Kinder- und Jugendliteratur

I. Entwicklung seit 1945

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für die Kinder- und Jugendliteratur eine Zeit des Stillstands. Aber schon kurz danach erblühte sie, vor allem durch Mitwirken pädagogischer Impulse, zu neuem Leben. Die befürchtete kulturelle und gesellschaftliche ‚Abstumpfung’ der Jugend möchte man durch gute Kinderbücher verhindern. Um diesen Gedanken zu unterstützen, eröffnete man 1955 die erste niederländische ‚Kinderboekenweek’ und verleiht erstmals einen Preis für das beste Kinderbuch des Jahres, um dem guten Kinderbuch Aufschwung zu verleihen. Weitere Kinderbuchpreise folgen und 1988 wird sogar eine ‚Kinderjury’ eingerichtet.

Ein neuer Ton

Nach 1945 verändert sich der Ton der Jugendliteratur. Das herausragende Beispiel hierfür ist Annie M.G. Schmidt. Ihre Bücher sind frei von Moralismus und befürworten Rebellion gegen die Regeln der Etikette. Eine andere wichtige Entwicklung dieser Zeit ist, dass Autoren wie An Rutgers van der Loeff-Basenau und Miep Diekmann die Jugendlichen in ihren Büchern mit auf die Reise in ferne Länder nehmen. Van de Loeff-Basenau möchte den Blickwinkel ihrer Leser erweitern, wie in ihrem bekanntesten Buch ‚De kinderkaravaankinderkaravaan’ (1949). Diekmann gibt ihren Figuren eine besondere psychologische Tiefe mit auf den Weg, wie z. B. in ihrem Buch ‚Padu is gekis gek’ (1957). In den 60er Jahren kommt es zu einem weiteren Entwicklungsschub, der zu erklären ist durch eine erhöhte Sensibilität für pädagogische und gesellschaftliche Erneuerung und eine Fülle talentierter Jugendbuchautoren. In dieser Zeit debütiert zum Beispiel Paul Biegel. Er schreibt Abenteuer- und Märchengeschichten und Geschichten mit einem philosophischen oder moralischen Thema. Auch seine Kollegin Tonke Dragt erfindet für ihre Leser die verschiedensten Phantasiewelten variierend vom Mittelalter (De brief voor de koning‚ 1962) bis zu Science Fiction (Torenhoog en mijlen breed, 1969).

Gesellschaftliche Veränderungen

In den 70ern folgten die Niederlande dem allgemeinen europäischen Trend und leisten mit dem realistischen Problembuch und dem neuen historischen Roman ihren Beitrag. Das Interesse an der Kinder- und Jugendliteratur nimmt außerdem zu. Zwischen 1970 und 1980 erscheinen zahlreiche Bücher und Broschüren über dieses Genre. Eine Ursache dieses Interesses sind die raschen gesellschaftlichen Veränderungen. Ein großer Teil des Stroms von Büchern über gesellschaftliche Themen verschwindet schnell wieder. Die talentierten Autoren dieser Zeit, wie etwa Willem Wilmink, Wim Hofman und Guus Kuijer schreiben auch über gesellschaftliche Themen, fügen allerdings ein eigene Dimension hinzu. In Wilminks Werk sind die Emotionen von Kindern ein wichtiges Thema, Hofman schreibt über Kinder in für sie schwierige Situationen, wie z. B. in ‚Wim’ (1976) und das Besondere an Kuijers Büchern ist, dass hier erstmals das Bild von Kindern und Erwachsenen wahrheitsgetreu wiedergegeben wird. Erwachsene werden nicht länger nur als Beschützer der Kinder dargestellt.

