Flandern und die Niederlande auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Ein Gastlandauftritt 2.0[*]

I. Einleitung

Im Jahr 2016 waren Flandern und die Niederlande Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Es war ein Gastlandauftritt 2.0, denn im Jahr 1993 traten sie bereits einmal gemeinsam als – damals noch – Schwerpunktland auf. In beiden Fällen handelte es sich um Premieren: 1993 präsentierten sich zum ersten Mal zwei Länder als gemeinsamer Sprachraum. 2016 waren Flandern und die Niederlande die ersten Ehrengäste, die schon zum zweiten Mal auftraten. Eine Wie-derholung eines Schwerpunkt- bzw. Gastlandauftrittes hatte es bis dato nicht gegeben.[1]

Seit 1976 gibt es das Programm der Ehrengäste bzw. Ehrengastregionen. „Zunächst waren es, beginnend mit ‚Lateinamerika‘ (1976), thematische Schwerpunkte, die im zweijährlichen Rhythmus präsentiert und von der Frankfurter Buchmesse organisiert wurden. Seit 1988 findet jährlich eine Ehrengastpräsentation statt, wobei der Auftritt weitgehend von den Ehrengästen selbst organisiert und finanziert wird.“[2]

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Gastlandauftritt von Flandern und den Niederlanden im Jahr 2016. Um diesen Auftritt besser einordnen und des-sen längerfristige Effekte besser abschätzen zu können, wird ein kurzer Abriss der ins Deutsche übersetzten niederländischen Literatur seit 1990 gegeben, wobei vor allem die beiden Auftritte als Schwerpunkt- bzw. Gastland 1993 und 2016 eine zentrale Position einnehmen.

Rückblick: Die niederländischsprachige Literatur in deutscher Übersetzung vor 1993

Laut Christoph Buchwald, ehemals Lektor namhafter deutscher Verlage und nun gemeinsam mit seiner Frau Eva Cossée Gründer des gleichnamigen Verlags Cossée in Amsterdam, gab es 1984, als er beim Hanser Verlag anfing, nur wenige Titel aus der niederländischsprachigen Literatur in deutscher Übersetzung. Nicht glauben wollend, dass die Nachbarn keine interessante Literatur haben, setzte er sich dafür ein, dass 1986 Das Attentat von Harry Mulisch in deutscher Übersetzung herausgegeben wurde.[3] Buchwald initiierte auf diese Weise die rasante Entwicklung der Anzahl und der Professionalität der Über-setzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche. Zuvor war die niederländische Literatur beinahe unsichtbar für das deutsche Lesepublikum. Ende der 1980er-Jahre sorgte auch Marcel Reich-Ranicki dafür, dass einzelne niederländische Autoren – wie Cees Nooteboom – in Deutschland bekannt wurden. Der große Wendepunkt kam dann 1993 mit dem Auftritt als Schwerpunktland von Flandern und den Niederlanden auf der Frankfurter Buchmesse.[4]

In der vertalingendatabase[5] kann man anhand verschiedener Parameter gezielt nach der Anzahl von Übersetzungen aus dem Niederländischen in eine bestimmte Sprache suchen. 1993 betrug die Anzahl der ins Deutsche übersetzten niederländischsprachigen Werke, die in die Kategorie „fictie“ fielen, 75, davon waren 11 Sammelbände.[6]


Anzahl auf dem deutschen Markt erschienener Werke, 1990-1999

Jahr Anzahl der Übersetzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche[7]
1990 62
1991 72
1992 71
1993 142
1994 103
1995 137
1996 149
1997 158
1998 164
1999 206
Quelle: vertalingendatabase

Die Tabelle zeigt eine Trendwende im Jahr 1993. Im Jahr des Auftrittes als Schwerpunktland ist ein zu erwartender Spitzenwert in den Übersetzungen zu verzeichnen. Im Jahr 1994 kommt es zunächst zu einem Abfall, danach jedoch einem stetigen Anstieg der Zahl der Übersetzungen ins Deutsche.


[*] Dieser Beitrag stammt aus Unruhige Zeiten. Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 2016/17, online abrufbar unter https://repositorium.uni-muenster.de/document/miami/b952dc88-63fa-4412-a6ee-c8278eaddf41/nl-schriften_band-003.pdf.
[1] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren. Dit is wat we delen. Nederland en Vlaanderen eregast van de Frankfurter Buchmesse. Verslag 2013-2016. Amsterdam 2017, S. 9.
[2]Frankfurter Buchmesse, Ehrengast, online unter https://www.buchmesse.de/de/ehrengast/, eingesehen am 22.01.2018.
[3] Vgl. C. Buchwald, Schriftliches Interview, 13. August 2017.
[4] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren. Bidbook Vlaanderen en Nederland. Gezamenlijk kandidaat-eregast op Frankfurter Buchmesse 2016. Low Countries. Deep Imagination. Amsterdam/Antwerpen 2013, S. 27.
[5] Die vertalingendatabase (online unter https://letterenfonds.secure.force.com/vertalingen-database/zoeken) ist eine Datenbank, die Übersetzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche aufzeigt. Es handelt sich sowohl um subventionierte als nicht-subven-tionierte Titel aus den Genres Fiktion, Non-Fiktion, Poesie und Kinder- und Jugendliteratur. Insgesamt umfasst die vertalingendatabase Informationen über mehr als 20.000 übersetzte Titel.
[6] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren/Taalunie, Vertalingendatabase, online unter https://letterenfonds.secure.force.com/vertalingendatabase/zoeken, eingesehen am 24.10.2017. Die verbleibenden 67 Titel zählten zu den übrigen in Anmerkung 5 aufgeführten Genres.
[7] Alle in diesem Artikel angegebenen Zahlen wurden so, wie sie hier aufgeführt sind, aus der vertalingendatabase entnommen. Es wurden keine Filter angewendet, ob es sich um eine Neuauflage/Neuübersetzung etc. handelt. Falls nicht anders angegeben, ist dies auch bei allen folgenden Angaben aus der vertalingendatabase der Fall.

Autorin: Kathrin Lange
Erstellt: 2017