II. Historische Entwicklung

Das deutsch-niederländische Grenzgebiet ist eine außerordentlich fruchtbare Region, in der genügend Raum für Ackerbau und Viehzucht vorhanden ist, um ein Gebiet zu versorgen, dessen Besiedlungsdichte zu den höchsten in ganz Europa zählt. Obwohl die Strukturen entlang der Landesgrenze immer stärker aufeinander abgestimmt sind, sind beide Länder nach wie vor unterschiedlich stark in den Handel eingebunden: Die Niederlande leben traditionell vom Handel mit Agrarprodukten und Lebensmitteln, während man in Deutschland gemessen an den nationalen Möglichkeiten sich nur langsam dem internationalen Handel zuwendet. Ausgehend vom frühen Mittelalter, wo Landwirtschaft noch die unabdingbare Grundlage einer jeden Siedlung bedeutete, hat sich die Nahrungsmittelproduktion beider Länder zu diesen unterschiedlichen Varianten moderner Agrar- und Ernährungswirtschaft entwickelt. Gegenwärtig zählen die Niederlande tatsächlich zu den verhältnismäßig größten Exporteuren von Agrarprodukten in der Welt und stellen ein erstaunliches Innovationsvermögen bei der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte unter Beweis, während die konventionelle Landwirtschaft in Deutschland tendenziell eher den eigenen regionalen Markt bedient und ein kleiner Teil der Betriebe sich in den letzten Jahren vor allem in puncto Nachhaltigkeit und ökologisch wertvoller Produktion innerhalb Europas einen Namen gemacht hat.

Historisch betrachtet wurde die deutsche Landwirtschaft besonders durch zwei Ereignisse nachhaltig beeinflusst: Es handelt sich dabei um die preußische Bauernbefreiung von 1807, die die bäuerliche Leibeigenschaft aufhob und in Pachtverträge umwandelte, sowie die Erfindung des Mineraldüngers durch Justus von Liebig zu Anfang der 1840er Jahre. Diese Veränderungen revolutionierten die Agrarverhältnisse im jungen Deutschland. Vor allem die Entdeckung, dass durch Dünger fehlende Nährstoffe im Boden ersetzt werden können, veränderte die Produktionsbedingungen nachhaltig. Durch den Einsatz von organischem Dünger wie Jauche und Mist oder durch mineralischen Dünger wie beispielsweise Stickstoff konnten die Bauern ihre Felder nun in jedem Jahr neu bestellen und erhöhten somit ihre Ernteerträge um ein Vielfaches.

Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschland ein nach wie vor agrarisch geprägter Staat. Etwa sechzig Prozent der Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft. Mehr als die Hälfte der Bauern wirtschaftete auf einer kleinen Parzelle, die in der Regel nicht größer war als zwei Hektar. Den mittelgroßen Bauernhöfen ging es da schon etwas besser: Sie verfügten über Land in einer Größe zwischen zwei und 20 Hektar. Zu den Großgrundbesitzern zählten lediglich fünf Prozent aller Güter. Die geografische Entwicklung dieser Betriebsstrukturen verlief zu jener Zeit im Rahmen einer generationenübergreifenden Erbteilung. Dies führte zwangsläufig zu großen Unterschieden innerhalb des Deutschen Reiches. In Baden, Württemberg und Hessen wurde die Realteilung praktiziert. Das bedeutete, dass jedes männliche Kind erbte, so dass sich die zur Verfügung stehenden Flächen von Generation zu Generation stetig verkleinerten. In Hannover, Westfalen und Schleswig-Holstein dagegen galt das Prinzip der ungeteilten Hofnachfolge, in der es nur einen Erben gab, der folglich den gesamten Grundbesitz erhielt. In Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen und Schlesien existierten indes große Gutsherrschaften, deren Besitzer oftmals einen Adelstitel führten.

