„Die kleine kalte Front“ – Deutschland in der niederländischen Literatur

Das Thema Deutschland in der niederländischen Literatur steht seit 1945 im Zeichen der traumatischen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Es ist nicht verwunderlich, dass nach dem Krieg erst einmal mit den Verbrechen der NS-Herrschaft abgerechnet wurde. Aber schon kurze Zeit nach dieser heftigen Reaktion auf den Krieg entstanden Romane, die die niederländische Opfer- und Heldenrolle relativieren. Seit Mitte der siebziger Jahre ließen von einer mythologisierenden Faszination des Schreckens geprägte Romane Deutschland, die Deutschen und die deutsche Kulturgeschichte zur Metapher des Bösen werden. Neben dem zaghaften Versuch, die niederländische Kollaboration zu thematisieren, erschienen in den achtziger Jahren auffallend viele Romane, die sich mit dem Gedenken an die Opfer des deutschen Terrors 1940–45 auseinandersetzen. Erst die Werke aus den neunziger Jahren konnten sich aus dem Bann des historischen Traumas lösen.

Im Bann der Befreiung

In den ersten 15 Jahren nach der Befreiung spielen Deutschland und die Deutschen spielen fast ausschließlich eine Rolle als Besatzer der Niederlande. In sehr heftigen ersten literarischen Reaktionen auf die deutsche Besatzung verschafft sich die Wut Luft. Der Stiefel im Nacken heißt ein 1945 erschienener Roman von Maurits Dekker, der die Gräueltaten des deutschen Aggressors noch einmal auflistet: den Überfall ohne Kriegserklärung, das Bombardement Rotterdams nach der niederländischen Kapitulation, den täglichen Terror gegen die Bevölkerung, das systematische Aushungern der Nordprovinzen im Winter 1945 und den Mord an den niederländischen Juden. Dem deutschen Terror steht hier eine stark idealisierte Beschreibung der niederländischen Gesellschaft als Idylle gegenüber: Die Eindringlinge trampeln durch ein Land, in dem Solidarität, Gerechtigkeitssinn und Heldentum die Regel sind. Die Opfer des NS-Terrors und die Helden des antifaschistischen Widerstands werden besonders nachdrücklich als Identifikationsfiguren angeboten.

Neben der kollektiven Identifikation mit dem Widerstand und mit den Opfern erschienen kurz nach dem Krieg aber auch schon Texte, die sich von einer emotionalen Beschreibung des niederländischen Opfergangs und von der einseitigen Überbewertung des Widerstands lösen. Sie verabschieden sich damit auch vom allzu simplen Schwarz-weiß-Schema, das den deutschen Verbrecher dem niederländischen Opfer und Helden gegenüberstellt. Sehr früh und für einen 19-jährigen Debütanten auf erstaunliche Weise leistet dies Gerard Kornelis van het Reve 1944 in seiner Novelle Der Untergang der Familie Boslowitsch.

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„Es ist Krieg“, sagte meine Mutter, „der Rundfunk hat es eben gesagt.“ – „Was haben sie genau gesagt?“, fragte ich. „Tja, das kann ich nicht alles wiederholen, da hättest du selbst zuhören müssen“‚ antwortete sie. Tante Jeanne saß, ein schwarzes Samtbarett auf dem Kopf, im Sessel und zuckte mit den Augenlidern. Das Radio schwieg gerade, und ungeduldig warteten wir auf den Anfang der Acht-Uhr-Sendung. Diese wurde gewöhnlich durch Hahnengekrähe angekündigt. „Ich bin neugierig, ob sie auch heute Kikeriki machen“‚ sagte mein Vater, der auf dem Flur wartete. Ich hoffte brennend, daß alle Gerüchte, die durch das Viertel eilten, stimmten. Wirklich Krieg, fabelhaft, sagte ich mir im stillen. Die Uhr des Senders begann jenes kaum hörbare Geräusch zu machen, das den Schlägen vorausgeht. Sie fielen nach dem sechzehntönigen Vorspiel, langsam und klar. Daraufhin krähte der Hahn. „Ein Skandal“, sagte mein Vater. Ich erschrak, denn jetzt konnte alles noch verdorben werden. Vielleicht war das der Beweis, daß der Krieg überhaupt noch nicht ausgebrochen war. Ich fühlte mich erst beruhigt, als der Ansager die Überschreitung der niederländischen Grenze durch deutsche Truppen bekanntgab. Zufrieden ging ich an diesem Morgen ins Gymnasium, während Tante Jeanne immer noch stumm vor sich hinstarrte.

