III. Vergleich: Entstehung und Entwicklung der Umweltschutzbewegung in Deutschland

Naturschutz- und Heimatverbände gab es in Deutschland und in den Niederlanden bereits im 19. Jahrhundert. Ebenso gab es in dieser Zeit einzelne Gesetze gegen die Verschmutzung von Luft und Gewässern. Doch war der Begriff Umweltschutz bzw. Umweltpolitik noch unbekannt und sollte es noch viele Jahre bleiben. Ein Prozess der Reflexion hatte in Westdeutschland erst gerade begonnen, als Präsident Lyndon B. Johnson in den USA den Umweltschutz schon 1965 zum nationalen Politikziel erklärte. Fünf Jahre später war die amerikanische Umweltpolitik institutionalisiert. Gegen Ende der 1960er Jahre wandelte sich die Einstellung der Deutschen zur Umwelt, die bislang eher lokal und regional vor schädlichen Einflüssen geschützt worden war. Umweltschutz wurde ein bundesweites Thema.

Neues Politikfeld: Umweltpolitik

1969 wurden Millionen Fernsehzuschauer in Westdeutschland Zeugen der Mondlandung. Viele Menschen mögen einen neuen Blick auf die Einzigartigkeit der Erde gewonnen haben und welchen Wert ihr Erhalt für die nächsten Generationen hat. Im gleichen Jahr nahm die Regierung unter Willy Brandt ihre Arbeit auf und führte mit ihrer Regierungserklärung das neue Politikfeld Umweltpolitik ein. 1970 startete das „Sofortprogramm Umweltschutz“, 1971 gab das „Umweltprogramm“ vor, mit welchen Gesetzgebungsmaßnahmen die Umweltverschmutzung zu bekämpfen sein werde.

Im Gegensatz zu den Niederlanden, wo eine veränderte Gesellschaft die Politik zum Umweltschutz zwang, ging in Deutschland die Initiative also „von oben“ aus.

„Noch bevor sich Bürgerinitiativen in großer Zahl herausbildeten und die ‚Ökologische Frage’ zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen machten, betraten die Regierungsparteien dieses neue Politikfeld […] und legten so das Fundament zur Umweltgesetzgebung. Diese ‚von oben’ initiierte Umweltreform ging auf das Interesse der Regierungsparteien, insbesondere auch der FDP, zurück, sich in einem neuen Politikfeld, das damals noch als wenig konfliktträchtig galt, als Reformkraft zu profilieren. Die umweltpolitischen Initiativen der sozialliberalen Regierung Anfang der siebziger Jahre wurden unter günstigen sozioökonomischen Bedingungen von einer Reform- und Planungseuphorie getragen, die für die Politik dieser Phase insgesamt kennzeichnend war.“[1]

Wie in den Niederlanden, so bereitete auch in Deutschland die boomende Wirtschaft den Boden für eine Beschäftigung mit Umweltfragen. Man konnte es sich leisten, das ungebremste Wirtschaftswachstum in Frage zu stellen, weil es hinreichend vielen Menschen mit ordentlich entlohnter Arbeit gut ging. Zudem fand die vom Club of Rome beauftragte und 1972 vorgestellte Studie „Die Grenzen des Wachstums“ auch in Deutschland große Beachtung.

Engagement und Polarisierung in der Krise

Mit der Ölkrise 1974 und der daraus folgenden weltweiten Rezession geriet der Umweltschutz zum Nebenthema. Im Vordergrund stand die Stärkung der darbenden Wirtschaft und der Kanzler hieß nun nicht mehr Willy Brandt, sondern Helmut Schmidt. Die umweltpolitischen Ziele der Regierung Brandt wurden zurückgestellt oder gar zurückgenommen, während neue umweltreformpolitische Gesetzesvorhaben nicht entwickelt wurden.

Jetzt war die Zeit des bürgerlichen Engagements für den Umweltschutz gekommen:. Bürgerinitiativen bildeten sich und erfuhren starken Zulauf auch durch die immer zahlreicher werdenden Gegner der Atomkraft. Die ersten von ihnen waren 1968 in Erscheinung getreten.