Die Gebiete der heutigen Niederlande waren bis zum frühen 17. Jahrhundert ebenfalls eine agrarisch geprägte Region. Fast alle Menschen waren in der Agrar- und Ernährungswirtschaft tätig, da es keine andere Möglichkeit gab, das tägliche Brot zu erwerben. Doch zu Beginn des 17. Jahrhunderts begann in den Niederlanden eine Ära, die man rückblickend als Goldenes Zeitalter bezeichnet. Alle Bereiche des Lebens und somit auch die Agrar- und Ernährungswirtschaft wurden positiv beeinflusst. Mehrere Gründe sind für diese einzigartige Entwicklung zu nennen. Dank kundiger Seefahrer und moderner Karten hatten die Niederlande die bislang führenden Seemächte Portugal und Spanien überholt und ihnen somit den Titel der weltweit größten Handelsnation abspenstig gemacht. Als Zeichen dieser erstaunlichen Entwicklung der geographisch kleinen Niederlanden wurde 1602 die Vereinigte Ostindische Companie (VOC) gegründet. Die VOC entwickelte sich in der Folge zur weltweit größten Handelsflotte und verhalf den niederländischen Provinzen durch den Handel mit Asien zu einem sagenhaften Wohlstand. Gehandelt wurde vor allem mit Gewürzen, da die Nachfrage unersättlich schien, nachdem die wohlhabende Bevölkerung einmal in den Genuss von Nahrungsmitteln gekommen war, die mit Pfeffer, Curry, Zimt oder Safran verfeinert worden waren. Ein weiterer Schritt in Richtung Welthandelsmacht war die Eröffnung der Amsterdamer Börse im Jahr 1609, die das Land zum europäischen Finanzzentrum erhob. Diese rasante Entwicklung wurde begünstigt durch die gute Verfügbarkeit von Kapital: Andere Länder kannten in dieser Zeit eine klare Trennung zwischen dem vermögenden Adel, der Monopole unterhielt und verwaltete, und somit dem Handel Kapital entzog. In den Niederlanden gab es hingegen die Börse, eine effiziente Verwaltung, die Bereitschaft zu Investitionen und Risiko und eine Landesverwaltung, die den Handel förderte. Im restlichen Europa regierten unterdessen Aristokraten, die in ihren Schlössern saßen, auf die Jagd gingen und Kriege führten, die ihr Land in den Ruin trieben.

Im Fahrtwind dieser Veränderungen entwickelten sich verschiedene niederländische Branchen hervorragend. Die Niederlande dominierten den innereuropäischen Verkehr von Schüttgut und lösten damit unter anderem die Vorherrschaft der deutschen Hanse ab. Hierbei spielte nicht zuletzt auch die gute Infrastruktur zwischen den niederländischen Häfen und dem deutschen Hinterland eine entscheidende Rolle. Über den Rhein wurden Waffen aus Schweden oder Wein aus Portugal ins Inland verschifft. Die Agrar- und Ernährungswirtschaft entwickelte sich durch den regen Handel prächtig. Es wurde erstmals in Fabriken investiert, in denen Zucker raffiniert wurde und der ausgiebige Fischfang (vor allem Heringe) ließ die Kassen klingeln, so dass auch der Getreideanbau und die Viehhaltung kontinuierlich ausgebaut werden konnten. Dies war nicht zuletzt möglich durch den Bau von Dammanlagen, durch die neues Land gewonnen wurde und erforderlich, da entlang der großen Hafenstädte immer mehr Menschen ansiedelten und ernährt werden mussten.  
 
Laut Prof. Jan Bieleman vom Lehrstuhl für Agrargeschichte an der Universität Wageningen (WUR) begann die endgültige Umstellung der niederländischen Landwirtschaft von der Selbstversorgung und der eher regionalen Vermarktung auf die Exportwirtschaft erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor allem anhand des steigenden Umsatzes lässt sich erkennen, wie die Strukturreform in den Niederlanden immer mehr Gestalt annahm. Der Export von Gartenbau- und weiterverarbeiteten Agrar-Produkten erbrachte gegen 1850 einen Umsatz zwischen 20.000 und 60.000 Gulden pro Jahr. Um 1950 betrug der Umsatz bereits rund 700.000 Gulden jährlich.   

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag die europäische Landwirtschaft am Boden und jene Staaten, die später die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gründen sollten, waren zur Ernährung der Bevölkerung im Wesentlichen auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Im Falle Deutschlands wurden diese Nahrungsmittelimporte bis 1952 überwiegend von den USA finanziert, da Deutschland eine im Wiederaufbau begriffene Wirtschaft unterhielt, die zunächst noch keine Außenhandelsüberschüsse erzielen konnte. Der Wunsch, Abhängigkeiten auf dem sensiblen Feld der Lebensmittelversorgung durch eine Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion zu verringern, bildete die zentrale Motivation zur Einführung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP).