Gerard K. van het Reve (1966): Der Untergang der Familie Boslowitsch, in: Grashoff, Pieter: Niederländische Erzähler der Gegenwart. Eine Anthologie, Stuttgart 1966, S. 210 f.

Schwarz-Weiß-Malerei

Das Leiden und der Opfergang der niederländischen Bevölkerung werden in dieser Beschreibung ironisch gebrochen. Ähnlich geschieht dies in Werken von Simon Vestdijk und WilIem Frederik Hermans mit dem antifaschistischen Widerstand. In seinem Roman Pastorale 1943 stellt Vestdijk die angeblichen Helden als einen unkoordinierten Haufen tolpatschiger Amateure dar: In einer Episode setzt beispielsweise einer der Hauptakteure alles daran, eine bestimmte Fähre zu erreichen, um pünktlich in sein Versteck zurückzukommen. Die spannende Beschreibung wirkt absurd, weil der Leser bereits weiß, dass die Deutschen im Versteck warten, um ihn zu verhaften. Lächerliche Amateure sind die Widerstandskämpfer auch in der Prosa Willem Frederik Hermans. Das gilt für den 1949 erschienenen Roman Die Tränen der Akazien und vor allem für Die Dunkelkammer des Damocles (1956), wo bis zum Schluss offen bleibt, ob Osewoud, der Held der Geschichte, nun ein Widerstandskämpfer oder ein Kollaborateur ist. Durch die ironische Brechung des im historischen Kontext offiziell propagierten kollektiven Heldentums relativiert sich implizit auch ein stereotypes Deutschlandbild. Denn wo sich der Unterschied zwischen Widerstand und Kollaboration, zwischen Opfer und Täter verwischt, da ist eine Schwarz-weiß-Malerei mit durchweg bösen Deutschen und durch und durch guten Niederländern nicht mehr möglich. Parallel zu dieser skeptisch-kritischen Tendenz erscheinen in den fünfziger Jahren Bücher, in denen die Opfer des deutschen Faschismus als gemeinschaftliche Identifikationsfiguren angeboten werden. Im Werk Marga Mincos bekommt der Rückblick auf den deutschen Terror eine moralisierende Tendenz. Die Romane Das Bitterkraut (1956) und Ein leeres Haus (1966) arbeiten implizit mit Gegensatzpaaren, die nur wenig Spielraum für Differenzierungen zulassen. Die Autorin stilisiert den Mord an den niederländischen Juden zu einem Martyrium, das dem Leser als kollektives Identifikationsangebot vermittelt wird.

Einen moralischen Anspruch anderer Art hat das erzählerische Werk von J.B. Charles. Bei den Erzählungen Verfolge die Spur zurück (1953) handelt es sich um eine Art Anklageschrift. In 23 Episoden wird eine Spur aufgenommen, die jeweils zurück in die dunkle und ausnahmslos nationalsozialistische Vergangenheit einer Person führt. Das Deutschlandbild wird auch hier zum Feindbild. Ein Bild, das der Autor in seinem zweiten Episodenroman Von der kleinen kalten Front teilweise ironisch bricht. Charles‘ Polemiken vermitteln dennoch insgesamt ein Deutschlandbild, das den geschichtswissenschaftlichen Thesen von der deutschen Kollektivschuld an den Verbrechen des „Dritten Reiches“ und von der Kontinuität des Nationalsozialismus in Deutschland entspricht.

Die folgende Polemik Godfried Bomans aus dem Jahr 1963 ist in einem Tenor gehalten, der noch stärker als Charles eine niederländische moralische Überlegenheit den Deutschen gegenüber herausstreicht.

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Jeder, der deutsche Freunde hat, (...) weiß auch, daß sie plötzlich in eine eigenartige Verzückung fallen können, eine nicht klar begründete Begeisterung, plötzlich brennen alle Sicherungen durch, was mit dem Begriff der „Exaltation“ noch am besten zu fassen ist. Hier treffen wir plötzlich eine Schwachstelle in der deutschen Seele, hinter der es hohl klingt. Nun, was steckt in diesem Hohlraum? Wer gebückt in ihn eindringt, trifft zunächst noch gute Freunde: Old Shatterhand und Winnetou. Aber das Lächeln des Wiedererkennens gefriert, je weiter man vordringt. Es sind nur Vorläufer für andere Leute, die Sie aus jüngerer Vergangenheit wiedererkennen werden.

