Klimaschutzpolitik in den Niederlanden



VIII. Klimawandel und Hochwasserschutz


Oosterschelde-Sturmflutwehr
Sturmflutwehr an der Oosterschelde, Quelle: Henk Kosters/cc-by-nc-sa

Die Folgen des Klimawandels stellen für die Niederlande vor allem beim Hochwasserschutz eine gravierende Gefahr dar. Bereits im September 2007 hat die Regierung eine neue „Deltakommission“ unter dem Vorsitz des ehemaligen Ministers Cees Veerman eingerichtet, um Strategien und Handlungsoptionen für die niederländischen Küstenregionen und das Hinterland zu erarbeiten. Die Deltakommission stellte im September 2008 unter dem Titel „Samen werken met water“[1] ein umfangreiches Programm vor. Zum Teil wurden die Empfehlungen bereits über die Programme „Maaswerken“[2] und „Ruimte voor de Rivier“[3]  in nationale Politik umgewandelt. Auch wird seit 2009 an einem neuen Deltagesetz gearbeitet, welche ein jährliches „Deltaprogramm“ vorsieht, das sowohl den Hochwasserschutz als auch die Trinkwasserversorgung sicherstellen soll. Der Kommissionsvorsitzende Veerman schreibt im Vorwort des Berichtes: „Es besteht kein Grund zur Panik, aber wir müssen uns sehr wohl Sorgen über die Zukunft machen. Um auf die zu erwartende Klimaveränderung vorbereitet zu sein, müssen wir unsere Wehre verstärken und unser Land anpassen, sowohl in physischer als auch in verwaltungstechnischer Hinsicht.“

Vorschläge für einen besseren Hochwasserschutz

Die Deltakommission unterbreitete zwölf Handlungsempfehlungen, die sich vor allem auf den Hochwasserschutz und auf nachhaltiges Wirtschaften beziehen, aber nicht ausschließlich. Auch die Themen Landwirtschaft, Landschaftsschutz, Infrastruktur, Tourismus und Energie wurden von der Kommission aufgegriffen, die in diesem Kapitel allerdings nicht vertieft werden. „Das Thema Sicherheit spielt für uns eine entscheidende Rolle. Denn es geht um den Schutz vor Überströmungen und die Sicherstellung der Süßwasserversorgung“, heißt es im Kommissionsbericht. Und: „Das Sicherheitsniveau muss mindestens um den Faktor 10 höher liegen als das heutige Niveau.“

Denn die Niederlande haben in der Vergangenheit beim Hochwasserschutz ihre selbst gesteckten Ziele nicht eingehalten. „Außerdem sind unsere Ziele bereits überholt und müssen höher gesteckt werden“, so die Kommission. Sie geht davon aus, dass der Meeresspiegel im Jahr 2100 zwischen 65 Zentimeter und 1,30 Meter gestiegen sein wird – und weitere hundert Jahre darauf um zwei bis vier Meter. Die zusätzlichen Kosten für eine Anpassung des Sicherheitsniveaus über das Deltaprogamm betragen von 2010 bis 2050 jährlich zwischen 1,2 und 1,9 Milliarden Euro. Addiert mit den heutigen Kosten für den Hochwasserschutz, sind künftig 2,4 bis 2,8 Milliarden Euro im Jahr nötig, um die Niederlande zu schützen.

Vorschlag 1: Anpassen der Sicherheitsniveaus

Die niederländischen Sicherheitsnormen für den Hochwasserschutz stammen aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Deltakommission hielt fest, dass ein Viertel der Wasserwehre nicht den gestellten Sicherheitsnormen entsprechen und bei einem weiteren Drittel sei nicht bekannt, in welchem Zustand sie sich befinden. Diese Versäumnisse der Vergangenheit gilt es schnellstmöglich aufzuholen, so die Kommission. „Zu allen Zeiten muss vermieden werden, dass durch Deichbrüche mit viel Gewalt große Wassermassen ins Land strömen können.“ Die Kommission empfiehlt das Konzept der „Deltadeiche“: „Deiche, die durch ihre Breite, Höhe oder interne Konstruktion so stark sind, dass eine plötzliche, unbeherrschbare Überflutung nahezu ausgeschlossen werden kann.“ Die genaue Ausführung der Deltadeiche müsse situationsbezogen abgestimmt werden. So könne man extra hohe Deiche, sehr breite Deiche oder mit Spundwänden verstärkte Deiche entwickeln.

Als Zeitrahmen für Anpassung des Sicherheitsniveaus empfiehlt die Kommission Veerman das Jahr 2013.

