VIII. Krisenpräventionen und Krisenmanagement

Krisenfälle im Bereich Agrar- und Ernährungswirtschaft haben häufig eine unmittelbare Auswirkung auf die menschliche Gesundheit. Am Beispiel aktueller Themen (Aviäre Influenza, Gammelfleisch, Acrylamid, usw.) soll geschildert werden, in welcher Form die Verantwortlichen auf behördlicher und auf privatwirtschaftlicher Seite den bekannten Risiken begegnen und den bislang noch unbekannten Gefährdungen vorbeugen, damit der Verbraucher so sicher wie möglich ist. Dabei wird zusätzlich beleuchtet, welche gemeinsamen Maßnahmen die Niederlande und Deutschland bei der Identifizierung von Risiken und der Überwindung von Krisen treffen.

Die deutsche Zeitschrift STERN titelte kürzlich in ihrer online-Ausgabe: „Alle drei Monate ein Lebensmittelskandal in Europa!“ Nun klingt der Begriff Skandal weitaus weniger furchterregend als der Begriff Krise. Und tatsächlich: Zu einer wirklichen Krise im Agrar- und Ernährungssektor braucht es mehr als nur ein paar skandalöse Entdeckungen, wie es zum Beispiel die regelmäßigen Funde von verdorbener Ware oder verbotene Aufbesserung von Fleischprodukten mit Farbstoffen oder Wasserzugabe sind. Die Auslöser eines Skandals oder einer Krise sind jedoch vollkommen identisch: Es handelt sich dabei entweder um ein unbewusstes oder kalkuliertes Fehlverhalten innerhalb der Produktionskette oder um eine natürliche außerordentliche Störung, wie sie zum Beispiel durch den Ausbruch einer Tierseuche vorkommen kann. In beiden Fällen drohen gesundheitliche, ethische oder wirtschaftliche Probleme in unterschiedlichem Ausmaß. Während manche Lebensmittelskandale, wie zum Beispiel Funde von verdorbenem Fleisch, gesamtgesellschaftlich maximal für eine kurze Phase der Entrüstung sorgen, können größere Störungen, wie etwa der Ausbruch der Vogelgrippe, durchaus langfristige wirtschaftliche Schäden und sogar gesundheitliche Konsequenzen für den Verbraucher verursachen.      

Doch was zeichnet in Zeiten der inflationären Verwendung drastischer Begriffe eine wirkliche Krise im Agrar- und Ernährungssektor aus? Der Umgang mit Gesundheitsrisiken in der Vergangenheit hat erwiesen, dass grundsätzlich immer dann von einer Krise die Rede ist, wenn das Maß der potentiellen Gefährdung nicht nur für kurze Zeit auf eine Region oder eine Kleingruppe beschränkt bleibt, sondern ein potentielles Risiko für große Teile der Wirtschaft bzw. der Öffentlichkeit birgt und den sicheren Fortbestand einer Branche in Frage stellt. Die Aufmerksamkeit der Medien ist in diesem hoch sensiblen Bereich ein starker Multiplikator kritischer Ereignisse und daher so wichtig, weil sie das Verbraucherverhalten unmittelbar beeinflusst. In den Niederlanden musste man in der jüngeren Vergangenheit bereits häufiger die Erfahrung machen, welche öffentlichen Protestwellen die mediale Berichterstattung hervorrufen kann. Die emotionale Berichterstattung während der Vogelgrippe-Bekämpfung im Jahr 2005 hatte heftige Kritik an den Maßnahmen der Regierung zufolge: Vor allem die Aufforderung an alle Hobbyhalter, ihre Zuchttiere in Käfigen abholbereit an die Straße zu stellen, verursachte viel Gegenwehr. Seither wurde das niederländische Krisenmanagement sukzessiv um entsprechende Maßnahmen zur Betreuung von Tierhaltern und zur Öffentlichkeitsarbeit erweitert.    

Aber egal ob Skandal, Katastrophe oder Krise: Unternehmen und staatliche Einrichtungen sind vom EU-Gesetz her gleichermaßen beauftragt, präventive Regelungen und Kontrollmaßnahmen für den Krisenfall vorzubereiten, um die negativen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Konsequenzen einer Krise so stark wie nur möglich zu reduzieren. Qualitätssicherungssysteme, wie sie in Kapitel 3 beschrieben worden sind, gehören daher im Bereich der Lebensmittelerzeugung und –verarbeitung zu den tragenden Säulen der Krisenprävention. Laut EU-Gesetz ist jedes Unternehmen verpflichtet, einwandfreie Produktions- und Hygienebedingungen herzustellen sowie die Rückverfolgbarkeit ihrer Produkte innerhalb der Wertschöpfungskette zu gewährleisten. Auf staatlicher Seite sorgen verschiedene Einrichtungen im Rahmen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes für Maßnahmen in der Prävention und der Bekämpfung von Krisen. Dazu gehören Monitoring-Programme und Surveillance-Systeme, mit denen bereits erste Anzeichen eines Risikos signalisiert werden können sowie Krisenhandbücher, die ein präzise definiertes Verfahren für jeden vorstellbaren Krisenfall vorgeben.