Bomans, Godfried: Het ruikt hier naar Gas, in: Van de hak op de tak, Amsterdam/Brüssel 1984, S. 25.

Deutschlandtrilogie von Harry Mulisch

Nach diesem Pauschalurteil über die Deutschen erscheint die differenzierte Darstellung von Deutschland und seinen Bewohnern in den Büchern von Harry Mulisch wie ein Tabubruch. Der Roman Das steinerne Brautbett (1959) stellt vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs die Frage nach individueller Schuld und Verantwortung. Der Bordschütze eines amerikanischen Bombers kehrt 1956 – als Befreier und Kriegsverbrecher zugleich – in das von ihm mitzerstörte Dresden zurück. Ihm stehen zwei deutsche Figuren gegenüber: Hella Viebahn repräsentiert die deutschen Opfer des Nationalsozialismus, die DDR und den deutschen Antifaschismus. Schneiderhahn ist der „hässliche Deutsche“, der als Westdeutscher auch gleich als potenzieller Kriegsverbrecher gilt. In dieser Figurenkonstellation stellen sich zunächst scheinbar naheliegende Assoziationen als trügerisch heraus: Der vermeintliche amerikanische „Befreier“ erweist sich als Kriegsverbrecher, der westdeutsche Schneiderhahn als ehemaliger Widerstandskämpfer. Die Kernszene des Romans ist eine Rückblende in der Form eines Homerischen Gesangs. Die Hauptperson Corinth und seine Kameraden fliegen nach dem Bombardement die Stadt noch einmal an. Ihr Gemetzel an der in die Elbe geflüchteten Dresdner Zivilbevölkerung erleben die übermütigen Jungen als Abenteuer. Für Corinth wird es im Verlauf der Handlung zum sexuellen Erlebnis.

Das steinerne Brautbett arbeitet spezifisch deutsche historische Zusammenhänge sehr genau heraus. Darüber hinaus thematisiert der Autor gängige stereotype Deutschlandbilder und revidiert diese teilweise. Die Fragen nach Schuld und Verantwortung werden individuell gestellt und beantwortet. Der Roman ist das erste Buch einer Trilogie über Deutschland, in der Harry Mulisch Deutschlandbilder mit der Aussage entwickelt, dass jeder Mensch persönlich die Verantwortung für das trägt, was er getan hat und was er gegenwärtig tut. Sein zweiter Deutschlandroman, Strafsache 40/61 (1961), ist eine literarische Reisebeschreibung, die den Ich-Erzähler 1961 zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem, Berlin und Auschwitz führt. Letzter Band der Trilogie ist das 1972 erschienene deutsche Anti-Geschichtsbuch Die Zukunft von gestern. Der Roman handelt von dem vergeblichen Bemühen, einen Roman zu schreiben, in dem Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat. Die Welt dieser Erzählung ist als eine fiktive „Gegengeschichte“ entworfen, in dem Sinne wie sich die Nationalsozialisten die Zukunft vorstellten. Bei seinen Recherchen für den Roman fährt der Ich-Erzähler im Winter nach Deutschland.

Die Deutschlandtrilogie Harry Mulischs basiert auf dem Romankonzept Begnadigung für die Toten (1952). Das Deutschlandbild dieser Trilogie hat zwei Ebenen: Auf einer analytisch tief schürfenden Ebene werden Theorien entwickelt, die sich mit Studien der „Frankfurter Schule“ vergleichen lassen. Geschichtsphilosophisch spielt zudem eine als typisch deutsch dargestellte „Zerstörung der Vernunft“ eine Rolle, die geradewegs in die Barbarei führt. Auf einer eher suggestiv-emotionalen Ebene nimmt der Autor vor allem in den beiden späteren Werken die Differenziertheit teilweise wieder zurück. Stereotyp wird mit Hilfe von Textfragmenten im „Nazi-Jargon“ die deutsche Sprache mit nationalsozialistischer Gewaltherrschaft assoziiert.