Vorschlag 2: Nordseeküste

Um die Nordseeküste – sprich das Wattenmeer, die holländische Küste und das südwestliche Delta Zeelands – zu sichern, gebe es zwei mögliche Alternativen: „Starke“ Wehre, wie ein Sturmflutwehr, welches auf einen bestimmten Meeresspiegel ausgelegt ist. Oder Sandaufschüttungen, die mit einem Meeresanstieg „natürlich“ mitwachsen könnten. Bislang besteht der Küstenschutz vor allem aus Sandaufschüttungen. „Um die Küste von Zeeland bis zum Wattenmeer mit dem Meeresspiegel ansteigen zu lassen, sind sieben Millionen Kubikmeter Sand vonnöten für jeden Millimeter Meeresanstieg. Eine Steigung zwischen sechs und zwölf Millimeter im Jahr entspricht etwa 40 bis 85 Millionen Kubikmeter Sand. Bei einem Kostenrahmen von 4 Euro je Kubikmeter wären dies 160 bis 340 Millionen Euro im Jahr.

Sollte sich die Regierung für weitere Sandaufschüttungen entscheiden, würde sich zwangsläufig die Küstenregion verbreitern. Die Kommission errechnete, dass bei einer Aufschüttung von 40 Millionen Kubikmeter Sand im Jahr sich die zeeländische Nordseeküste in 100 Jahren ungefähr einen Kilometer gen Nordsee verbreitern würde. Relativ kurzfristig müssten in den Niederlanden neue Sandgewinnungsregionen raumplanerisch reserviert werden.

Das Aufschütten von vorgelagerten Sandinseln lehnt die Kommission nach eingängiger Studie ab. Zum einen werde das Ökosystem der Küsten gestört und zum anderen müssten auch diese Inseln unterhalten werden. Zudem müsste auch der Küstenschutz nach wie vor gesichert sein.

Vorschlag 3: Wattenmeer

Der Anstieg des Meeresspiegels wird den heutigen Charakter des Wattenmeeres verändern. So wird es künftig kaum noch Gezeitengebiete geben, da ein benötigter Sandimport, der nötig wäre, um das Wattenmeer mit ansteigen zu lassen, zu groß ist. Durch die Sandaufschüttungen im Küstenbereich könnte zumindest ein Teil des Wattenmeeres erhalten bleiben, so die Kommission Veerman. Sie fordert, dass „der Schutz der Wattenmeerinseln und die Küste der nördlichen Niederlande gesichert sein muss.“

Vorschlag 4: Die Oosterschelde

Das Oosterscheldewehr kann einen Meeresspiegelanstieg um 50 Zentimeter durchaus bewerkstelligen. Bis zum Jahr 2050 seien hier keine Probleme zu erwarten, heißt es im Kommissionsbericht. Nach 2050 seien allerdings auch hier Maßnahmen nötig, etwa eine Veränderung der Schließungsmechanismen. Durch das Schließen der Spalten zwischen Wehrtoren und den Betonschwellen verbessere sich die Wasserdurchlässigkeit des Wehrs und auch die Lebensdauer würde sich verlängern. „Wir erwarten, dass das Oosterscheldewehr mit einigen Anpassungen einen Meeresspiegelanstieg um einen Meter verkraften kann.“ Dies ist vermutlich frühestens im Jahr 2075 der Fall.

Ohne zusätzliche Maßnahmen allerdings werden schon vor 2050 viele wertvolle Gezeitengebiete unter Wasser verschwinden. Die Kommission rät dazu, die Gezeitenwirkung in der Oosterschelde so lange wie möglich zu sichern.

Vorschlag 5: Die Westerschelde

Die Westerschelde ist der einzige Meeresarm in Zeeland, der noch einen offenen Zugang zur Nordsee besitzt. Die Westerschelde ist damit der einzige vollständig offene Seearm der südwestlichen Niederlande. Die freie Schifffahrt nach Antwerpen müsse auch in Zukunft sichergestellt werden, so die Kommission. Um das Land zu schützen, müssen die Deiche und Dünen entsprechend erhöht werden. Eine Erhöhung der Deiche und Dünen um 50, 150 oder 300 Zentimeter kostet nach Schätzungen respektive 3,5, 5,5 bzw. 10 Millionen Euro pro Kilometer. Insgesamt geht es um 140 Kilometer.

Vorschlag 6: Krammer-Volkerak Zoommeer

Dem Krammer-Volkerak Zoommeer kommt in Zukunft – gemeinsam mit dem Grevelinger Meer und eventuell der Oosterschelde –, eine wichtige Funktion zu. Die Gewässer werden künftig verstärkt als Wasserauffanggebiete für die Flüsse Rhein und Maas dienen müssen, wenn Hochwasser und Sturmflut zusammenfallen und die Oosterschelde geschlossen werden muss. Die so genannten Drechtstädte (Dordrecht, Sliedrecht, Barendrecht, Papendrecht, Zwijndrecht) und die Stadt Rotterdam sind dann auf die Bergung der Wassermassen angewiesen.

Auch für die Süßwassergewinnung wird das Krammer-Volkerak Zoommeer eine wichtige Rolle spielen. Die Kommission spricht sich dafür aus, das Gewässer künftig mit Süßwasser aus dem Hollandsch Diep und den angrenzenden Poldern zu versorgen.

