NATURSCHUTZ in den Niederlanden


V. Ecologische Hoofdstructuur (EHS)

Wie in einem Landschaftspuzzle verbinden die Niederländer ihre Naturschutzgebiete

ELP. Vielleicht hätten wir doch besser die Gummistiefel angezogen. Es schmatzt und schlurft unter unseren Schuhen und so langsam kriecht auch die Kälte hoch. Schön ist es hier, sicherlich. Aber man holt sich schnell ein paar nasse Füße. Eric Wanders findet das wunderbar. Der Naturschützer der Organisation Staatsbosbeheer arbeitet schließlich seit Jahren daran, dass die Niederlande wieder feuchter werden und damit einen besseren Lebensraum für Vögel und Amphibien bieten. Hier oben in der Nähe des Nationalparks Dwingelderveld in der Provinz Drente ist ihm das eindrucksvoll geglückt.


Wir stehen mitten auf einer grünen Wiese, die vor gut zwei Jahren noch intensiv von Landwirten bewirtschaftet und trocken gelegt wurde. Eric Wanders zeigt auf die andere Straßenseite, wo ein Bauer noch intensiv das Land bearbeitet. Mit Drainagen und kleinen Gräben hält er seine Felder trocken – und genau das möchte Eric Wanders aus den Naturschutzgebieten bei Elp, unweit von Assen, verbannen.

Eric Wanders arbeitet für die staatliche Umweltorganisation Staatsbosbeheer und ist für den Zustand großflächiger Naturschutzgebiete verantwortlich. Er versucht den Überblick zu behalten, aus vielen kleinen Einzelmaßnahmen ein großes Ganzes entstehen zu lassen. Denn die Feuchtgebiete von Drente sind nur ein kleiner Baustein in einem großen Biotopverbund. Bis zum Jahr 2018 möchte die niederländische Regierung alle 20 Nationalparks miteinander verbinden, um eine robustere Natur entstehen zu lassen, die sich besser vor Eingriffen der Menschen zu schützen weiß. „Und dafür müssen wir auch neue Natur anlegen”, sagt Wanders.

Was das bedeutet, kann man in der Provinz Drente gut beobachten. Hier gibt es die Nationalparks Dwingelderveld und  Drentsche Aa sowie zahlreiche kleinere Naturschutzgebiete, die für sich alleine genommen relativ klein sind. „Wenn man diese Gebiete jetzt miteinander verbindet, dann entsteht eine robustere Natur”, sagt Wanders.

In der Praxis hat das ernste Konsequenzen. Eric Wanders zeigt auf einer Karte den Nationalpark Dwingelderveld. „Hier gibt es noch zwei Landwirte, die aus diesem Gebiet verschwinden müssen. Die Straße muss weg und die oberste Schicht der landwirtschaftlichen Flächen muss abgetragen werden, weil sie viel zu stark gedüngt ist und für ein Naturschutzgebiet nicht mehr taugt.  Mit den  gut 100.000 Kubikmetern Erde legen wir dann einen Lärmschutzwall entlang der A28 an und danach können wir den Grundwasserspiegel anheben. Die Drainagen und Gräben werden zugeschüttet. Den Rest erledigt die Natur fast von alleine.”

Das hört sich einfach an und Eric Wanders meint das auch so. Denn mittlerweile haben die Naturschützer in den Niederlanden ordentlich was zu sagen. Die Regierung verfolgt seit gut zwanzig Jahren eine Politik Verflechtung von Naturschutzgebieten und Nationalparks (Ecologischen Hoofdstructuur), und begibt sich jetzt an die Umsetzung.  In vielen kleinen Gesprächsgruppen wird das große Puzzle nach und nach zusammengesetzt. „Wir versuchen einen sehr breiten Konsens zu erzielen. Das ist zwar sehr zeitraubend und kostet viel Energie, aber wenn eine breite Mehrheit hinter den Plänen steht, dann wird die Umsetzung später viel einfacher“, sagt Wanders, der weiß, dass auch viele Widerstände da sind. „Natürlich werden die Handlungsmöglichkeiten von Landwirten eingeschränkt, aber dafür erhalten sie auch einen Schadensersatz“.

