Klassiker, etablierte Autoren und die neue Autorengeneration[1]

Interessant ist der Altersdurchschnitt der Autorendelegation, die 2016 in Frankfurt zugegen war. Zu den bekannten Autoren wie Cees Nooteboom, Hugo Claus, Harry Mulisch, Tom Lanoye, Stefan Hertmans, Dimitri Verhulst, Margriet de Moor und Leon de Winter kamen auch jüngere Schriftsteller hinzu. Bei den insgesamt 72 Autoren verteilte sich der Altersschnitt folgendermaßen: geboren vor 1945: 4, geboren zwischen 1945 und 1955: 16, geboren zwischen 1956 und 1965: 13, geboren zwischen 1966 und 1975: 20, geboren zwischen 1976 und 1985: 13, geboren zwischen 1986 und 1991: 6.[2] Es wird deutlich, dass gerade die Generation zwischen 1966 und 1975 – die Nachfolgegeneration der Buchmesse 1993 – stark vertreten war und dass immer mehr jüngere Autoren „nachrücken“. Die bekannten großen Namen, die bereits durch den Auftritt 1993 in Deutschland den Durchbruch geschafft hatten, waren ebenfalls vertreten. Dass die Tendenz der nach Frankfurt eingeladenen Autoren aber Richtung „Newcomer“ ging, wird deutlich, wenn man sich anschaut, wie viele der Bücher dieser Autoren ins Deutsche übersetzt worden sind (Anzahl der Autoren, die in die jeweiligen Kategorien fallen, Stand 2016): 3 oder weniger Übersetzungen ins Deutsche (> 45), 4 bis 6 Übersetzungen ins Deutsche (< 5) und 7 oder mehr (> 20).[3] Teilweise ist diese Entwicklung sicher auch dadurch zu erklären, dass die Generation der „klassischen“ niederländischen und flämischen Autoren mittlerweile in einem hohem Alter bzw. bereits verstorben ist.

Auf einige der jüngeren Autoren sind auch bereits Verlage aufmerksam geworden. Ausgewählte bemerkenswerte Beispiele sollen im Folgenden näher betrachtet werden. An erster Stelle sei hier Lize Spit (geboren 1988) zu nennen. Mit ihrem Bestseller Het smelt (2016) hat sie in der niederländischspra-chigen Literatur auf sich aufmerksam gemacht.[4] Mittlerweile sind die Rechte in 12 Sprachen verkauft. 2017 wurde der Roman in fünf Sprachen übersetzt (Deutsch, Italienisch, Katalanisch, Spanisch und Tschechisch). 2016 und 2017 wurden die Rechte zudem an Verlage in der arabischen Welt, Bulgarien, Däne-mark, England, Norwegen und Polen verkauft.[5] Ein weiteres Beispiel ist Saskia de Coster mit ihrem Roman Wij en ik (2013), der 2016 zur Buchmesse auch auf Deutsch erschien. De Coster präsentierte einen Ausschnitt aus diesem Roman beim Startschuss des Gastlandprogramms auf der lit.COLOGNE im März 2016. Das Thema, das in dem Roman verarbeitet wird, ist universal.[6] Es ist also kein typisch flämisches Geschehen, es könnte sich überall auf der Welt – auch vor unserer eigenen Haustür – abspielen. Dadurch können sich auch Leser anderer Sprach- und Kulturgebiete in der Handlung wiederfinden. 2015 wurde dieser Roman ins Dänische und 2016 ins Deutsche, Englische und Kroatische übersetzt. Auch die Themen von Griet Op de Beeck sind universal.[7] Ihr zweiter Roman Kom hier dat ik u kus (2014) wurde 2016 ins Deutsche und 2017 ins Tschechische übersetzt, die Rechte ins Afrikanische, Englische und Französische sind verkauft. Als letztes Beispiel soll an dieser Stelle die niederländische Autorin Wytske Versteeg mit ihrem Roman Boy (2013) genannt werden. 2014 wurde er bereits ins Türkische übersetzt. 2016 erschienen dann die deutsche und die englische Übersetzung. Seit November 2016 sind auch die italienischen Rechte verkauft. Wie die anderen genannten Autoren behandelt Wytske Versteeg ein Thema, das nicht zwangsläufig etwas mit ihrer niederländischen Heimat zu tun hat, sondern dass sich überall in unserer Gesellschaft abspielen könnte.[8]