Vorschlag 7: Flussgebiete

Die Kommission geht davon aus, dass künftig verstärkt mit Spitzenhochwässern zu rechnen ist. Eine Wasserabfuhr von 18.000 Kubikmeter Wasser je Sekunden bei Lobith sollte möglich sein. Weitere Deichrückverlegungen entlang der Waal und der IJssel sind nötig. Auch gilt es die Deiche an Waal, IJssel und Merwede zu verbessern. Die Kommission schätzt die Kosten auf 6,5 bis 7 Milliarden Euro. Die Wasserabfuhr der Maas werde künftig bis zu 4.600 Kubikmeter pro Sekunde betragen. Die Delta-Kommission rät, dass die Programme „Ruimte voor de Rivier“ und „Maaswerken“ zügig umgesetzt werden.

Vorschlag 8: Rijnmond-Gebiet

Das Rijnmondgebiet wird vermutlich die größten Schwierigkeiten haben, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Der Meeresanstieg einerseits und die größere Wasserabfuhr der Flüsse andererseits sowie die Versalzung des Grundwassers sind die größten Herausforderungen. Das Maeslantwehr könne einen Meeresanstieg um 50 Zentimeter verkraften. Bis 2050 gebe es hier keinen Handlungsbedarf. Nach 2050 könnten allerdings die Schließzeiten des Wehrs so häufig sein, dass die Chance, dass Hochwasser und Sturmflut zeitgleich auftreten, sehr groß ist. Dies führt zu sehr hohen, angestauten Wassermassen im Rijnmond-Gebiet. Ein Anstieg des Meeresspiegels um 40 Zentimeter bedeutet eine zehn Mal höhere Gefahr für Überflutungen.

Um die Sicherheit in dieser Region gewährleisten zu können, gebe es mehrere Möglichkeiten, so die Kommission: „Es können die Deiche verstärkt werden, eventuell mit einem ganz neuen „Nieuwe Waterweg“ oder einer neuen „Haringvliet“. Allerdings habe sich gezeigt, dass dies in dem stark urbanisierten Gebiet sehr kostspielig sein dürfte. Man könne sich auch für eine dauerhafte Schließung des Nieuwe Waterweg entscheiden. Dies hätte große Vorteile für die Süßwassergewinnung und die städtische Entwicklung und böte Möglichkeiten der Energiegewinnung.

Die Deltakommission spricht sich für eine zeitliche Abrieglung des Gebietes aus. Bei extrem hohen Wasserständen von der Seeseite könnte man die Region mit den Maeslant- und Hartelwehren, sowie den Haringvlietschleusen abriegeln. Eventuell könnte man zusätzliche Wehre im Spui, der Oude Maas, der Dordtse Kil und der Merwede einsetzen. Dadurch seien weniger Deichverstärkungen vonnöten, so die Kommission. Auch die Süßwasserversorgung wäre durch dieses System einfacher.

Vorschlag 9: IJsselmeer

Das IJsselmeer wird seit 1932 durch den Abschlussdeich zwischen Den Oever und Zurich vom Wattenmeer getrennt. Der Abschlussdeich markiert damit auch die Grenze zwischen Süß- und Salzwasser. Der Wasserspiegel des IJsselmeers wird mit aufwändigen Schleusen und Pumpwerken konstant gehalten.

Sollten sich die extremen KNMI-Szenarios bewahrheiten, wird es ab 2050 schwierig, die Provinz Nordholland und die westlichen Niederlande mit Süßwasser zu versorgen. Daher spricht sich die Veerman-Kommission dafür aus, den Wasserspiegel des IJsselmeers künftig anzuheben. Auch der Wasserabfluss des IJsselmeers in das Wattenmeer bedingt eine Anhebung des IJsselmeerpegels. Da allerdings das IJsselmeer nicht in Gänze dem Meeresspiegel folgen kann, sondern maximal um 1,50 Meter, wird langfristig das Wasser des IJsselmeers in das Wattenmeer mit Hilfe von Pumpen geführt werden müssen. Ein Anstieg des Pegels hat auch zur Folge, dass Wehre und Häfen an die neue Situation angepasst werden müssten. Auch die IJssel und das Zwarte Water müssten mit Deichen verstärkt werden, um mögliches Hochwasser wehren zu können.


[1] Deltakommissie: Samen werken met water. Een land dat leeft, bouwt aan zijn toekomst, Amsterdam 2008, Onlineversion.
[2] www.rijkswaterstaat.nl
[3] www.ruimtevoorderivier.nl

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bessembinder, J.: Extreme klimaatverandering en waterveiligheid in Nederland, De Bilt 2008.

Huynen, Maud M.T.E. et al.: The impact of heat waves and cold spells on mortality rates in the dutch population, in: Environmental Health Perspectives 5, 2001, S. 463-470.

Kattenberg, Arie: De toestand van het klimaat in Nederland, De Bilt 2008. Onlineversion

KNMI: Klimaat in de 21e eeuw. Vier Scenario’s voor Nederland, De Bilt 2006. Onlineversion

Milieu- en Natuurplanbureau: Effecten van klimaatverandering in Nederland, Bilthoven 2005. Onlineversion

Platform Communication on Climate Change: De Staat van het Klimaat 2009. Aktueel onderzoek en beleid nader verklaard, Wageningen 2010. Onlineversion

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