IV. Das niederländische Kinderbuch in deutscher Übersetzung


„Die Kinderbücher aus den Niederlanden und Flandern sind im Ausland bekannt durch ihre hervorragende Qualität und ihre große Offenheit dem Kind gegenüber“ (Doncker, 2004). In niederländischen Kinderbüchern gibt es viel weniger Tabus. Themen wie Familie, Freundschaft, Liebe, Tod und die Pubertät werden ehrlich, aber mit Humor dargestellt. Besonders auffallend ist der häufig poetische Sprachgebrauch bei Autoren wie Edward van de Vendel und Ted van Lieshout. Kontroverse Themen werden hier auf literarische Weise beschrieben.

Anna Woltz

„Anna Woltz wurde bekannt in Deutschland durch Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess. Es geht es um eine Freundschaft zwischen zwei starken Charakteren: Samuel, zehn Jahre alt, der Erzähler, und das Mädchen Tess, das seinen Vater kennenlernen möchte. In Anna Woltz' Büchern regeln starke Kinder das aus den Fugen geratene Leben. Oft kommt es zu Begegnungen zwischen den Generationen, dann lernen meist die älteren von den jüngeren Menschen. So bricht die Schriftstellerin Konventionen auf und setzt das in erfrischende Dialoge mit viel Witz.“[1]

Die Bücher von Anna Woltz wurden bisher in 12 verschiedene Sprachen übersetzt: Englisch, Französisch, Deutsch, Norwegisch, Dänisch, Slowenisch, Ungarisch, Japanisch, Taiwanesisch, Serbisch, Lettisch und Polnisch. In Deutschland hat Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte (vertaald door Andrea Kluitmann) den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017 und die Silberne Feder 2017 gewonnen.

Wie schön weiß ich bin - Dolf Verroen

Dass dieser niederländische Stil der Kinderliteratur in Deutschland sehr gut angenommen wird, zeigt sich unter anderem an Dolf Verroens Buch ´Wie schön weiß ich bin'. Die außergewöhnliche Geschichte über die Sklaverei, erzählt durch die Augen einer 12-jährigen Kolonialherren-Tochter, die den Alltag einer Teeplantage in Surinam zur Zeit des Kolonialismus zeigt, wurde 2006 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet. Die Jury des Jugendliteraturpreises begründet ihre Wahl wie folgt: „Dolf Verroen entwirft eine völlig neue literarische Form der Auseinandersetzung mit einem wichtigen historischen Thema. Er hat eine ganz leichte, von Rolf Erdorf ins Deutsche übertragene Sprache gefunden, die im krassen Gegensatz zum bedrückenden Inhalt steht“. Überraschend ist, dass der Verkauf dieser Publikation in den Niederlanden schleppend angelaufen ist. Der Autor selbst sieht den Grund dafür vor allem darin, dass die Sklaverei ein schwarzes Kapitel in der niederländischen Geschichte ist und dass er auf jegliches Moralisieren verzichtet. Dies ist Verroens Absicht: „Kinder sind schlau genug, um dies selbst zu sehen. Es ist wichtig sie zum Nachdenken anzuregen.“

Nederlands Literair Produktie- en Vertalingenfonds

Verroens Buch ist natürlich nicht das erste niederländischsprachige Kinderbuch, dass den Deutschen Jugendliteraturpreis erhält. Ihm gingen Autoren wie Bart Moeyaert, Ted van Lieshout, Els Pelgrom, Joke van Leeuwen, Guus Kuijer und Maritgen Matter voraus. Seit 1993 wurde in fast jedem Jahr ein niederländischer Autor nominiert. Dies allein zeigt schon die große Beliebtheit niederländischer Jugendliteratur in Deutschland. Ganz unschuldig sind die Niederländer hieran allerdings nicht. Das Nederlands Literair Produktie- en Vertalingenfonds (NLPVF), dass vom niederländischen Staat finanziert wird, informiert ausländische Verlage über niederländische Publikationen und unterstützt sie bei Übersetzungskosten. In Belgien gibt es eine vergleichbare Einrichtung. Den Vlaams Fonds voor de Letteren (VFL).