Auch die bereits etablierten Autoren werden weiterhin ins Deutsche übersetzt. Auch hier sollen – wie im Abschnitt zuvor – lediglich einige Beispiele genannt werden. Von Margriet de Moor sind seit dem Gastlandauftritt insgesamt vier Lizenzen für ihre Romane verkauft worden. 2016 erschienen zwei Übersetzungen ins Deutsche, eine davon eine Neuübersetzung. Von Cees Nooteboom wurden 2016 vier Titel ins Deutsche übersetzt, zwei davon Neuübersetzungen. 2017 erschien ein Sammelband (Gesammelte Werke, Band 10) im Deutschen. Für 2018 ist die Lizenz für eine weitere Übersetzung verkauft. Auch in diesem Zusammenhang soll der arabische Markt erwähnt werden. 2016 wur-den insgesamt sechs niederländischsprachige Werke ins Arabische übersetzt. So erschienen von den etablierten Autoren der Roman De engelenmaker (2005) von Stefan Brijst, Joe Speedboot (2005) von Tommy Wieringa, Allah & Eva (2006, non-fiktional) von Betsy Udink, Tongkat (1999) von Peter Verhelst, das Kinderbuch Kleine Kangaroe von Guido van Genechten und der Poesieband von Judith Herzberg, 27 liefdesliedjes (1971) im Arabischen.

Auch die klassischen Werke wurden im Rahmen des Gastlandauftritts thematisiert. Die Übersetzerin Annette Wunschel erhielt den Else-Otten-Preis für ihre Übersetzung der Werke von Johan Huizinga (1872–1945), einem bekannten niederländischen Kulturhistoriker. Dabei handelt es sich um einen Klassiker der niederländischsprachigen Literatur. Die Verleihung des Preises an Annette Wunschel zeigt daher auch, wie groß das Interesse an und die Wichtigkeit von Übersetzungen von Klassikern weiterhin sind. Während des Gastlandauftritts in Frankfurt wurden auch zwei Programme organisiert, die auf klassische Autoren und ihre Werke spezialisiert waren: In Classics from Flanders and the Netherlands wurden sechs ins Deutsche übersetzte Werke von Louis Paul Boon, Maria Dermoût, Marcellus Emants, Hella S. Haasse, Nescio und Ida Simons vorgestellt. Im Rahmen des Programms Tribute to... wurden im Gastlandpavillion die „alte“ und die „neue“ Generation verknüpft: Acht Autoren verlasen eine Ode an Hugo Claus, Willem Elsschot, Willem Frederik Hermans, Harry Mulisch, Annie M. G. Schmidt, Fiep Westendorp, Jan Wolkers und Joost Zwagerman und gaben dabei gleichzeitig Einblicke in ihre eigenen Werke.[9]

Eine große Rolle bei der Förderung von Übersetzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche spielen die Literaturfonds in Amsterdam und Antwerpen, die den deutschsprachigen Verlagen Informationen über Neuerscheinungen bieten. In Deutschland werden die Übersetzungsförderung und allgemein die kulturelle Vermittlung aus dem niederländischen Sprachgebiet von Verlagen als einzigartig erfahren, da sie – im Vergleich zu anderen Ländern – sehr um-fangreiche und an den deutschen Markt angepasste Angaben über neu erschienene oder neu aufgelegte literarische Werke bieten. Ein Beispiel: Die Broschüre 10 books from Holland wird zweimal jährlich vom niederländischen Literaturfonds herausgegeben. Darin werden neue, noch nicht übersetzte Bücher aus den Niederlanden im Ausland bekannt gemacht. Da in Deutschland von dieser Liste meistens bereits drei bis vier Titel übersetzt (oder die Rechte verkauft) sind, wird vom niederländischen Literaturfonds eine separate Liste für deutsche Verlage erstellt.