„Just im Protestjahr 1968, beim Bau des Kernkraftwerks Würgassen im Weserbergland, erlebt der damalige AEG-Chefkonstrukteur Klaus Traube ‚die ersten Proteste einiger alter Leute, alle sehr konservativ, wir haben sie nur belächelt’. In Würgassen gehört auch der SPD-Mann Karl Bechert zu den Kritikern. Der hessische Politiker ist Atomphysiker und war von 1961 bis 1965 Vorsitzender des Ausschusses für Atomenergie und Wasserwirtschaft im Bundestag. Er wird der erste AKW-Gegner mit der Autorität des Experten. ‚Wohl kaum je ist der Wahnsinn und die Verantwortungslosigkeit heutiger Industrie- und Wirtschaftspolitik so deutlich geworden. Die Bevölkerung müsste aufstehen wie ein Mann’, wettert Bechert Anfang der siebziger Jahre gegen die Atompolitik.“[2]


1975 besetzten Kernkraftgegner (und vor allem auch Anwohner, die um das lokale Landschaftsbild und die Landwirtschaft fürchteten) monatelang den Bauplatz für ein neues Kernkraftwerk bei Wyhl im Kaiserstuhl. Seit 1973, mit Bekanntwerden des Vorhabens, hatten sich zahlreiche Bürgerinitiativen gebildet, waren Hunderte Traktoren als lautstarkes Zeichen der Ablehnung gerollt. Der Protest erwirkte, dass die Baugenehmigung nicht erteilt wurde.[3]

Inspiriert durch den Erfolg des Protestes, demonstrierten Kernkraftgegner auch gegen Bauprojekte in Brokdorf und Grohnde, Ohu und Biblis, Brunsbüttel und Kalkar. In Brokdorf fanden 1976 und 1977 regelrechte Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei statt.[4]

„Wo immer jetzt Dörfer und kleine Städte zur Kulisse eines bedrohlichen Atomprojektes werden, schreiten die Bürger zur Gegenwehr – auch wenn Polizeiknüppel und Wasserwerfer sie vertreiben und es Anzeigen wegen Landesfriedensbruch hagelt.“[5]

So wie 1977 in Gorleben, wo ein unterirdisches Endlager für Atommüll sowie eine Wiederaufbereitungsanlage entstehen sollten. Große Proteste verhinderten das Entsorgungszentrum; der Salzstock aber ist bis heute Gegenstand von Diskussionen und immer wieder ein Thema in Medien und Politik.

Die Umweltbewegung war erstarkt, doch sie war zergliedert in zahlreiche Initiativen und Gruppierungen mit verschiedenen Zielsetzungen. Es gab keine übergreifende Organisation, und es gab keinen wirkungsvollen Diskurs mit Politik und Wirtschaft. Politik und Wirtschaft wurden vielmehr als Teil des Problems und Ziel des Protests ausgemacht. Die Umweltbewegung war auch eine soziale Bewegung. In dieser Phase der umweltpolitischen und sozialen Polarisierung wuchsen die Umweltbewegung und die organisierten Naturschützer zusammen. Der BUND für Umwelt und Naturschutz wurde 1975 von Honoratioren und Doktoren gegründet, also von Fachleuten und Vertretern des gehobenen Bürgertums, die sich dem Naturschutz verschrieben hatten und sich vor allem um den deutschen Wald sorgten. Schnell wuchs der BUND um Mitglieder aus den Reihen der Umweltbewegung, speziell aus den Reihen der Atomkraftgegner und gewann, wie es auf der Homepage heißt, „an Größe und Einfluss“[6].

Gegründet worden war das Bündnis als BUND für Natur- und Umweltschutz. Später wurde die Reihenfolge im Titel geändert. Die Bürgerinitiativen hatten sich in dieser Zeit im neuen Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz organisiert und sprachen fortan mit einer Stimme.

„Bemerkenswerterweise fand die Gründung des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) im Jahre 1972 durch 15 Bürgerinitiativen auch auf Initiative von Ministerialbeamten aus dem Bonner Bundesinnenministerium, die sich dadurch ein gewisses Gegengewicht zu den übermächtigen Wirtschaftsinteressen in der Umweltpolitik versprachen, statt. […] Die zunächst meist lokalen und thematisch
eng begrenzten Initiativen in den städtischen Ballungsgebieten, die untereinander wenig Kontakt hatten, fanden über den BBU zu einer lockeren Kooperation zusammen. Die Bedeutung des BBU wuchs insbesondere mit den zunehmenden Auseinandersetzungen um die Atomenergie. An fast allen bestehenden oder geplanten Standorten von Atomkraftwerken bildeten sich Anti-AKW-Gruppen.“[7]


Die Organisation der Umweltbewegung führte zu einer Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit. Umweltthemen kamen nunmehr, seit Beginn der 1980er Jahre, auch in den Medien vor und fanden Akzeptanz bei einem breiteren Publikum. Die Politik musste die Nähe zur Wirtschaft verringern und grüne Themen wieder zu ihren Themen machen.