Die niederländische Landwirtschaft erlebte unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine neue revolutionäre Phase, die Bieleman mit den Worten Mechanisierung, Rationalisierung und Intensivierung beschreibt. Man setzte dabei vor allem auf die Steigerung der Erträge, die durch neue bahnbrechende Entwicklungen in der Biochemie möglich schienen: Durch verbessertes Saatgut, leistungsstärkere Dünge- und effizientere Pflanzenschutzmittel. Ferner verzeichnete die niederländische Landwirtschaft durch gezielte Verarbeitung und Vermarktung einen rasanten Anstieg des Mehrwertes der eigenen Produkte: Zwischen 1950 und 1990 nahm der Mehrwert durchschnittlich um 3,5 Prozent jährlich zu. Vor allem im Bereich Zierpflanzen und in der intensiven Tierhaltung gingen die Werte stark nach oben. Dabei kann festgehalten werden, dass die Niederlande sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von den Schwerpunkten Milchviehhaltung und Ackerbau langsam aber sicher zu Gunsten der Bereiche Gartenbau und Tierhaltung verabschiedeten. Eine weitere spürbare Entwicklung sorgte für eine zunehmende Spezialisierung der Betriebe auf bestimmte Produktionstypen bzw. -stufen. Während die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe permanent nachlässt (1950: 400.000; 2005: 80.000) verursachte unter anderem der kontinuierliche Preisverfall einen geringeren Beitrag der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (1950: 15 Prozent; 1990: 4 Prozent).     

Die starke Expansion der europäischen Agrarwirtschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte verschiedene Ursachen. Zum einen war der Absatz von Produkten nahezu unbegrenzt möglich, da es für die meisten Agrarprodukte eine Mindestpreisgarantie gab. Für die übrigen Produkte stieg die Nachfrage in Europa kontinuierlich, da auch der Wohlstand wuchs und die Einführung des Europäischen Binnenmarktes die grenzüberschreitende Vermarktung vereinfachte. Weitere Gründe für die rasante Entwicklung lagen in der Nähe zu günstigen Absatzmärkten (hier vor allem Deutschland) und den guten Transportmöglichkeiten.    

In Deutschland ließ der Aufschwung aufgrund der harten Nachkriegszeit zunächst auf sich warten. Es fehlte vor allem an Arbeitskräften und Gerät, um mit der niederländischen Entwicklung mithalten zu können. Mit der Flurbereinigung von 1953 und der staatlichen Subvention von Düngemittel und Kraftfutter nahm auch in Deutschland die Produktion langsam wieder Fahrt auf. Jedoch richtete sich die Entwicklung der Agrarproduktion in Deutschland in erster Linie auf den eigenen Bedarf und deutlich weniger auf den Export. Gegenwärtig deckt die deutsche Landwirtschaft durchschnittlich Dreiviertel des Eigenbedarfs ab. Trotzdem rangiert Deutschland im Export mittlerweile weltweit auf Rang 4 und im Import von Agrarprodukten auf Rang 2. Ähnlich wie in den Niederlanden kam es auch in Deutschland zu einer Intensivierung und Spezialisierung der landwirtschaftlichen Produktion. Während in den Niederlanden die intensive Tierhaltung und die Zierpflanzenbranche stark hervorkamen, wurden die grenznahen Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen immer stärker als niederländischer Weiterverarbeitungs- und Absatzmarkt etabliert. Vor allem auf deutsche Schlachthofkapazitäten greifen niederländische Erzeuger bis heute gewohnt zurück. Einige Produkte, wie zum Beispiel Kalbsfleisch, werden in den Niederlanden nahezu ausschließlich für den deutschen Markt produziert. In den Niederlanden findet Kalbsfleisch aufgrund des hohen Preises hingegen kaum Abnehmer. Grundsätzlich ist die Struktur der deutschen Landwirtschaft im Vergleich zur niederländischen auch gegenwärtig um ein Vielfaches stärker bestimmt von klein- und mittelständigen Unternehmen. Vor allem in der intensiven Tierhaltung und der Gemüseproduktion.        

