Vorbereitungen 2016: „Dies ist, was wir teilen.“[1]

Betrachtet man die Tabellen 1 und 3 und streicht dabei die Jahre 1993 und 2016 heraus, so werden zwei Tendenzen deutlich: In den 1990er-Jahren ist die Tendenz steigend, wohingegen die Zahlen ab dem Jahr 2000 rückläufig sind. Zunächst pendelt sich die Anzahl der erschienenen Titel ein und ab 2007 sinkt sie weiter (2016 nicht mitgerechnet). 2017, das Jahr nach der Buchmesse, bestätigt diese Tendenz. Eine weitere Entwicklung, die auf der Hand liegt und auch durch die Tabelle 3 bestätigt wird, besteht darin, dass die Zahl der Übersetzungen im Jahr nach dem Gastlandauftritt (2017 genauso wie 1994) zunächst wieder sinkt. Insbesondere von 2012 bis 2014 sanken die Zahlen. Dies ist vor allem auf die wirtschaftliche Krise, die den Kultursektor und damit auch den Buchmarkt (durch Einsparungen bei den Subventionen) traf, zurückzuführen. 2013 kandidierten Flandern und die Niederlande für einen erneuten Auftritt als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Sie reichten ein sogenanntes Bidbook ein, eine Art Bewerbung mit Gründen für einen erneuten Gastlandauftritt sowie Angaben zu dessen Finanzierung und inhaltlicher Ausgestaltung.[2] Am 17. März 2013 unterzeichneten Jet Bussemaker, damalige Ministerin für Unterricht, Kultur und Wissenschaft, und Joke Schauvliege, damals flämische Ministerin für Kultur, ein Abkommen mit Jürgen Boos, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, über einen Auftritt als Ehrengast von Flandern und den Niederlanden auf der Frankfurter Buchmesse 2016. „Die internationale Erfolgsgeschichte 1993 kann 2016 für eine neue Generation von Autoren und Verlegern und für neue Erscheinungsformen des Buches eine Fortsetzung erleben.“[3]

Tabelle 3: Anzahl auf dem deutschen Markt erschienener Werke 2000-2017
Jahr Anzahl der Übersetzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche
2000 163
2001 178
2002 143
2003 157
2004 150
2005 154
2006 159
2007 146
2008 139
2009 128
2010 119
2011 139
2012 107
2013 103
2014 96
2015 113
2016 258
2017 81*
Quelle: vertalingendatabase *in Vorbereitung waren 128 Werke (Stand Juni 2018)

Es wurde ein Projektteam zusammengestellt, in dem sowohl Mitarbeiter aus Flandern als auch aus den Niederlanden arbeiteten. Dem flämischen Autor Bart Moeyaert, der bereits mehrfach mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden war, wurde die Stelle des künstlerischen Leiters angeboten. Die geschäftliche Leitung übernahm der Niederländer Bas Pauw. Beide Fonds arbeiteten eng zusammen und entwarfen das Motto: Flandern und die Niederlande. Dies ist, was wir teilen. Bart Moeyaert wollte damit sowohl auf die gemeinsame Sprache als auch auf die Beziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen Deutschland, Flandern und den Niederlanden hinweisen. Bildlich stand dafür die von allen drei Ländern geteilte Küstenlinie und die Nordsee, die auch im Gastlandpavillon wiederzufinden war: „Einfach nur die Nordsee als Thema zu haben wäre [...] ein touristisches Bild [...]. Aber das Meer als literarisches Bild finde ich wunderbar, denn das Meer ist poetisch und auch politisch, denken wir an die Flüchtlinge, und es ist eben nicht immer sanft und schön.“[4]

Allerdings gab es auch kritische Stimmen bezüglich Moeyaerts neuen Ansatzes. So gäbe es „keinen einheitlichen Kanon der niederländischen Literatur [...], sondern je einen ‚holländischen‘ und ‚flämischen‘ Kanon der niederländi-schen Literatur.“[5] Nur etwa die Hälfte der Literatur stimme in den beiden Kanons überein. Bart Moeyaert verteidigte aber diesen Ansatz und auch andere stimmten ihm hier zu: „Ob da nun eine Kluft zwischen Flandern und den Nie-derlande ist oder nicht, wir beeinflussen einander sowieso, wir teilen nämlich eine Sprache. [...] Erst betonen wir, dass wir eine Sprache teilen und danach werden die Menschen dann schon merken, inwiefern wir uns unterscheiden.“[6]

Es ist „[s]icherlich gerade in der Außenpräsentation ein kluger Ansatz, der die Kräfte eines kleinen Sprachgebiets [...] bündelt und die ja auch vor-handenen substantiellen Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellt.“[7] Für die meisten Leser und Übersetzer spielt es auch keine Rolle, ob das Buch in Flandern oder in den Niederlanden spielt bzw. ob es ein flämischer oder ein niederländischer Autor geschrieben hat. „Das Buch selbst muss ansprechen, mit seinem niederländischen oder flämischen Setting.“[8] Wichtiger ist daher die Wirkungsäquivalenz beim literarischen Übersetzen.[9] Es gibt sowohl im sprachlichen, als auch im kulturellen Bereich Unterschiede. In Flandern benutzt man andere Wendungen, was die Übersetzer bei der Übertragung ins Deutsche berücksichtigen müssen. Andererseits sind die Unterschiede nicht so groß, dass man von zwei verschiedenen Welten sprechen kann. Das sieht man unter anderem an der Tatsache, dass einige flämische Autoren auch bei niederländischen Verlagen beheimatet sind.[10]