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Bei Oberhausen begann der Nebel. Es war Winter. Die Tannen standen voller Rauhreif im Nebel. Hier und da brannten die Sonnenstrahlen einen Fleck in den weißen Wahn einer negativen Welt. Nach kurzer Zeit erschienen die rauchenden Schornsteine, Raffinerien, Hochöfen. Die Landschaft wurde grauer. Die Autobahnen füllten sich mit Kanonenkugeln auf Rädern, manchmal vorn ein Chauffeur mit Mütze, ein parfümierter Herr im Fonds, der mit übergeschlagenen Beinen Akten las, hin und wieder einen Blick auf die Fabriken links und rechts werfend, in denen Arbeiter bis zum Hals in Eisen und Stahl standen. Am Boden der Nebel der Erde, am Himmel der Dunst der Menschen, in der Nähe, hinter den Fabriken, der Rhein. Der Nebel ist in der Atmosphäre das meteorologische Pendant zur Legende, die unhistorische Vergangenheit. Deshalb ist Nebel deutsch, und deshalb ist der Rhein – jedenfalls bis zum 30. April 1945 – für die Deutschen nicht ein Fluß in seinem natürlichen Bett, wie für die Schweizer, sondern eine Legende. In den Niederlanden mit ihrem klaren merkantilen Wetter unter unablässig grauem Himmel, der nicht blendet, sondern wie in einem Maleratelier leuchtet, ohne daß man wüßte, woher das Licht kommt, in diesen Niederlanden ist die selbstgemachte Erde entzaubert, sichtbar, und dort ist der Rhein ein Teil des Wasserhaushalts, ein Gebrauchsgegenstand, eine Straße, über die Frachtgut verschifft wird mit der Absicht, es teurer zu verkaufen, als man es selbst eingekauft hat. Dafür deicht man ihn ein und baut an seiner Mündung den größten Hafen der Welt. Hier ist er die Sache der Kaufleute und Ingenieure, nicht der Sänger. Bei uns befindet sich die Legende abstrakt im Höheren hinter den Regenwolken, und einen legendären Fluß findet man nicht im Raum, sondern höchstens in der Zeit, im verborgenen deutschen Blutstrom von Wilhelm von Oranien bis Königin Juliana. Aber in Deutschland liegen die Wolken auf der Erde, und da war es der gottgegebene Boden, der zur Legende wurde. Der Rhein, ein deutscher Fluß, konkret und abstrakt zugleich, eine Aorta, durch die mythisch-nationale Lebenskraft strömt. Wagner ließ sogar einen Akt einer Oper im Rhein unter Wasser spielen, wodurch der Fluß so etwas wie das Bild der nationalen Seele wurde. Von Schaffhausen bis Lobith muß er mit dem verglichen werden, was der Jordan für die Juden und der Ganges für die Hindus ist. Vergeistigt sinken sie ins heilige Wasser, das dulden, leiden und zwischen den Hügeln mit den Ruinen der Raubritterburgen gelegentlich sogar scheinen konnte. Einfachen Schiffern sang die Lorelei das Hemd vom Leibe (bei Clemens von Brentano), und sogar die besten Sänger wie Hölderlin und Heine stimmten ein: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ... aber nur bis zum 30. April 1945, als Hitler in der Tiefe des blutdurchtränkten Bodens von Berlin die Bedeutung endlich begriff und Gift nahm. Von da an begann die Verschmutzung der Legende mit den Abfallstoffen der Industrie, mit thermischen Störungen aus Frankreich. Tote Fische treiben flußabwärts. Hitler hatte den Krieg verloren. Der Rhein war auch in Deutschland dabei, eine Naturerscheinung zu werden. Und wieviel Gift er nun auch immer führen mag, so vergiftet wie damals, als er noch glasklar war, kann er nie wieder werden.

Mulisch, Harry: Die Zukunft der Vergangenheit, in: Bittermann, Klaus: Eingriffe. Jahrbuch für gesellschaftskritische Umtriebe, Berlin 1988, S. 33 f.

Die tätowierte Lorelei

Eine alternative Sichtweise Deutschlands und der Deutschen, wie sie bereits in Das steinerne Brautbett von Harry Mulisch zum Ausdruck kommt, erscheint seit den sechziger Jahren in zwei Varianten. Jaap Hartens Roman Die tätowierte Lorelei (1968) beschreibt die Vorgeschichte und die Geschichte des „Dritten Reichs“ aus der Perspektive des homosexuellen Kneipenmilieus in Berlin. Aus der Sicht deutscher Opfer des Nationalsozialismus scheint hier ein Stück deutscher Alltagsgeschichte auf. Der dreiteilige Roman führt in seinem ersten Zeitabschnitt ein Stimmungsbild fort, wie es Christopher Isherwood in seinem Roman Goodbye to Berlin zeichnet. Der zweite Teil beschreibt das Leben der Menschen, die im „Dritten Reich“ zu Parias der Gesellschaft erklärt und verfolgt werden. Der letzte Teil schildert das Schicksal dieser Außenseiter und Ausgestoßenen vom Anfang des Zweiten Weltkriegs bis zur Befreiung der Überlebenden aus dem Konzentrationslager. Die tätowierte Lorelei zeigt Vertreter eines anderen Deutschlands, die nicht mit den Wölfen geheult haben, sondern von ihnen verfolgt wurden. Im Roman allerdings leisten diese deutschen Opfer der nationalsozialistischen Diktatur keinen aktiven Widerstand.

