V. Groß- und Einzelhandel

Nach Einschätzung von Experten ist das Handelsaufkommen innerhalb einer Grenzregion lediglich zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) größer als zwischen den Niederlanden und Deutschland. Dabei ist sowohl aus niederländischer als auch aus deutscher Sicht der internationale Handel im Agrar- und Ernährungssektor von wachsender Bedeutung für die Existenz der immer größer werdenden und zunehmend global ausgerichteten Betriebe. Unter anderem aufgrund der steigenden Nachfrage nach Bioenergie und der wachsenden Weltbevölkerung zeigt die Preisentwicklung der letzten Jahre im Bereich Agrar- und Ernährung stetig nach oben. Während die Verarbeitung von Getreide und Mais zu Bioenergie einen direkten Einfluss auf die Teuerungsrate in der Lebensmittelbranche hat, sorgen sie in der Fleischerzeugung für eine indirekte Preissteigerung, da dort die Preise für Futtermittel betroffen sind.

Dieser Trend ist selbstverständlich auch im deutsch-niederländischen Agrobusiness angekommen. Die Niederlande verzeichneten 2008 die höchste Preissteigerung im Bereich Nahrungsmittel seit sieben Jahren. Im August 2008 lagen die Preise ganze sieben Prozent höher als im Vorjahr. Die Preisentwicklung wird in Deutschland ähnlich dokumentiert. Der Index der Nahrungsmittelpreise stieg in Deutschland im Wirtschaftsjahr 2006/07 um 2,4 Prozent an. Der Preisindex der übrigen Lebenshaltungskosten nahm dagegen nur um 1,5 Prozent zu. Im europäischen Vergleich liegen allerdings beide Länder noch unter dem für das Jahr 2005 ermittelten Durchschnitt (siehe Abbildung). Der Einzelhandel macht sich zusätzlich sorgen um den anhaltenden Siegeszug der Discounter: Mit der Kampagne „Lebensmittel sind mehr wert“ versucht der Sektor, die Relevanz hochwertiger Nahrungsmittel wieder in das Bewusstsein der Verbraucher zu bringen.     

Welchen Einfluss hat nun die Entwicklung der Preise auf den Groß- und Einzelhandel im Agrar- und Ernährungssektor? In der Folge des weltweit steigenden Bedarfs an landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Nahrungsmitteln erhöhte sich auch das Handelsvolumen stetig. Die Niederlande weisen für das Jahr 2008 im Bereich Nahrungsmittel und lebende Tiere einen Gesamtwert der exportierten Waren von rund 20,6 Milliarden Euro auf. Der Gesamtwert im Bereich Import liegt indes bei 10,5 Milliarden Euro. Einfuhr und Ausfuhr sämtlicher Nahrungsmittel liegen in Deutschland bei Produkten im Wert von 47 Milliarden Euro bzw. 37 Milliarden Euro. Trotz der Preissteigerungen in den vergangenen Jahren gestalten sich die Kosten für Lebensmittel im Vergleich zu den übrigen Lebenshaltungskosten noch sehr moderat. Trotzdem geben die Verbraucher in Deutschland immer weniger Geld für Nahrungsmittel aus.      

Beide Länder sind füreinander Handelspartner von zentraler Bedeutung. Nach Einschätzung der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK) werden die Niederlande voraussichtlich noch in diesem Jahr Frankreich als wichtigsten Importpartner für Deutschland verdrängen. So haben niederländische Unternehmen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den ersten sechs Monaten des Jahres 2008 Güter im Wert von mehr als 35,3 Mrd. Euro in die Bundesrepublik eingeführt. Frankreich liegt dagegen bei rund 34 Mrd. Euro. Im Bereich der Nahrungsmittelproduktion geben die Niederlande Deutschland als den wichtigsten Abnehmer ihrer Produkte an (2004 waren es 7 Milliarden Euro). Um nur ein Beispiel zu nennen: Die deutsche Einfuhr an Schaleneiern aus den Niederlanden betrug 2007 3,6 Milliarden Stück. Der Gesamtexport der Niederlande lag bei 5 Milliarden Eiern. Beim Import liegt Deutschland mit Produkten von rund 4 Milliarden Euro ebenfalls an der Spitze der EU-Staaten, die mit den Niederlanden handeln. Ein Beispiel ist hier der Handel mit Kälbern: Im Jahr 2007 führten die Niederlande 832.000 Kälber ein, wovon 306.000 aus Deutschland kamen. Generell übertroffen wird der deutsche Import lediglich von den Importen aus nicht EU-Staaten.

