I. Einführung

Der global gültige Begriff Agrobusiness lässt bereits vermuten, dass die Herstellung und Vermarktung von Agrar- und Ernährungsprodukten in der heutigen Zeit keine rein regionale bzw. nationale Angelegenheit mehr ist. Selbst der kleine Biobauer im hintersten Westfalen hat sich nach EU-Vorgaben zu richten, wenn er seine Produkte ordnungsgemäß herstellen und verkaufen möchte. Deutsche und niederländische Landwirte stehen im direkten Wettbewerb zueinander, aber eben immer direkter auch im Wettbewerb mit den brasilianischen und chinesischen Kollegen. Der Verbraucher fragt sich dabei nicht selten zurecht, ob sich die Hersteller der Zutaten, die in seiner Fertigmahlzeit gelandet sind, überhaupt in einer gemeinsamen Sprache unterhalten könnten bzw. warum der Apfel, den er in der Hand hält, in seinem kurzen Leben bereits mehr Kontinente besucht hat, als sein Käufer. Um im globalen Wettbewerb standhalten zu können, bilden sich überall in der Welt so genannte Exzellenzcluster. Hoch spezialisierte Unternehmen schließen sich dabei zu Produktionsketten zusammen, die nicht selten über staatliche Grenzen hinausgehen. Das Agrobusiness im deutsch-niederländischen Grenzgebiet gehört mittlerweile zu den fortschrittlichsten und qualitätsbewusstesten Regionen weltweit.

Deutschland und die Niederlande sind traditionell tüchtige Landwirtschaften. Qualität und Exklusivität gehören unabhängig vom Agrar- und Ernährungssektor zu den Aushängeschildern beider Wirtschaftssysteme. Auf der einen Seite entstanden erfolgreiche Markenprodukte wie Gouda, Vla und Matjes, auf der anderen Seite etablierten sich so viele verschiedene Brotsorten (angeblich über 300) wie wahrscheinlich nirgendwo auf der ganzen Welt. Betrachtet man die landwirtschaftliche Struktur beider Länder, fällt vor allem die dicht gestaffelte deutsch-niederländische Grenzregion ins Blickfeld. Während die Provinzen Nord-Brabant, Gelderland, Overijssel und Limburg zu den führenden Agrarregionen der Niederlande zählen, sind auf deutscher Seite lediglich die Bayern mit der Primärproduktion und der verarbeitenden Industrie in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zu vergleichen. Diese grenzüberschreitende Agrarregion ist vor allem im Bereich der Tierproduktion spürbar eng verbunden: Veterinäre bezeichnen das Grenzgebiet daher als eine epidemiologische Einheit, da die Landesgrenzen aufgrund der dichten Konzentration in der Tierhaltung hier keinerlei hemmenden Einfluss auf die mögliche Verbreitung von Tierkrankheiten haben und die Region somit ganzheitlich kontrolliert werden müsste. Somit profitieren nicht nur beide Staaten von der wirtschaftlich starken Grenzregion: Es ist auch eine grenzüberschreitende Verpflichtung, sich den dort vorhandenen Risiken und Gefährdungen, die vor allem durch die zahlreichen Tiertransporte und regen Personenkontakte im Dienstleistungssektor Landwirtschaft entstehen, anzunehmen.

Die gemeinsame Grenzregion ist somit ein starker Wirtschaftsfaktor. Vor allem die niederländischen Landwirte entdeckten frühzeitig den Export von Agrarprodukten als absolute Erfolgsstrategie, während sich der deutsche Markt zunächst eher kleinteilig und regional entwickelte. Die wachsende Konkurrenz aus dem nicht-europäischen Ausland beantworteten die EU-Staaten bereits 1958 mit der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die ein Mindestpreisniveau für Agrarprodukte bietet und so den Fortbestand der konventionellen Landwirtschaft in Europa gewährleisten soll. Trotz der massiven Subventionen aus den Töpfen der Europäischen Gemeinschaft ist es mittlerweile immer sichtbarer, dass ein erfolgreicher Wettstreit mit Agrar-Riesen wie China oder Brasilien langfristig aufgrund des Lohnniveaus und des Produktionsumfangs nicht mehr sinnvoll ist. Die EU setzte bereits mit der GAP-Reform 2003 und der Initiative Cross Compliance klare Zeichen für mehr Qualität als Wettbewerbsfaktor in der Nahrungsmittelproduktion. Die neue Gesetzgebung fordert unter anderem mehr privatwirtschaftliche Eigeninitiative bei der Umsetzung von Qualitätsstandards. Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet setzt sich daher immer mehr die Überzeugung durch, sich dem globalen Wettbewerb gemeinsam zu stellen, indem man über die aktuellen EU-Vorgaben hinaus qualitativ einzigartige Produkte herstellt und sich somit von der Konkurrenz absetzt.

