mit etwa 60 Prozent auf. Es folgen Gemüsesäfte mit 21,4 Prozent, Müsli mit 15,2 Prozent und Frischmilch mit 11,3 Prozent. Im Gegensatz zu den letzten 5 Jahren ging ein großer Anteil des Umsatzzuwachses aber auf das Konto von Preissteigerungen. Da inzwischen die allermeisten Haushalte (94 Prozent) Bio-Produkte – wenn auch vielfach nur sporadisch – kaufen, konnten kaum Neukäufer gewonnen werden.

Welche Vorgaben Erzeuger und verarbeitende Unternehmen erfüllen müssen, um ihre Produkte biologisch nennen zu dürfen, ist kein einheitliches Unterfangen. Der EU-Markt kennt viele verschiedene Siegel, deren Produktionsauflagen sehr unterschiedlich sind und daher auch Produkte von sehr unterschiedlicher Qualität hervorbringen. Die Grundsätze der Ökologie-Bewegung basieren auf drei Grundsätzen: Lebensmittel sollen möglichst artgerecht angebaut oder gezüchtet werden, auf künstliche Düngemittel oder Zuchtpräparate wird verzichtet, kurze Transportwege werden bevorzugt, was zugleich den Vorzug für Produkte aus der näheren Umgebung des Konsumenten und die Beschränkung auf jahreszeitliche Produkte bedeutet. Für die massenhafte Produktion sind diese Bedingungen natürlich nur schwer einzuhalten. Die Einführung des europäischen Biosiegels öffnet den großen Discountern wie Aldi, Lidl oder Plus Tür und Tor für eine eigene Bio-Linie. So kann ein Landwirt diese Norm bereits erfüllen, wenn er für ein Jahr auf Kunstdünger verzichtet. Öko-Verbände setzen da auf deutlich längere Karenzzeiten. Die EU-Norm stellt somit eine Art Mindestvoraussetzung dar und ist der kleinste gemeinsame Nenner, der sich in den Verhandlungen zwischen den europäischen Agrarministerien finden ließ. Wer hochwertige Bio-Produkte kaufen will, orientiert sich also besser an eigenständigen Biosiegeln wie Demeter, Naturland oder Bioland in Deutschland sowie das EKO-Siegel in den Niederlanden.


Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Oktober 2008