Während der Vorbereitungen organisierte das Projektteam gemeinsam mit den Mitarbeitern der beiden Literaturfonds fünf sogenannte publishers tours für deutsche Verlage in die Niederlande und nach Flandern, eine influentials tour für zwölf Direktoren und Programmbeauftrage von deutschen Literaturhäusern und -festivals und – neben einer Anzahl individueller Pressereisen – auch insgesamt vier große Pressereisen für deutsche Journalisten.[11]

Im Gegensatz zum Auftritt als Schwerpunktland 1993 war vor allem die Bandbreite des Programms 2016 ein wichtiges Merkmal. 2016 lag der Fokus nicht nur auf verschiedenen literarischen Genres, sondern auch auf anderen Kunstrichtungen und neuen Entwicklungen. Das literarische Programm wurde dadurch in einen breiteren kulturellen Kontext sowie in einen Kontext von Veränderung und Erneuerung platziert.[12] Zu nennen ist an dieser Stelle die Ausstellung von Fiona Tan, indonesische Fotografin und Filmemacherin, im Museum für moderne Kunst in Frankfurt während der Frankfurter Buchmesse 2016. Ein weiteres Beispiel ist das Genre Graphic Novel (oder auch Comicroman genannt). Darin wird eine abgeschlossene Geschichte erzählt, die meist deutlich umfangreicher ist als in einem klassischen Comic-Album. Die Themen richten sich sowohl an Kinder und Jugendliche als auch an ein erwachsenes Publikum. In Flandern und Frankreich ist der Graphic Novel schon länger etabliert, in Deutschland und den Niederlanden dagegen war er bislang eher unbekannt.

Die Vorbereitungen für den Gastlandauftritt dauerten ungefähr zwei Jahre. Laut der vertalingendatabase erschienen im Jahr 2016 allein 258 Titel in deutscher Übersetzung (siehe auch Tabelle 3). Verglichen mit den Jahren davor ist das – bildlich gesprochen – eine „Überflutung“ an Übersetzungen aus dem Niederländischen.[13] Durch den Gastlandauftritt kam das Niederländische auf den vierten Platz mit 3,2 % aller Übersetzungen (zum Vergleich 2015: Platz 7 mit 1,9 % aller Übersetzungen).[14] Die angegebenen Prozentsätze erscheinen auf den ersten Blick sehr gering. Allerdings müssen sie in Relation gesehen werden, da die zwei großen Sprachen Englisch und Französisch selbstredend an erster (64,6 %) bzw. zweiter (10,8 %) Stelle stehen. Angesichts der kleinen Größe des niederländischen Sprachgebietes ist ein Prozentsatz von 3,2 nicht zu verachten. Allerdings wurden aufgrund dieser gestiegenen Anzahl die einzelnen Titel zwar in den Medien wahrgenommen, jedoch oftmals nicht tiefergehend besprochen. Viele Bücher wurden in kollektiven Buchbesprechungen vorgestellt. Der Umfang der Rezensionen der einzelnen Romane war darum – Ausnahmen bestätigen diese Regel – insgesamt sehr eingeschränkt.[15]


[1] aus: Jahrbuch des Zentrums für Niederland-Studien 2016/17 (Schriften aus dem Haus der Niederlande, Band 3).
[2] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren (2013).
[3] Jet Bussemaker, zitiert nach: Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren, Niederlande und Flandern gemeinsam Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2016, Pressemitteilung vom 17.03.2014
[4] Bart Moeyaert, zitiert nach: Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren, Flandern & die Niederlande. Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016. Pressemappe, Amsterdam/Antwerpen 2016, S. 4.
[5] H. Eickmans, "Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016. Flandern und die Niederlande: Was sie teilen und was sie teilt", in: Literaturkritik.de (2016) 10.
[6] Zitiert nach: P. Jacobs, Bart Moeyaert leert de Duitsers Nederlands lezen. ‘Als er zo’n smak geld uitgegeven wordt, komt de West-Vlaming in mij boven’, in: De Standaard vom 27.02.2016 (Übersetzung durch die Verfasserin).
[7] Eickmans (2016).
[8] E. Schweikart, Schriftliches Interview, Mai 2017.
[9] Vgl. S. Schäfer, Schriftliches Interview, Mai 2017.
[10] Vgl. G. Busse, Schriftliches Interview, Mai 2017.
[11] Vgl. Nederlands Letterenfonds/Vlaams Fonds voor de Letteren (2017), S. 11 und 68f.
[12] Vgl. T. Perez, Interview per E-Mail, 10. und 14. August 2016.
[13] Englisch ist bei Übersetzungen für den deutschen Buchmarkt die wichtigste Sprache (2016: 64,6% aller Übersetzungen [Erstauflagen]). Trotz sinkender Zahlen im Jahr 2016 nimmt das Französische mit 10,8% aller Übersetzungen einen wichtigen Platz ein. An dritter Stelle steht das Japanische mit einem Anteil von 6,3% aller Übersetzungen (hauptsächlich im Comic-Genre). Die Angaben wurden entnommen aus: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Buch und Buchhandel in Zahlen. Zahlen, Fakten und Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung, Frankfurt 2016 (Poster zum Börsenblatt, Heft 31 vom 3. August 2017).
[14] Vgl. ebd., S. 7.
[15] Vgl. C. Buchwald, Telefonisches Interview, 7. Juni 2017.

Autorin: Kathrin Lange
Erstellt: 2017