Niederländisch - Sprache zweier Länder

Verbreitungsgebiet des Niederländischen
Verbreitungsgebiet des Niederländischen
© Et Mikkel

Das Niederländische ist die gemeinsame Standardsprache des Königreichs der Niederlande und Flanderns. In den Niederlanden fungiert es neben dem Friesischen, das in der Region Friesland ebenfalls den Status einer offiziellen Sprache innehat, als Nationalsprache. In Belgien ist es neben Französisch und Deutsch eine der drei Landessprachen. Es ist die offizielle Sprache der Region Flandern und der Hauptstadt Brüssel. Im Jahr 1981 haben die Niederlande und Belgien die 'Nederlandse Taalunie', eine gemeinsame interparlamentarische Organisation zur Regelung sprachlicher Angelegenheiten im In- und Ausland, ins Leben gerufen.


Zwischen Deutsch und Englisch

Das Niederländische ist eine kontinentalwestgermanische Sprache, die ähnlich wie das Friesische und das Englische von sogenannten nordseegermanischen Merkmalen geprägt ist. Dass die niederländische Standardsprache mehr westliche als östliche Züge trägt, zeigt sich z.B. deutlich am Fehlen des sogenannten Sekundärumlauts. Dadurch dass es von der zweiten Lautverschiebung nicht tangiert wurde, ist es enger mit dem Niederdeutschen als mit dem Hochdeutschen verwandt.


Von der Vielfalt...

Die frühesten Zeugnisse der niederländischen Sprache stammen aus dem 9. Jahrhundert. Aus dieser als 'Altniederländisch' oder 'Altniederfränkisch' bezeichneten Epoche sind lediglich Glossen und kleine Textfragmente erhalten geblieben. Die kontinuierliche schriftliche Überlieferung setzt um das Jahr 1180 ein. Die frühmittelniederländischen Quellen aus dem 13. Jahrhundert verraten bereits eine vorsichtige Tendenz zur Vereinheitlichung der Regionalsprachen, wobei die Grafschaft Flandern tonangebend war. Ab dem 14. Jahrhundert verschiebt sich der Schwerpunkt in Richtung Brabant; vom 15. Jahrhundert an und insbesondere in der Zeit des frühen Buchdrucks wird der Einfluss Hollands deutlich spürbar.


...zur Einheit

Die moderne niederländische Standardsprache ist aus den Wirren und Migrationsbewegungen des Achtzigjährigen Krieges hervorgegangen. Sie entstand in den großen Städten in Holland, Seeland und Utrecht, und ging aus der Symbiose der lokalen Stadtbevölkerung und der zahlreichen Emigranten aus den südlichen Regionen hervor. Noch während des Krieges wurden die ersten Grammatiken und Wörterbücher der niederländischen Sprache veröffentlicht. Von großer Bedeutung war die sog. 'Staatenbijbel' aus dem Jahr 1637, die die Verbreitung der Hochsprache nachhaltig gefördert hat. De facto seit etwa 1585 und de jure seit 1648 wurden die südlichen Niederlande politisch vom Norden abgekoppelt. Fortan fungierte das Französische hier als Verwaltungssprache und als alleiniges Kommunikationsmittel des Adels und der höheren Geistlichkeit. Dadurch wurde das Niederländische in seiner Funktion eingeschränkt, und verlor der Süden allmählich den Anschluss an die sich zur Nationalsprache entwickelnde Hochsprache im Norden.


Bedrohte Mundarten

Durch die fortschreitende Alphabetisierung der Bevölkerung - nicht zuletzt infolge der Einführung der allgemeinen Schulpflicht und einer verbesserten Ausbildung der Lehrerschaft seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts - erreichte die niederländische Standardsprache, die zunächst auf die höheren Schichten der Städte beschränkt geblieben war, im Norden auch die breite Bevölkerung in Stadt und Land. Die einsetzende Industrialisierung, die zunehmende Mobilität und die Medien trugen das ihrige zur Einschränkung der Rolle der Dialekte bei. Insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg führte der rückläufige Gebrauch der Regionalsprachen in zunehmendem Maße auch zu ihrem Zerfall: Die Dialekte gaben ihre ureigenen Charakteristiken auf und entwickelten sich zu großräumigen Regiolekten. Der drohende Untergang der Regionalsprachen führte in jüngerer Zeit vor allen Dingen im Süden, Osten und Norden zu einer 'Dialektrenaissance'. Obwohl viele eine positive Attitüde gegenüber den lokalen Mundarten zum Ausdruck bringen, sind jedoch nur noch weinige dazu bereit, den Dialekt an die nächste Generation weiter zu geben, so dass der Mundartschwund kaum noch aufzuhalten sein dürfte. Große Flächen im Westen sind bereits zu 'dialektfreien Zonen' geworden.