Die Zusammenarbeit zwischen den Behörden in den Niederlanden und in Deutschland verläuft in diesem Bereich weitestgehend im europäischen Rahmen. Eine wesentliche Funktion hat dabei die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) übernommen. Sie ist im Bereich der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit der Grundpfeiler der Risikobewertung der Europäischen Union (EU). In enger Zusammenarbeit mit nationalen Behörden und offenem Austausch mit betroffenen Interessengruppen stellt die EFSA unabhängige wissenschaftliche Beratung zur Verfügung und kommuniziert deutlich und verständlich über vorhandene und aufkommende Risiken. Im Krisenfall treffen dann vor allem die obersten Veterinäre jedes EU-Mitgliedsstaates in Brüssel zusammen (SCOFCAH), um die erforderlichen Maßnahmen abzustimmen. Bei der Umsetzung dieser Maßnahmen macht sich Zusammenarbeit zwischen den nationalen Einrichtungen vor allem bei grenznahen Krisen sehr bewährt. In regelmäßigen Übungen und jährlichen Konferenzen werden die grenzüberschreitenden Kontakte frisch gehalten.   

Doch wer ist überhaupt verantwortlich für die Sicherheit von Agrar- und Ernährungsprodukten? An oberster Stelle stehen die jeweiligen Fachministerien. Das niederländische Landwirtschaftsministerium (MinLNV) trägt ebenso die Hauptverantwortung für die zu treffenden Maßnahmen wie das in Deutschland (BMELV). In den Niederlanden ist die Voedsel en Warenautoriteit (VWA) die hauptverantwortliche Einrichtung bezüglich der Umsetzung von Maßnahmen zur Erhaltung der Lebensmittelsicherheit. In Deutschland tragen das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sowie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Hauptverantwortung. Unterstützt werden sie dabei von 16 verschiedenen Länderbehörden. In Niedersachsen handelt es sich dabei um das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES); in Nordrhein-Westfalen um das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV). Sowohl die Bundesbehörden als auch die grenznahen Landesbehörden unterhalten gute formelle Kontakte in die Niederlande, die sich unter anderem auch in gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekten niederschlagen.

Bei der Ausrichtung von Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen ist man angewiesen auf bereits gemachte Erfahrungen, die die zuständigen Behörden auch in grenzüberschreitenden Schulungen und Übungen regelmäßig austauschen. In der jüngeren Vergangenheit dominierten die natürlichen Störungen in Form von Tierseuchenausbrüchen das Krisenmanagement in Deutschland und den Niederlanden. Mit wenigen Ausnahmen handelte es sich dort um rein wirtschaftliche Schäden, da die meisten Tierkrankheiten für den Menschen ungefährlich sind. Lediglich im Falle der Aviären Influenza (Vogelgrippe) besteht für den Menschen ein gewisses Gesundheitsrisiko. Andere Keime und Erreger, die weitaus gefährlicher für den Menschen sind, erhalten nur selten die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Nach wie vor gehen jährlich etwa 70 Prozent aller Lebensmittelinfektionen auf eine Salmonellose zurück: Etwa 55.000 Erkrankungen gab es 2007 in Deutschland, rund 50.000 in den Niederlanden.    

Lebensmittel- und Futtermittelbereich waren in Deutschland und den Niederlanden in den letzten Jahren von verschiedenen Krisen bzw. krisenhaften Ereignissen betroffen (siehe Tabelle). Dabei sind beispielsweise Kontaminationen mit Dioxin, Acrylamid, Nitrofen oder mit dem Hormon MPA zu erwähnen. Das das Vertrauen der Verbraucher in die Sicherheit und Qualität von Lebensmitteln immer wieder erschüttert wird, hat auch eine rein wirtschaftliche Bedeutung. "Es besteht die Gefahr, dass wir mehr Gammelfleisch bekommen, mehr verkeimte Hühnchen, mehr pestizidbelastetes Obst", sagte Gerd Billen, Vorstand der Verbraucherzentralen, der Berliner Zeitung. Die hohen Lebensmittelpreise machten Betrug wirtschaftlich noch interessanter. Ein Grund mehr für jedes ambitionierte Unternehmen, die Eigenkontrollsysteme auszubauen und publik zu machen.


Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Oktober 2008