Durchbruch

Vor allem in den 60er und 70er Jahren ist eine große Zunahme von niederländischen Übersetzungen zu verzeichnen. Autoren wie Annie M.G. Schmidt und Paul Biegel und die Bilderbuchautoren Max Velthuijs und Dick Bruna sind in den deutschen Buchläden vertreten. Außerdem zeigen die deutschen Verlage Interesse an den Büchern von Guus Kuijer, Dieuwke Winsemius, Tonke Dragt und Thea Beckman. Die Anzahl der Übersetzungen steigt in den 80ern immer weiter. Zu beobachten ist vor allem, dass der Zeitraum zwischen Übersetzung und Originalwerk immer kleiner wird. Beliebte neue Autoren sind Dolf Verroen, Joke van Leeuwen, Els Pelgrom, Anton Quintana und Jan de Zanger. Aus Van Uffelens Bibliographie, die von 1830 bis 1990 reicht, geht hervor, dass die meisten Übersetzungen 1962 (66) und 1989 (65) herausgegeben wurden. Zwischen 1985 und 2000 wurden insgesamt 675 neue Übersetzungen von niederländischen Kinderbüchern publiziert, Tendenz steigend. Hier ist vor allem ab 1994 ist eine größere Anzahl zu verzeichnen mit einem Höhepunkt im Jahr 1997 (80). Bedeutete also das Jahr 1993, in dem die Niederlande und Flandern Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse waren, wie für die niederländische Belletristik einen Durchbruch für die niederländische Kinderliteratur in Deutschland? Aus der Forschungsarbeit von Annabelle Arntz, die neben den Zahlen auch die Erfahrungen der deutschen und niederländischen Kinderbuchverlage berücksichtigt, wird deutlich, dass dies nicht so ist, da es schon zuvor gute Kontakte zwischen den Verlagen beider Länder gab. Da aber vor allem nach 1994 eine starke Zunahme von Übersetzungen zu verzeichnen ist, hat die Buchmesse wahrscheinlich dennoch dazu beigetragen die Aufmerksamkeit der deutschen Verlage auf die niederländischen Kinderbuchautoren zu lenken. Die bestehenden Kontakte waren hier sicher von Vorteil. Auffallend ist allerdings, dass seit dieser Zeit die flämischen Autoren in Deutschland auf dem Vormarsch sind. Vor allem Bart Moeyaert und Anne Provoost.

Übersetzer

Schaut man welche niederländischen Kinderbuchautoren aktuell ins Deutsche übersetzt werden, stößt man auf Namen wie Edward van de Vendel, Joke van Leeuwen, Toon Tellegen, Carry Slee, Tonke Dragt, Martha Heesen, Rindert Kromhout, Guus Kuijer, Paul van Loon, Bart Moeyaert und Simone van der Vlugt und noch einige mehr. Dies sind nahezu alles Autoren, die in den Niederlanden vielfach ausgezeichnet wurden. Deutsche Kinderbuchverlage sind gut über die Entwicklungen in den Niederlanden informiert. Als zum Beispiel Guus Kuijer 2005 den ‚Gouden Griffel’ erhält, ist die deutsche Übersetzung schon fast fertig. Ohne gute Übersetzer wäre dies natürlich nicht möglich. Heraus ragt hier Mirjam Pressler, die 1994 für ihre Übersetzungsarbeit den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises erhielt und 2004 außerdem mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet wurde. Auch Rolf Erdorf, der Dolf Verroens Buch ‚Wie schön weiß ich bin’ übersetzte, zählt zu den gefragtesten Übersetzern in dieser Sparte. Im Jahr 2005 durfte er den niederländischen ‚Martinus-Nijhoff-Preis’ des ‚Prins Bernard Cultuurfonds’ in Empfang nehmen. Und noch schöner als dieser Preis war für ihn vielleicht die Aussage des Autors Edward van de Vendel bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Feierlichkeiten: „Wenn ein deutscher Verlag mein Buch gekauft hat, hoffe ich immer das Rolf Zeit hat.“


[1] Wegemann, Ute: "Jedes Kind braucht eine Unabhängigkeitserklärung". Anna Woltz im Gespräch mit Ute Wegemann. Deutschlandfunkt, 09.09.2017.

Autorin: Kathrin Lange
Erstellt: 2018