Das deutsche Dienstmädchen Nathalie aus Hamburg-Altona geht in Ger Verrips gleichnamigem biografischem Roman nach Amsterdam. Die Erzählung aus dem Jahr 1972 stellt niederländische und deutsche Kultur- und Sozialgeschichte zwischen 1914 und 1974 einander gegenüber. Spezifisch nationale Sozialisation und kulturelle Eigenarten werden in den Alltagskonflikten der Hauptfigur deutlich herausgearbeitet. Dabei bietet der Roman durch sein Deutschlandbild Anlass und Material zum Abbau von Vorurteilen. Wie in Jaap Hartens Roman über die Lorelei wird auch hier die Geschichte der „kleinen Leute“ erzählt, die ganz anders sind, als die gängigen Stereotypen das unterstellen.

Im Bann des historischen Traumas

Seit etwa Anfang der siebziger Jahre zeigt sich in der niederländischen Literatur über Deutschland eine Tendenz, vom Thema derart zu abstrahieren, dass es sich zu einer in sich geschlossenen und vom beschriebenen historischen Kontext weit entfernten mythlogisierenden Aussage verselbstständigt. Das gilt besonders für die Erzählungen Armandos, die in ihrer Form an die Polemiken von J.B. Charles erinnern. Armandos Prosa wird zur „Feindbeobachtung“: Beobachtet werden „Schauplätze“, die durch die deutsche Vergangenheit belastet sind. Dieser Vergangenheit geht das erzählende Ich jeweils nach. Wichtigstes Ziel ist die ehemalige Reichshauptstadt Berlin. Hier erinnern Gebäude, Ruinen, Plätze, Mauern und Menschen Armando an die nationalsozialistische Herrschaft, an Unterdrückung, Folter, Krieg und Verrat. Seine „Feindbeobachtung“ gilt menschlichen Zielen und historischen Gebäuden in einer gleichgültigen Umgebung. Dies fasziniert ihn und schreckt ihn zugleich ab. Die Wärme der Abneigung, eine Sammlung kurzer Prosa Armados, zeigt das Ergebnis solcher Observationen.

Armandos Ich-Erzähler erinnern an Archäologen auf der Suche nach dem „Bösen an sich“, die sich weit über das Objekt ihrer Forschungen erheben. Diese Erzählhaltung betont die Überlegenheit des Erzählers. Das Deutschlandbild in Armandos Erzählungen erhält auf diese Weise einen Unterton, der auf stereotype und überhebliche Weise die selbstkritischen und selbstironischen Sequenzen übertüncht. Armandos Polemiken, die eine niederländische Tageszeitung in den achtziger Jahren wöchentlich als Kolumne abdruckte, bestätigen bestehende Vorurteile eher als sie zu relativieren.