Ein wichtiges Resultat ist die Tatsache, dass (eine neue Generation) Verleger und Redakteure eine neue Generation niederländischer und flämischer Autoren kennengelernt hat. Dass die Verleger gerade die Autoren und Übersetzer finden, die am besten zu ihrem Verlag passen, galt als ein wichtiges Ziel des Gastlandauftritts. Ungefähr zwei Drittel der niederländischen und flämischen Autoren, die in Frankfurt anwesend waren, gehörten zu einer Generation, von der vor 2016 wenige oder keine Bücher ins Deutsche übersetzt worden waren, wie Lize Spit, Saskia de Coster, Griet Op de Beeck oder Wytske Versteeg. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch Uitgeverij Das Mag, ein niederländischer Verlag mit Sitz in Amsterdam. Die Gründer von Das Mag schreiben über sich selbst, dass sie die „jüngste Stimme in der niederländischen Gegenwartsliteratur“[10] seien. 2011 begann Das Mag als vierteljährlich erscheinendes Magazin, mittlerweile ist es Verlag für Bücher von Autoren wie Lize Spit. Das Mag brachte 2016 zur Frankfurter Buchmesse eine Art Übersicht über „Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden“[11] heraus. Das Mag setzt sich stark für Nachwuchsliteratur ein und begleitet die Autoren eng.

Auch die Übersetzer wurden 2016 stärker in den Gastlandauftritt einbezogen als 1993. Sie konnten in einigen Fällen gezielt als Botschafter „ihrer“ Autoren auftreten.[12] Sie wurden – auch bereits im Rahmen der Vorbereitungen für den Gastlandauftritt – stärker als „unentbehrliche Mittler“[13] angesehen. 1993 gab es nur wenige Übersetzer, die vom Niederländischen ins Deutsche übersetzten. Das hing damit zusammen, dass zu dem Zeitpunkt die Nachfrage auf dem deutschen Markt noch nicht so groß war. 2016 gab es dagegen ausreichend qualifizierte Übersetzer, die die große Anzahl an Titeln ins Deutsche übersetzen konnten.[14] Auch dadurch wird deutlich, wie stark sich die Situation zwischen 1993 und 2016 für niederländische und flämische Autoren auf dem deutschen Markt verändert hat.


[1]  aus: Jahrbuch des Zentrums für Niederland-Studien 2016/17 (Schriften aus dem Haus der Niederlande, Band 3).
[2] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren (2017), S. 13.
[3] Vgl. ebd., S. 12.
[4] „Spit erzählt derart eindringlich über die brutale Dynamik von Freundschaften und stummer Familienwelten, dass sich darin Allgemeingültiges spiegelt: von Verlorensein, Schmerz, Sehnsucht, Rettung. [...] Wir dürfen nicht abstumpfen, sondern brauchen Texte wie die von Lize Spit, die uns hinabführen in das Reich des Bösen. [...]“. A. Haeming, Belgiens Literatursensation Lize Spit. Unter dem Eis die Jugend, 02.09.2017, online unter http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lize-spit-und-es-schmilzt-unter-dem-eis-die-jugend-a-1165448.html, eingesehen am 16.01.2018.
[5] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren/Taalunie, Vertalingendatabase, online unter https://letterenfonds.secure.force.com/vertalingendatabase/zoeken, eingesehen am 16.01.2018.
[6]Wir und ich mag ein Roman aus Flandern sein, aber die Welt, die er beschreibt, beginnt vor unserer Haustür.“ B. Baltschev, Saskia de Coster: ‚Wir & Ich‘. Willkommen in der Familienhölle, mdr Kultur, 31.05.2016.
[7] „Die Flämin schreibt sehr persönlich über gebrochene Lebensläufe, Ängste und die Liebe.“ A. Birschel, Wen man kennen muss – Autoren aus den Gastländern der Frankfurter Buchmesse, in: Südkurier vom 18.10.2016.
[8] „Boy liefert ein mitreißendes Psychogramm und zugleich eine mustergültige Gesellschaftsstudie“. A. Platthaus, Horror auf Abwegen. Schule als Lebensverformung: Wytske Versteegs Roman „Boy“ arbeitet mit Genremotiven, hält aber viele Überraschungen parat, in: FAZ vom 13.07.2016.
[9] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren. Dies ist, was wir teilen. Programm Frankfurter Buchmesse & Stadt Frankfurt 19.-23.10.2017, Amsterdam/Antwerpen 2016, S. 17 und 36.
[10] Das Mag, The best of, Amsterdam 2016 (deutsche Ausgabe via mairisch Verlag, Ham-burg 2016, Kolophon).
[11] Ebd.
[12] Vgl. G. Busse, Schriftliches Interview, Mai 2017.
[13] H. van Beuningen, Schriftliches Interview, Mai 2017.
[14] Vgl. C. Buchwald, Telefonisches Interview, 7. Juni 2017.

Autorin: Kathrin Lange
Erstellt: 2017