Sollten sich Landwirte allerdings strikt weigern Land zu verkaufen, wird am Ende auch nicht vor einer Enteignung mit Zwangsumsiedlung zurückgeschreckt. „Ohne Druck geht es nicht”, sagt Wanders, der mittlerweile die politischen Spielchen verstanden hat. „Der Landwirt an sich ist oft bereit zu verkaufen, wenn er dafür einen ordentlichen Preis bekommt. Denn meist handelt es sich ja um schlechten landwirtschaftlichen Boden, der wiederum für die Natur ideal ist. Die Bauernlobby sorgt für die meisten Probleme.“

Auf dem Weg zu einer vernetzten Natur haben die Niederländer schon eine ganze Strecke zurückgelegt. Um die Nationalparks miteinander zu verbinden, kauft der niederländische Staat seit geraumer Zeit landwirtschaftliche Felder oder Brachflächen an, um diese in „neue Natur” zu verwandeln und damit Verbindungszonen zwischen den Naturschutzgebieten zu schaffen. Von den 728.000 Hektar fehlen 200.000 Hektar, sagt Wanders. „Aber die letzten Gebiete sind die Umstrittensten. Das wird noch schwierig”. Dass die Regierung ihr ehrgeiziges Ziel, bis 2018 die Natur zu vernetzen, erreicht, glaubt Wanders nicht. Da müssten noch zu viele Detailverhandlungen geführt werden. Und auch die Einrichtung der Natur kostet Zeit.

Damit Tiere ihre Revier wechseln können, müssen Autobahnen und Kanäle überwunden werden, die als Barriere überall im Land zu finden sind.  Bewachsene Grünbrücken (Ökodukt) helfen den Tieren, zwischen den Naturschutzgebieten zu wandern. Wie die Verbindungszonen künftig aussehen sollen, die die Veluwe mit den Oostvaardersplassen oder die Millingerwaard mit dem Klever Reichswald verbinden sollen, darüber streiten jetzt die Gelehrten. „Wir haben ein Dilemma: Wenn wir möchten, dass Hirsche durch unser Land ziehen können, dann müssen wir unsere Nationalparks einzäunen. Wenn wir allerdings Zäune aufbauen, dann haben wir doch eine sehr eingeschränkte Natur”, sagt Wanders. Außerdem braucht ein Otter eine andere Verbindungszone als ein Wildschwein. „Wo sollen die Verbindungszonen geschaffen werden? Wie breit sollen sie sein? Welche Naturqualität müssen sie haben? Darüber wird jetzt diskutiert“, sagt Wanders.

Um die EHS zu realisieren, wird viel Geld in die Hand genommen: Allein für die Verbindung der Hoge Veluwe bei Arnheim mit anderen Naturschutzgebieten stellt der niederländische Staat 500 Millionen Euro zur Verfügung. Um Hirschen, Rehen und anderen Tieren einen Wildwechsel von der Veluwe zum Rhein bei Renkum zu ermöglichen, werden zwei Autobahnen überbrückt und ein Industrie- zum Naturschutzgebiet umfunktioniert. Kosten: 75 Millionen Euro.

Welche Probleme es bei dem Projekt „vernetzte Natur” gibt, hat Nicolai Cramer aus Rees ganz praktisch erfahren. Der deutsche Förster hat seine Diplomarbeit über „grenzüberschreitende Vernetzung von Lebensräumen” geschrieben und in diesem Rahmen für Staatsbosbeheer eine Grünbrücke, ein Ökoduct, geplant, um den Klever Reichswald mit dem niederländischen Maaswald zu verbinden.

Problem: Die Autobahn A77 ist im Weg, das Dorf Venzelderheide und das Spaßbad Center Parcs. Um den Tieren einen Wildwechsel zu ermöglichen, müssten Zäune verschwinden, Autobahnen und Kanäle überwunden werden. 2009 soll die Grünbrücke an der alten Zollstation in Gennep bereits erstellt werden. Die Naturverbindungen sieht Nicolai Cramer durchaus kritisch: „Man darf nicht vergessen, dass dies Reparaturversuche in einer nicht intakten Landschaft sind. Da wird etwas gerade gebogen. Natur ist das nicht.”

Eric Wanders sieht das anders. In fünf Jahren soll das Dwingelderveld in Drente mit den umliegenden Naturschutzflächen verbunden sein. „Die Natur erholt sich recht schnell. Wenn hier einmal die Bagger weg sind, dann wachsen Heide und Moore innerhalb von ein paar Jahren. Die Vögel kehren dann auch zurück, weil sie mehr Nahrung haben“, sagt Wanders. Um ihn herum – auf der Wiese bei Elp – ist der Prozess gerade in vollem Gange. Auf dem ehemaligen Grasland wachsen heute büschelweise Rietgräser und Moose, die nach und nach die gesamte Fläche erobern werden. „Die Natur kann man sich selbst überlassen, da braucht man nicht einzugreifen oder Dinge anzupflanzen“, sagt Wanders. Wie bestellt fliegen gerade ein paar Wildgänse über das Feld: „Die hat es in Drente auch viele Jahre nicht mehr gegeben.“

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009


Links

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Wissenswertes zum Thema Die Niederlande und das Wasser

Ministerie voor Landbouw, natuur en voedselkwaliteit: Ecologische Hoofdstructuur

Zuständig für die Betreung von 250.000 ha Land Staatsbosbeheer

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