Literarische Kinderbücher

Nach 1970 erscheinen außerdem die ersten autobiografischen Romane über den Zweiten Weltkrieg, wie ‚De kinderen van het Achtste woud’(1977) von Els Pelgrom, ‚Oorlogswinter’ (1972) von Jan Terlouw, und ’Oorlog zonder vrienden’(1979) von Evert Hartman. Auch ein anderes Genre des historischen Romans bekommt Aufwind. Thea Beckman lässt in ‚Kruistocht in Spijkerboek’ (1973) die Vergangenheit und ihre Mythen wieder aufleben. Nach dem gesellschaftlichen Engagement wird in den 80ern immer mehr Wert gelegt auf die literarischen Aspekte der Kinderliteratur. Pelgroms Geschichte über die Traumwelt eines todkranken Mädchens in ‚Kleine Sofie en lange Wapper’ (1984) ist das herausragende Beispiel für das neue literarische Format. Die Kritiker stellen sich sogar die Frage, ob dies überhaupt noch ein Kinderbuch ist. Die Autorinnen Margriet Heymans mit ‚Lieveling Boterbloem’ (1988) und Imme Dros mit ‚Annetje Lie in het holst van de nacht’ (1987) folgen Pelgroms Stil. Immer mehr Kinderbuchautoren geben an, ihre Bücher an erster Stelle für sich selbst zu schreiben, wodurch die Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur zusehends verschwimmt. Auch in Flandern erscheinen die ersten Kinderbücher von literarischem Format. Hier sind Bart Moeyaert und Anne Provoost die Vorreiter.

Kinderbücher zum Nachdenken

Der Niederländer Toon Tellegen erreicht mit seinen philosophischen Tiergeschichten Kinder und Erwachsene, außerdem regt er durch seine Geschichten junge Leser zum Nachdenken an. Dies gelingt auch Ted van Lieshout mit seinen Gedichtsammlungen wie z. B. ‚Begin een torentje van niks’ (1994) oder seinem Tagebuchroman ‚Gebr.’(1996). Ghesquière (2002) ist der Meinung, dass es gerade die Literarität ist, neben den eigenwilligen Figuren, wie z. B. ‚Iep!’ einer Kreatur halb Mensch halb Vogel, erschaffen von Joke van Leeuwen, die entdeckt was Verlust, Freiheit und Einsamkeit ist, die das niederländische Kinderbuch tonangebend für die europäische Jugendliteraturlandschaft macht. Hieran haben auch die besonderen Bilderbücher von Max Velthuijs und Dick Bruna ihren Anteil.

Diese von Ghesquière genannte Tradition wird z. B. fortgesetzt mit den eigenwilligen Jugendlichen in den Büchern von Daan Remmerts de Vries (´Godje', 2003), dem in Gemeinschaftsproduktion entstandenen Bilderbuch von Toon Tellegen und Marit Törnqvist ‚Pikkuhenki’ (2005) und den Gedichten und poetisch gefärbten Geschichten von Edward van de Vendel. Aber auch Publikationen in der Tradition von Guus Kuijer von neuen Autoren wie Tanneke Wiegersma (‚Acht dagen met Engel’, 2005) und Mariken Jongman (‚Rits’ , 2005) kommen auf den Buchmarkt. Außerdem sind neben den immer wieder in neuen Auflagen erscheinenden historischen Romanen von Thea Beckman und Tonke Dragt eine ganze Reihe neuer zu verzeichnen. Hierzu zählen ‚Wolfsroedel’ (2002) und ‚Schijnbewegingen’ (2005) von Floortje Zwigtman und das Debüt von Benny Lindelauf ‚Negen open armen’ (2004), dass ihm den ‚Thea-Beckmanprijs’ für das beste historische Jugendbuch 2004 einbrachte. Ein gutes Beispiel für eine Kinderbuchautorin, die auch von Erwachsenen gerne gelesen wird ist Simone van der Vlugt. Sie schreibt für Kinder historische Romane wie ´Het Hercynische woud´ (2005) und für Erwachsene Kriminalromane.

Bleibt nur noch die Frage, was die Kinder und Jugendlichen selbst am liebsten lesen. Hier zeigt sich eine Kluft zwischen der Lektüre die Kinder lieben und den Texten, die von den Erwachsenen geschätzt werden. Hoch im Kurs bei den Kindern stehen derzeit Francine Oomen mit ihrer Reihe ´Hoe overleef ik…’, Paul van Loon mit seinen Gruselgeschichten und Carry Slee, deren Geschichten sich zumeist in der direkten Erlebniswelt der Kinder und Jugendlichen abspielen.

Autorin: Kathrin Lange
Erstellt: 2018