Der Haarlemer Schriftsteller Louis Ferron hat dem Thema Deutschland und der Faszination des Schreckens beinahe sein ganzes Werk gewidmet. Eine Schlüsselposition nimmt dabei seine Romantrilogie über deutsche Geschichte ein. Sie stellt eine reaktionäre deutsche Kultur und Kulturtradition dar, die von der deutschen Romantik geradewegs in den Nationalsozialismus führt. Diesen Weg illustrieren Ferrons Romane auf drei historischen Ebenen: Narrendämmerung (1974) zeigt den Untergang der Wittelsbacher Monarchie in Bayern; Das Stieropfer (1975) beschreibt die konterrevolutionäre Brutstätte des Nationalsozialismus in Bayern Anfang der zwanziger Jahre; Der Schädelbohrer vom Fichtenwald (1976) präsentiert einen nationalsozialistischer Mikrokosmos in dem als Sanatorium getarnten Konzentrationslager Fichtenwald. Im dritten Buch laufen alle Fäden aus Ferrons bisherigem Werk zusammen. Es bietet ein literarisches Stimmungsbild, das sich um einen Angelpunkt dreht: ein Theaterstück. Es bestimmt die gesamte Form des Romans und endet mit einem Blutbad. Wie alle bisher erschienenen Romane Ferrons ist auch dieser wie ein literarisches Puzzle angelegt: ein Mosaik aus Zitaten der deutschen Geistes-, Kunst-, Musik-, Literatur- und allgemeinen Geschichte. Die Zitate haben die Funktion, einen literarischen Raum zu gestalten, der konsequent eine nationalsozialistische Ästhetik von innen heraus wiedergibt. Die wenigen Sequenzen, die den Nationalsozialismus explizit in Frage stellen, die groteske Erzählhaltung und die implizite ironische Brechung werden von einer wahren Sintflut literarischer Puzzlesteine zugeschüttet. Das Bild von Deutschland löst sich dabei buchstäblich in eine schier unendliche Zahl kleiner Hinweise auf den Nationalsozialismus auf. Das Bild von Deutschland wird so zu einem kaum fassbaren Stimmungsbild, es löst sich von seinem historischen Hintergrund und assoziiert vage alles, was deutsch ist, mit Nationalsozialismus und Holocaust.

Mythischen Faszination

Wie Deutschland seit den siebziger Jahren in der niederländischen Literatur als unwirkliche mythische Welt dargestellt wird, zeigt ein Ausschnitt aus der 1978 erschienenen Reisebeschreibung Und die alte Verwirrtheit kommt wieder. Deutschland 1970 von Cees Noteboom.

In diese Reihe von Büchern, deren Deutschlandbild von einer mythischen Faszination oder gar von einer „Wärme der Abneigung“ (Armando) getragen wird, gehört auch Wim Kayzers Roman Unanständige Erinnerungen (1988). Das Buch handelt von der Aktualität und Allgegenwärtigkeit des NS-Terrors im Gedächtnis der Opfer und im Kopf der jungen Hauptperson Kayzer, die einen NS-Verbrecher namens Friedländer jagt. Das Gegensatzpaar „niederländisch – deutsch“ stellt hier eine „gute“ niederländische Kulturgeschichte einer deutschen Kulturgeschichte des „Bösen“ gegenüber. Die deutsche antikulturelle und antisemitische Tradition reicht dabei, dem Roman zufolge, von Heinrich von Kleist bis zu Rainer Werner Fassbinder. Der Roman Unanständige Erinnerungen konstruiert noch in den späten achtziger Jahren eine Vergangenheitsbewältigung, die dazu dient, eine spezifisch niederländische antifaschistische Identität auf Kosten einer ebenso pauschalen, anachronistischen wie historisch falschen deutschen Gegenidentität aufzubauen.

Die Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs ist in den Niederlanden ein Tabu, das die Literatur erst 1982 bricht. Die literarische Biografie des Malers Montyn von Dirk Ayelt Kooiman schildert spannend die Flucht des Jungen Jan Montyn während der deutschen Besatzungszeit aus dem kleinbürgerlich-verkrampften und kalvinistischen Elternhaus in deutsche Wehrsportlager. Von da aus führt sein Weg direkt in die Wehrmacht und an die zusammenbrechende deutsche Ostfront. Deutschland und der Zweite Weltkrieg werden hier aus der Sicht des Kollaborateurs beschrieben, ohne dass Jan Montyn als solcher bezeichnet wird. Er ist die Identifikationsfigur in einem Abenteuerroman. Jan gerät scheinbar von selbst, schicksalhaft, immer weiter auf die Seite der Deutschen. In diesem Zusammenhang wird seine Entscheidung zur Kollaboration als Entscheidung gegen die Zwangsarbeit heruntergespielt. Das Schicksal und missliche Umstände gelten dabei unausgesprochen als Entschuldigungen. In dieser fatalistischen Haltung ist der Roman mit der sogenannten Rechtfertigungsliteratur aus den fünfziger Jahren der Bundesrepublik zu vergleichen. Doch stellt sich der Ansatz, durch die Thematisierung der niederländischen Kollaboration auch die verkrusteten Schemata einer positiven niederländischen Identität gegenüber einer negativen deutschen Gegenidentität aufzubrechen, in diesem Fall als Fehlversuch heraus.