Ein wesentlicher Faktor für den regen Handel innerhalb des deutsch-niederländischen Agrobusiness ist nicht nur die im Kapitel 3 angesprochene arbeitsteilige Produktion beider Länder, sondern auch die gute Infrastruktur, die einen weiteren Verkauf innerhalb des internationalen Marktes anbietet. Niederländische Tiertransporte nutzen deutsche Autobahnen und deutsche Produkte werden aus den niederländischen Häfen in die Welt verschickt. Der Umschlag im Rotterdamer Hafen hat nach neuesten Meldungen wieder stark zugenommen. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden 105 Mio. Tonnen Güter umgeschlagen. Das sind 6,8 Prozent mehr als im vergleichbaren Zeitraum 2007. Das Wachstum ist vor allem der Umschlagszunahme von landwirtschaftlichen Produkten (+16 Prozent) zu verdanken.

Der Lebensmitteleinzelhandel ist in beiden Ländern stark geprägt durch große Unternehmen. In Deutschland setzte der Lebensmitteleinzelhandel im Jahr 2005 gut 127 Milliarden Euro um. Die TOP 5 Handelsunternehmen stehen dabei innerhalb Deutschlands für etwa 70 Prozent des Gesamtumsatzes. Erweitert man diese Gruppe auf die TOP 10, so sind es sogar rund 86 Prozent. Dabei ist festzuhalten, dass diese Konzentration weiter anhält. Durch den ständigen Preiskampf gehören die Umsatzrenditen im deutschen Einzelhandel zu den niedrigsten in ganz Europa. Gleichzeitig gibt es in keinem Land so viel Ladenfläche pro Einwohner wie in Deutschland. Die höheren Kosten für Miete, Strom und Instandhaltung sind demnach ein weiterer Auslöser für den genannten Preis- und Wettbewerbsdruck. Vor diesem Hintergrund ist auch der Siegeszug der Discounter (Aldi, Lidl, Plus) zu erklären, die von 1992 bis 2005 ihren Umsatz um 85 Prozent steigern konnten.   

In den Niederlanden steigt der Umsatz im Einzelhandel ebenfalls an. Die Geschäfte im Nahrungsmittelbereich verkauften 2008 etwa 12 Prozent mehr. Der Umsatz der Supermärkte stieg im selben Jahr um immerhin 12 Prozent und liegt somit bei insgesamt 26,3 Milliarden Euro. Zu den Trends die in den Niederlanden ausgemacht werden können, gehören vor allem die dauerhafte Vergrößerung der Supermärkte bzw. die steigende Popularität von so genannten to-go-Supermärkten (z.B. Albert Heijn-to-go), die dort angesiedelt sind, wo Menschen sich ohnehin tagtäglich aufhalten (Bahnhöfe, Flugplätze, Schulen, Tankstellen). Hier wird die Verfügbarkeit von Produkten wichtiger, die somit einen höheren Preis rechtfertigt, der bislang vom niederländischen Verbraucher gut angenommen wird.

Ein Trend, der sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland zu erkennen ist, betrifft den Verkauf von frischen Fertigprodukten (kant-en-klaar producten). Dabei richten immer mehr Supermärkte Salatbuffets ein und engagieren Köche, die Produkte auf Wunsch im Geschäft für die Kunden zubereiten. Generell bestätigen sowohl der niederländische als auch der deutsche Einzelhandel, dass der Verbraucher gesteigerten Wert legt auf die Frische, die Gesundheit und die Nachhaltigkeit von Waren. Entsprechende Siegel und Etiketten findet man auf immer mehr Produkten (siehe Kapitel Vermarktung).       

Doch welchen Stellenwert haben die Einzelhandelsketten der Niederlande und Deutschlands im weltweiten Vergleich? Unter den TOP 20 der größten Lebensmittelhändler weltweit befanden sich nach Erhebungen aus dem Jahr 2005 mit Metro, Rewe, Edeka, Schwarz (Lidl) und Aldi fünf deutsche Unternehmen. Die niederländische Ahold-Gruppe, zu der unter anderem Albert Heijn und Etos gehören, rangiert auf Platz fünf (siehe Abbildung). Unangefochtener Spitzenreiter ist nahezu uneinholbar die US-amerikanische Wal-Mart-Gruppe


Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Oktober 2008