Anfang der 1990er Jahre nahm der Höhenflug der niederländischen Agrar- und Ernährungswirtschaft ein vorläufiges Ende: Zwischen 1990 und 2003 sank der Wertzuwachs der niederländischen Produkte auf weniger als 1 Prozent im Jahr. Es kam ferner zu einem enormen Preisverfall bei landwirtschaftlichen Produkten. Drei verschiedene Ursachen liegen diesem wirtschaftlichen Stimmungsdämpfer zugrunde: Zunächst wuchs der handelspolitische Druck, die nationale Agrarpolitik zu reformieren. Vor allem die Minimalpreisgarantie wurde hinterfragt. Des Weiteren erwiesen sich die wichtigen Absatzmärkte als zunehmend gesättigt. Ein dritter und wesentlicher Grund lag jedoch in der Reglementierung der Tiergesundheit und der Gülleverwertung, wodurch vor allem die intensive Tierhaltung erheblich eingeschränkt werden musste. Nach Jahrzehnten auf der Überholspur begann für die niederländische Agrar- und Ernährungswirtschaft eine Phase der Umstrukturierung, die nach wie vor anhält. Seitdem stehen vor allem die Begriffe Sicherheit, Qualität und Effizienz im Mittelpunkt der Betriebe.

Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Branche in ganz Europa war neben der GAP dann später die Gründung der Europäischen Gemeinschaft (EG), die im Januar 1993 mit der Vollendung des gemeinsamen Binnenmarktes für einen Meilenstein in der deutschen und niederländischen Agrar- und Ernährungswirtschaft sorgte, da nun der freie Waren- und Kapitalverkehr innerhalb Europas nicht nur für einen wirtschaftlichen Schub sorgte, sondern auch eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit in ungeahntem Umfang ermöglichte.

Die GAP wurde im Verlauf der Jahrzehnte regelmäßig reformiert. Zu den jüngsten Neuerungen zählt das Prinzip der Cross Compliance. Die Vorschriften der Cross Compliance  werden im deutschsprachigen Raum auch als „anderweitige Verpflichtungen“ bezeichnet und bedeuten die Verknüpfung von Prämienzahlungen mit der Einhaltung von Umwelt- und Tiergesundheitsstandards. Cross Compliance wird seit Mitte der 1980er Jahre in der agrarpolitischen Praxis vieler Industrieländer zunehmend eingesetzt, wobei die Einhaltung der Standards eine Voraussetzung für den Erhalt der Prämienzahlungen darstellt (jedoch nicht den eigentlichen Förderungsinhalt für die Zahlungen). Im Bereich der Agrarpolitik der Europäischen Gemeinschaft kamen Cross Compliance Bestimmungen sowohl mit den Reformen der Agenda 2000 als auch den Luxemburger Beschlüssen von 2003 verstärkt zum Einsatz, d.h. die Gewährung von Prämienzahlungen wurde zunehmend an die Einhaltung von anderweitigen Verpflichtungen geknüpft. Insbesondere in den Reformen von 2003 wurden dabei die Bestimmungen verschärft und ausgedehnt (neben Umweltstandards auch in den Bereichen Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit, Tiergesundheit und Tierschutz)

Wenn gegenwärtig vom deutsch-niederländischen Agrobusiness die Rede ist, dann handelt es sich dabei nicht nur um den unmittelbaren Grenzraum beider Länder, in dem ein Großteil der landwirtschaftlichen Produktion stattfindet. Es geht vielmehr auch um die politische und wirtschaftliche Einstellung, durch eine wettbewerbsorientierte Zusammenarbeit die eigene Leistung steigern zu können. Die Märkte haben sich in den vergangenen Jahrhunderten zunehmend aufeinander angepasst und sind längst grenzüberschreitend und arbeitsteilig organisiert. Privatwirtschaftliche Unternehmen und staatliche Entscheidungsträger suchen verstärkt den Kontakt zueinander und pflegen somit ein Netzwerk im Agrar- und Ernährungssektor, das europaweit einzigartig ist und die Region stark macht für den globalen Wettbewerb. 


Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Oktober 2008