Noch in den achtziger Jahren mahnen die Romane von Hellema, des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Der autobiografische Episodenroman Langsamer Tanz als Versöhnungsritual (1982) ist als direkte Reaktion auf den deutschen Terror im Zweiten Weltkrieg und als literarische Verarbeitung der traumatischen Erfahrung zu interpretieren. Er erschien erst im Jahr 1982, also 40 Jahre nachdem die Gestapo den Autor gefasst und in deutsche Konzentrationslager verschleppt hatte. Dieser Zeitabstand macht deutlich, wie dehnbar der Begriff „Nachkriegsliteratur“ in den Niederlanden ist. Aus verschiedenen Perspektiven schildert ein Ich-Erzähler in 14 Episoden, wie er im und nach dem Krieg mit Deutschen zusammentrifft. Getreu dem Motto „Die Mörder sind unter uns“ stößt der Erzähler bei seinen deutschen Geschäftspartnern immer wieder auf deren nationalsozialistische Vergangenheit. Diese Vergangenheit steht wiederum jeweils im direkten Zusammenhang mit der Geschichte des Erzählers als Opfer des Nationalsozialismus. Hellema stellt Krieg, staatliche Gewaltherrschaft und individuelle Gewalt jedoch als allgemeinmenschliche Phänomene dar. Besonders eindringlich sind autobiografisch geprägte Episoden, die das Überleben in deutschen Konzentrationslagern und die Befreiung beschreiben. Doch wird das dominante Versöhnungsmotiv inhaltlich teilweise insofern wieder zurückgenommen, als der Text auch an ein grundsätzliches – und damit stereotypes – Misstrauen allen Deutschen gegenüber appelliert.

Auch Der Polnische Knoten von J. Ritzerfeld spielt an Schauplätzen, die auf den nicht enden wollenden Zweiten Weltkrieg verweisen. In drei Erzählsträngen begeben sich ein Dichter, ein Dramaturg und ein Pianist unabhängig voneinander nach Polen und in die Tschechoslowakei, um zu trauern. Für sie bedeutet der Tag, an dem die Geschichte spielt, der 10. Mai 1980, „35 Jahre Frieden, 40 Jahre Krieg“. Dieser Roman ist ein literarisches Denkmal für die Opfer des Holocaust; er erörtert differenziert die Fragen nach Schuld und Verantwortung.

Befreit vom historischen Trauma

Erst in den neunziger Jahren wird der Bann des historischen Traumas gebrochen. Cees Nooteboom, der von Anfang 1989 bis Juni 1990 in Berlin lebte, zeigt in seinen Reisebeschreibungen Berliner Notizen (1990) unvoreingenommenes Interesse an Deutschland und am deutschen Einigungsprozess.

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Um genau neun Minuten nach sechs Uhr abends falle ich ohne nähere Kriegserklärung in Deutschland ein. Die Schilder ändern ihre Farbe, die Buchstaben ihre Form, ich werde ein Ausländer, und während ich weiterfahre, wird es dunkel. Es ist wenig Verkehr, Gelegenheit genug, zu meditieren. Die deutsche Landschaft gleitet vorbei, und ich dringe in ein viel größeres Ganzes ein als dasjenige, aus dem ich gerade komme. Die Autobahn ist so etwas wie eine Bahn um die Erde. Wenn man irgendwo hin will, muß man den Kurs ändern. Schaffte man es nicht, die Raketenmotoren rechtzeitig in Betrieb zu nehmen, dann wäre man dazu verdammt, auf ewig in einer Bahn um Deutschland zu kreisen, ohne jemals in Köln, Würzburg, Wertheim, Nürnberg, München oder wie die Krater auch heißen, landen zu können. Ein schimmelndes Skelett im Ewigen Mercedes. Wer öfter nach Deutschland kommt, muß die Gefühle kennen, die mich langsam aber sicher beschleichen. Aus dem Autoradio klingt Musik für Lasterfahrer, dieselbe Art Musik, die beim Start und beim Landeanflug in Flugzeugen gespielt wird und die dazu dient, durch ihre betäubende Wirkung die Angst vor dem Übernatürlichen zu beschwören. An der Autobahn liegen keine Städte. Da liegen nur Schilder, die Städte bedeuten sollen.

Nooteboom, Cees: Und die alte Verwirrtheit kommt wieder. Deutschland 1970, in: Een avond in Isafahan, Amsterdam 1978.