Die Gründung der Grünen

Am Ende der Regierung des „Atomkanzlers“ Schmidt und mit Beginn der Ära Helmut Kohl 1983 erfuhr die Umweltpolitik eine überraschende Wiederbelebung. „Unter Innenminister Zimmermann (CSU) wurden mit der Großfeuerungsanlagenverordnung (1983) und mit Abgasregelungen für Fahrzeuge Maßnahmen ergriffen, die Deutschland in Europa zum Vorreiter der Luftreinhaltepolitik machten.“[8] Die Maßnahmen wurden zum einen vor dem Hintergrund des Waldsterbens ergriffen, zu dieser Zeit ein sehr emotionales Thema. „Der deutsche Wald“ ist ein stehender Begriff, das traditionelle Deutschlandbild ein von dichtem Wald gerahmtes. Zum anderen zogen 1983 Die Grünen in den Bundestag ein und verankerten den Umweltschutz im Parteiensystem der Bundesrepublik.

In Bremen waren die Grünen als Bremer Grüne Liste 1979 erstmals in ein Landesparlament eingezogen. 1980 wurden Die Grünen in den Landtag Baden-Württembergs gewählt – als Gruppe, denn die zur Bildung einer Fraktion erforderliche Zahl von Abgeordneten konnten die Grünen (noch) nicht vorweisen.

„Die Landtags-CDU wollte die Rechte der Grünen im Landtag beschneiden. Durch eine Änderung der Geschäftsordnung wurde eine Mindestzahl von Abgeordneten eingeführt, die zur Bildung einer Fraktion erforderlich sei und die, was das Ziel war, die sechs Grünen-Politiker nicht erreichten. Es ging um Finanzmittel, um die Zahl der Mitarbeiter und um parlamentarische Rechte – Redezeiten, das Stellen von Anfragen an die Landesregierung, Vertretung im Ältestenrat. […] Am Ende hatte die ‚Gruppe’ im Wesentlichen dieselben Rechte wie die Fraktionen.“[9]

Wahlkampftaktisch klug war einige Wochen zuvor, im Januar 1980, im „Ländle“ der Parteitag zur Gründung der Bundespartei abgehalten worden. Fernsehbilder von strickenden und/oder lange Bärte tragenden Abgeordneten im Bundestag prägen heute die Erinnerung an diese Zeit. Doch die treibenden Führungskräfte hinter der Gründung der Grünen waren bürgerliche.

Die Zeit der umweltpolitischen Polarisierung in ein Schema von schwarz/weiß und Freund/Feind war überwunden. Mit der gesamtgesellschaftlichen Akzeptanz und medialen Präsenz von Umweltthemen ließ das Protestbegehren stark nach. Die Umweltbewegung und Die Grünen hatten mit zahlreichen neuen gesetzlichen Regelungen zum Umweltschutz wichtige Ziele erreicht. Viele Menschen, die zuvor in Bürgerinitiativen oder Anti-Atom-Gruppen aktiv waren, traten den Grünen bei und überantworteten der Partei die Stellvertreterschaft für ihr zuvor selbstgestaltetes Engagement.


[1] Rat von Sachverständigen für Umweltfragen: Umweltgutachten 1996, Stuttgart 1996, S. 22, Onlineversion.
[2] Kriener, Manfred: Aufstehen wie ein Mann – Der lange Kampf gegen die Atomenergie in der Bundesrepublik. Eine Chronik, in: Die Zeit Nr. 14 (2011), Onlineversion.
[3] Später, 1982, wurde dann nach verwaltungsgerichtlichen Auseinandersetzungen doch eine Baugenehmigung erteilt. 30 000 Menschen protestierten in Wyhl gegen den Entscheid. Die Landesregierung setzte daraufhin den Bau aus. Und seit 1995 ist der Bauplatz tatsächlich als Naturschutzgebiet ausgewiesen.
[4] Der Protest in Brokdorf führte zu einem vierjährigen Baustopp. Als das Bundesverfassungsgericht jedoch die Verfassungswidrigkeit der Demonstrationen erkannte, wurde 1981 weitergebaut. 100 000 Menschen demonstrierten, doch das Kernkraftwerk ging fünf Jahre später, kurz nach der Tschernobyl-Katastrophe, in Betrieb.
[5] Kriener, Manfred: Aufstehen wie ein Mann – Der lange Kampf gegen die Atomenergie in der Bundesrepublik. Eine Chronik, in: Die Zeit Nr. 14 (2011), Onlineversion.
[6] Vgl. www.bund.net 
[7] Röscheisen, Helmut: Der Deutsche Naturschutzring – Geschichte, Interessensvielfalt, Organisationsstruktur und Perspektiven des Dachverbandes der Natur- und Umweltschutzverbände, Inauguraldissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Bochum 2005, S. 57, Onlineversion.
[8]  Jänicke, Martin: Geschichte der deutschen Umweltpolitik, 2009, Onlineversion.
[9] Bannas, Günter: Die Erneuerbaren – Geschichte der Grünen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Mai 2011, S. 3.

Autor:  Ralf Kalscheur
Erstellt: Juli 2011, überarbeitet Februar 2018 von Katrin Uhlenbruck