Regionale Sprachgeschichte: Dialekte zwischen Niederlande und Niederrhein

In Zusammenarbeit mit der „Stichting Historie Peel-Maas-Niersgebied“ ist im Amt für Rheinische Landeskunde eine sprachhistorische Abhandlung zur Grenzregion um Arnhem und Krefeld erschienen. Unter dem Titel „Kleine niederrheinische Sprachgeschichte (1300-1900)“ beschreibt der Autor Dr. Georg Cornelissen die Entwicklung der deutsch-niederländischen Sprachgrenze zwischen Maas und Rhein. Er skizziert anhand von Illustrationen und Textbeispielen die sprachgeschichtlichen Stationen der Region, die im Mittelalter noch eine gemeinsame Sprache besaß und sich erst mit der Zeit zu eigenständigen Sprachen entwickelte. Die Textbeispiele sind sehr vielseitig: Cornelissen untersucht Urkunden, Stadtrechnungen und Chroniken, aber auch Töpferverse, Totenbrettinschriften und Fensterscheibentexte.

Wissenschaftliche Kooperationen mit niederländischen Kollegen gehören für Cornelissen zum Alltagsgeschehen. Der deutsche Sprachforscher arbeitet seit Jahren zusammen mit verschiedenen niederländischen Einrichtungen zum Thema Dialekt und Sprache in der Grenzregion. Zu diesem Buch, so sagt er, gab es zwar keinen wissenschaftlichen Austausch, dafür aber einen regen Informationsaustausch. Die Idee, eine derartige Abhandlung zu schreiben, die kam überdies auch aus den Niederlanden.

Seit gut 25 Jahren untersuchen Wissenschaftler das Auseinanderwachsen der Dialekte im Gebiet der Euregio Maas-Rhein. Der Niederrhein, sprachgeschichtlich betrachtet der “niederländischste“ Teil Deutschlands, ist regelmäßig Gegenstand von sprachwissenschaftlichen Untersuchungen. Georg Cornelissen veröffentlichte bereits eine Reihe von Büchern über die Region. (Darunter zusammen mit Alexander Schaars und Timothy Sodmann Dialekt à la carte: Dialektatlas Westmünsterland – Achterhoek – Liemers – Niederrhein. Doetinchem, Köln, Vreden, 1993.)
(Oliver Breuer)


Flandern im Zwiespalt

Mit der Errichtung des belgischen Staates im Jahre 1830 erwachte im Süden das Interesse für die eigene Muttersprache zu neuem Leben. Durch die Bemühungen der Flämischen Bewegung konnte der Status der Einsprachigkeit Belgiens aufgehoben werden, und erhielt das Niederländische als Muttersprache der Bevölkerungsmehrheit nach zähem Ringen gleiche Rechte wie das Französische. Die Diskussion, ob man eine eigene flämische Nationalsprache ins Leben rufen oder sich der Standardsprache aus dem Norden anschließen sollte, endete mit dem Beschluss zur Übernahme der nördlichen Norm. Obwohl die Kluft zwischen Nord und Süd durch die jahrhundertelange Trennung und die Dominanz des Französischen erheblich geworden war, machte man sich mit großem Eifer an die Aufgabe, die vorwiegend Dialekt sprechende Bevölkerung und insbesondere die Jugend mit der oft als fremdartig empfundenen Standardsprache aus dem Norden vertraut zu machen. Trotz anfänglichem Erfolg stößt die Bereitschaft zur Übernahme der nördlichen Standardsprache jedoch insbesondere seit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts auf wachsenden Widerstand. Man verharrt vielfach in einer Art 'Zwischensprache' mit überwiegend brabantischer Färbung. Inzwischen schreitet auch dort der Niedergang der Mundarten unaufhaltsam fort, obwohl insbesondere in Westflandern zur Zeit noch eine verhältnismäßig große Dialektresistenz zu verzeichnen ist.


Poldernederlands

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Niederländische starkem lexikalischem Einfluß aus den angelsächsischen Ländern ausgesetzt. In den Niederlanden wie in Flandern hat die Stringenz hochsprachlicher Normen seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts insbesondere in der schulischen Ausbildung nachgelassen. Im Norden bekommen dadurch Substandardvarietäten wie das sog. 'Poldernederlands' breiten Raum. Die stärker als früher ausgeprägte Jugendsprache wird in zunehmendem Maße auch von den Migrantensprachen (Indonesisch, Sranan, Türkisch u.a.) beeinflusst.

Autor: Prof. Dr. Amand Berteloot
Erstellt:
Februar 2003