Tessa de Loos Die Zwillinge schließlich erhebt die Diskussion über das Deutschlandbild, die gegenseitigen Vorurteile und Feindbilder, zum zentralen Thema. Die deutsch-niederländische Sprachlosigkeit ist ein weiteres zentrales Thema dieser Familientragödie. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg werden die beiden Zwillingsschwestern getrennt, eine wächst in Deutschland auf, die andere in Holland. Als alte Frauen treffen sie sich zufällig wieder und erzählen sich ihr Leben. Spät, aber gerade noch nicht zu spät gelingt ihnen eine Verständigung über den Menschen im Gegenüber, hinter dem Vorurteile, Feindbilder und Klischees verblassen. Die deutsche Schwester wirbt immer wieder um Verständnis, das ihr allerdings erst postum zuteil wird. Der Roman fordert den niederländischen Leser auf, sich um Verständnis zu bemühen, bevor es zu spät ist.

In seiner chronologisch-linearen Entwicklung hat das Thema „Deutschland“ im niederländischen Roman drei Phasen durchlaufen: In der Nachkriegszeit befindet es sich noch »im Bann der Befreiung“ (1945—1958) , in einer zweiten Phase ist es „befreit von der Befreiung“ (1959—1973), wird dann aber teilweise zu einem literarischen Albtraum. Damit gerät das Deutschlandbild in einen mythologisierenden „Bann des historischen Traumas“ (1974—1990). Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich die niederländische Literatur schließlich »befreit vom historischen Trauma“. Der Bogen spannt sich von einem eher stereotypen über einen differenzierten wieder zu einem stereotypen Deutschlandbild, das sich schließlich zum Positiv-Differenzierten wendet. Dabei entsprechen die beiden ersten Phasen in der Literatur über Deutschland der allgemeinen Entwicklung der deutsch-niederländischen Beziehungen, die sich mit leichten Verzögerungen im politisch-psychologischen Bereich kontinuierlich verbessert haben. In der dritten Phase laufen die Entwicklungen weit auseinander: Neben differenzierten Bildern von Deutschland und den Deutschen erscheinen mehr Stereotypen denn je. Besonders in der Prosa von 1974 bis 1980 sind die Bilder der mythologisierenden Überlieferung eines historischen Traumas oft einer „Faszination des Bösen“ verhaftet. Erst seit den neunziger Jahren kommen Literatur und Sozialgeschichte wieder zusammen. Es erscheinen Bücher, die sich aus dem Bann des historischen Traumas gelöst haben. Die niederländische Politik wendet ihre Außenbeziehungen den östlichen Nachbarn zu und bemüht sich intensiver um Verständigung. Diese Entwicklung bietet einen Ausblick, den der Publizist W.L. Brugsma wie folgt beschreibt: „Es ist das angenehme Gefühl, das man hat, wenn man sich von einem historischen Trauma trennen kann.“

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Der nächste Morgen. Freitag. Ich stehe im Café Adler hinter dem Fenster, dem letzten Café im Westteil der Stadt am Checkpoint-Charlie. You are now leaving the American Sector, und auch das ist bedeutungslos geworden, als sei selbst diese Sicherheit in Windeseile abgeblättert. Langsam strömen die Trabis durch die Grenze. Einer gibt den Leuten in den Autos Geld, ein anderer Blumen. Die Menschen weinen oder gucken ganz verblüfft, als sei es nicht wahr, daß sie hier fahren und daß die Westberliner ihnen zuwinken und zurufen. Die DDR-Grenzer stehen auf der anderen Seite der Straße, wenige Meter von ihren westlichen Kollegen entfernt. Sie sprechen nicht miteinander, halten sich aufrecht in der quirligen Menge. Ich sehe mir ihre Gesichter an und kann genausowenig wie gestern in der Dunkelheit darauf etwas lesen. Dann gehe ich selbst hinüber, stelle mich in die Reihe, alles wie immer, Visum, fünf Mark, Geld wechseln zum Verzweiflungskurs von 1:1, während der wirkliche Kurs 1:10 ist. Es geht schnell, innerhalb einer Viertelstunde bin ich drüben, aber die Schlange vom Osten in den Westen ist unendlich lang und reicht bis weit in die Friedrichstraße hinein. Ich gehe zum Verlag Volk und Welt, bei dem zwei meiner Bücher erschienen sind.

Nooteboom, Cees: Berliner Notizen. Frankfurt am Main 1990, S. 103.

Autor: Bernd Müller
Erstellt: Januar 2004