Qualität erfordert Innovation. Innovative Strategien beinhalten, dass man sich den Herausforderungen der Moderne stellt und so neue Produktionsverfahren, technische  und systemische Verbesserungen sowie Marktlücken entwickelt und aufdeckt. Das deutsch niederländische Agrobusiness sieht sich dabei mit einer Reihe verschiedener Fragestellungen konfrontiert:

Stichwort Nachhaltigkeit: Die intensive Produktion von Nahrungsmitteln verursacht hohe Energiekosten und Abfallprodukte, die negative Auswirkungen zur Lasten der Umwelt haben (z.B. Gülle). Daher muss geklärt werden, wie sich eine bessere Effizienz und eine höhere Nachhaltigkeit im Zukunftskonzept des Agrosektors verwirklichen lassen. In beiden Ländern wird daher gegenwärtig das Modell des Agroparks heiß diskutiert und vereinzelt bereits erprobt. Die Kritik innerhalb der Öffentlichkeit am Umgang mit Nutztieren wird zudem immer lauter. In welcher Art und Weise Tierschutzmaßnahmen in der Produktion und in der Bekämpfung von Tierkrankheiten berücksichtigt werden können, ohne die damit verbundenen Kosten zu hoch werden zu lassen, ist ein weiterer zentraler Bestandteil der Überlegungen.

Stichwort Lebensmittelsicherheit: In den vergangenen Jahren häuften sich Fälle von Wirtschaftskriminalität, bei denen minderwertige oder verdorbene Produkte illegal und falsch etikettiert dem Markt zugeführt wurden. In Deutschland machte vor allem der Begriff Gammelfleisch die Runde. Hier sind Maßnahmen erforderlich, die über die gewöhnliche Lebensmittelkontrolle hinausgehen. Neben den im Zusammenhang mit dem Preisdruck  steigenden kriminellen Handlungen bleiben auch die natürlichen Störungen des Produktions- und Handelsaufkommens eine aktive Bedrohung des Sektors. Tierseuchen sind ein enormes wirtschaftliches und vereinzelt auch gesundheitliches Risiko, zumal der Klimawandel immer neuartigere Krankheiten auch nach Mittel- und Nordeuropa bringt (zum Beispiel die Blauzungenkrankheit). Die Frage, die sich hier stellt, ist, welche Strategien die für die Qualitätssicherung und das Risikomanagement verantwortlichen privatwirtschaftlichen und staatlichen Einrichtungen beider Länder ergreifen.

Stichwort Verbraucherschutz: Zum Thema Verbraucherschutz zählt neben der Aufklärung der Bürger über Risiken und Hygiene im Umgang mit Nahrungsmitteln sicherlich auch die Tatsache, dass EU-Bürger in immer größerem Umfang unter einseitiger Ernährung leiden und nicht selten bereits in jungen Jahren mit Fettleibigkeit zu kämpfen haben. Auch hier ist die Branche gefordert, mit neuen Produkten bzw. einer eindeutigen Deklarierung aller Produkte Abhilfe zu schaffen.

Stichwort Qualitätsbewusstsein: Hohe Qualität war und ist ein deutsch-niederländisches Gütesiegel. Die Qualitätsstandards in der Agrar- und Ernährungswirtschaft beider Länder sind weltweit nach wie vor führend. Immer mehr EU-Bürger legen mittlerweile zusätzlichen Wert auf Nahrungsmittel aus biologisch wertvoller Produktion. Vor allem in Deutschland hat man im Bereich Bio-Produkte bereits einige Erfolge vorzuweisen. Die Nachfrage auf dem niederländischen Markt ist in den letzten Jahren ebenfalls gestiegen, so dass auch hier erste gemeinsame Ansätze sinnvoll sind.


Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Oktober 2008