II. 1993: „Flandern und die Niederlande: Weltoffen“[1]

Für die Vorbereitungen wurde die Stichting Frankfurter Buchmesse[2] gegründet. Diese hatte ihren Sitz in Amsterdam und bestand aus drei Niederländern und drei Belgiern. Auch die Finanzierung war paritätisch geregelt.[3] Die Vorbereitungen waren anfangs geprägt von Unsicherheiten und Konflikten, da die niederländischen Ministerien weniger Geld investieren wollten als sprünglich geplant. Die Verlage befürchteten, dass dadurch höhere Ausgaben auf sie zukämen: „Nach einiger Diskussion [...] beschloss das Kabinett im Mai 1991 ein Budget von 2,5 Millionen Gulden für den Auftritt auf der Buchmesse zur Verfügung zu stellen, was viele allerdings als ziemlich knapp bemessen empfanden.“[4] Laut NRC Handelsblad hatte das eingeschränktere Budget, das für den Schwerpunktauftritt zur Verfügung stand, zur Folge, dass der Fokus fast ausschließlich auf der Literatur lag. Andere – mit der Literatur verwandte und teilweise verknüpfte – kulturelle landesspezifische Genres (Musik, Kunst etc.) wurden weitestgehend unberücksichtigt gelassen. Der Vorsitzende der Stichting Frankfurter Buchmesse, der ehemalige VVD-Politiker Arie Pais, betonte, dass Frankfurt kein allgemeines Kulturfestival werde, sondern dass der Akzent auf den Autoren, Verlegern und Druckern läge.[5] Trotz des gemeinsamen Auftritts wurde deutlich, dass es sich nicht um ein Land, sondern um zwei Länder, die eine Sprache teilen, handelte. Insgesamt reisten 41 niederländische und flämische Autoren im Rahmen des Schwerpunktauftrittes nach Frankfurt.

Alles in allem wurde der Auftritt der Vertreter der beiden Länder bei der Eröffnung als erfolgreich bezeichnet. „[...] [D]ann folgte eine Woche lang ein Feuerwerk von Veranstaltungen, bei denen der Humor als Schmiermittel der Konversation kräftig genutzt wurde. Das kam an, die Leute öffneten sich für die niederländischen Botschaften: Es wurde eines der erfolgreichsten Themenjahre auf der Buchmesse!“[6] Peter Weidhaas war rund 25 Jahre lang Leiter der Frankfurter Buchmesse und ordnet den Auftritt von Flandern und den Niederlanden wie oben beschrieben in seinen Erinnerungen ein. In den gängigen deutschen Tages- und Wochenzeitungen bekam die niederländische Literatur viel Aufmerksamkeit. Laut Aussage von Frank Ligtvoet, Direktor des niederlän-dischen Literair Productiefonds, kam der Schwerpunktauftritt genau zum richtigen Zeitpunkt. Der größte Erfolg sei in Deutschland zu verbuchen, aber man bemerke nun auch Interesse seitens der großen amerikanischen Verleger.[7]

Tabelle 2: Anzahl der herausgegebenen Werke aus den Niederlanden und Flandern, 2010-2017
Sprache 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
Deutsch 119 139 107 103 96 113 258 81
Englisch 87 69 68 55 80 97 81 54
Französisch 47 55 38 48 45 48 56 49
Chinesisch 23 54 77 43 32 21 33 9[14]
Arabisch 4 9 4 1 3 9 6 11[15]
Quelle: vertalingendatabase [14] in Vorbereitung waren 145 Werke (Stand Juni 2018) [15] in Vorbereitung waren 55 Werke (Stand: Juni 2018)

Deutschland als „Sprungbrett“

Deutschland ist für niederländischsprachige Literatur der wichtigste Absatzmarkt im Ausland, noch vor den internationalen Märkten in Großbritannien, den USA und Frankreich. Die beiden Literaturfonds in Flandern und den Niederlanden erschließen seit dem Gastlandauftritt 2016 auch zunehmend den arabischen Büchermarkt (vgl. Tabelle 2).Für niederländischsprachige Literatur gilt der deutsche Markt auch als „Sprungbrett“ in den Rest der Welt. Andere internationale Märkte schließen sich Deutschland oft an. So erscheinen Werke, die ins Deutsche übersetzt wurden, oftmals danach auch auf den skandinavischen und osteuropäischen Märkten. Auch französische und englische bzw. amerikanische Herausgeber, Vertreter zweier schwer zu erobernder Märkte, folgen in der Regel.[8] Vor allem der arabische Markt erweist sich derzeit als Wachstumsmarkt für niederländischsprachige Literatur. Laut Koen van Bockstal, Direktor des Vlaams Fonds voor de Letteren, gibt es stets mehr Bemühungen seitens der beiden Fonds, um auch Autoren mit einem anderen kulturellen Hintergrund mehr Chancen zu bieten. Daher rückt der arabische Markt besonders in den Fokus. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine „Einbahnstraße“: Der Fokus liegt darauf, sowohl Übersetzungen ins Niederländische zu fördern, als auch potentiell interessierte Verlage in der arabischen Welt zu finden.


[1] aus: Jahrbuch des Zentrums für Niederland-Studien 2016/17 (Schriften aus dem Haus der Niederlande, Band 3).
[2] Vgl. o.A., "Frankfurter Buchmesse", in: Neerlandia 97 (1993).
[3] Vgl. R. Mulder, Voorzitter A. Pais van "Stichting Frankfurter Buchmesse presenteert plannen; Nederlanders en Belgen werken samen", in: NRC Handelsblad vom 23.06.1993.
[4] B. Grutterink, “En zo werd Nederland toch Schwerpunkt op de Buchmesse...”, in: Nederlands Dagblad: Gereformeerd Gezinsblad vom 18.09.1993, S. 9 (Übersetzung durch die Verfasserin).
[5] Vgl. Mulder (1993).
[6] P. Weidhaas, Und kam in die Welt der Büchermenschen. Erinnerungen. Berlin 2007, S. 248.
[7] Vgl. R. Mulder, "Buchmesse breed succes", in: NRC Handelsblad vom 09.10.1993.
[8] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren (2013), S. 28.

Autorin: Kathrin Lange
Erstellt: 2017