II. Die „langen 1960er Jahre“: Das Aufkommen einer Umweltschutzbewegung in den Niederlanden

Das Wahlrecht war in den Niederlanden lange Zeit ein Privileg der Oberschicht. Erst Ende des 19. Jahrhunderts führten Kultur- und Klassenkampf zu einer breiteren Teilhabe an der Wahlberechtigung und einer Veränderung der Parteienlandschaft hin zu Volksparteien von Calvinisten (Kalvinistische Antirevolutionäre Partei ARP), Katholiken (Katholische Volkspartei KVP) und Sozialdemokraten (Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP). Diese drei „Säulen“, übrigens Überbegriff für alle Organisationen, Vereine und Personen, die sich mit jeweils einer Strömung identifizierten und aus der politischen Geschichte der Niederlande nicht wegzudenken sind, konkurrierten ausgehend von ihren sehr unterschiedlichen Ideologien um die Wählergunst. Um die angespannte Situation zu beruhigen, zu „pazifizieren“, wurde 1917 das Verhältniswahlrecht eingeführt. Konkordanzdemokratisch (statt konkurrenzdemokratisch) trafen sich fortan die führenden Vertreter von Volksparteien, Verbänden und anderen mitgliederstarken Organisationen, um unter sich einen Konsens auszuhandeln.

Konkordanzdemokratie ermöglicht eine stabile und langfristige Entwicklung politischer Strategien. Eine Richtungsänderung allerdings ist ohne die wirksame, direkte politische Einflussnahme Andersdenkender schwierig. So konnten die calvinistischen und katholischen Parteien das Parlament in den frommen Niederlanden 50 Jahre lang, zuweilen mit sozialdemokratischen oder liberalen Koalitionspartnern, jedoch meistens mit absoluter Mehrheit beherrschen, nachdem sie die Macht gewonnen, etabliert und mittels Netzwerkarbeit von Akteuren in Medien, Bildungswesen und Verbandsgruppierungen zementiert hatten.

Bröckelnde Säulen

In den sogenannten „langen 1960er Jahren“ jedoch gerieten die Säulen ins Wanken. Die Erosionen des Zweiten Weltkriegs waren weit weniger sicht- und spürbar geworden, der allgemeine Wohlstand war gewachsen und mit ihm der Genuss von mehr frei verfügbarer Zeit. Sorgen drückten sich nunmehr verstärkt in der Entscheidungsfindung darüber aus, was „anzuschaffen“, was zu konsumieren sei, oder welches Fernsehprogramm auf der Mattscheibe flimmerte. Die Nachkriegsgeneration hatte besseren Zugang zu Bildung, stellte althergebrachte Wertvorstellungen in Frage und fand sich in der Lage, den Sonntag anders zu gestalten als mit einem Kirchgang. Die Jugend fand eine Fülle anziehender neuer Subkulturen vor, die zum Dazugehören einluden. Die protestantischen und katholischen Kirchen sprachen ihre Einladung zum Gottesdienst immer öfter erfolglos aus. Die Säkularisierung war nicht mehr aufzuhalten.

Die postmaterialistische Gesinnung stellte sich in vielen sozialen Milieus ein, selbst in konservativen und kirchlichen. Neben und in den sich in der Auflösung befindenden Säulen entstanden neue Gruppierungen, auch von radikaleren Rechten, die den Trend zur Demokratisierung nicht goutierten und fortan mit den christlichen Parteien konkurrierten: Die Politische Partei der Radikalen (PPR) etwa spaltete sich 1968 als progressiv-christliche Gruppe von der Katholischen Volkspartei ab. Die Linken, die sich in der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid (PvdA; seit 1946 Nachfolgepartei der SDAP) nicht mehr ausreichend vertreten fanden, artikulierten sich seit 1966 durch die Bewegung Nieuw Links bestimmend innerhalb der Partei. Und jene, die sich dem radikaldemokratischen Spektrum außerhalb der tradierten Versäulung zugeordnet wissen wollten, gründeten 1966 die Partei Demokraten 66 (D66).

Die drei Massenparteien verloren dramatisch an Wählern und folglich an Parlamentssitzen. So fanden kleine, radikalere Koalitionspartner Zugang zur Macht. Calvinisten wie auch Katholiken sahen sich – im Zustand fortschreitender Marginalisierung – außerdem gezwungen, sich auf die gemeinsamen Grundwerte zu besinnen: die ARP, die christlich-historische Union (CHU) und die KVP näherten sich einander seit 1967 an, entwickelten ein gemeinsames Programm und traten 1977 als gemeinsame Liste der christdemokratischen Partei Christen Democratisch Appèl (CDA) bei den Parlamentswahlen an. Die formale Parteigründung erfolgte schließlich 1980.

Neue Offenheit

Das zu Beginn der 1960er Jahre gestiegene Lohn- und Gehaltsgefüge hatte es möglich gemacht, das Leben anders als bislang zu gestalten. Auch die Ansprüche an ein angenehmes Leben waren damit gestiegen. Nun konnten es sich die Niederländer leisten, sich Gedanken über die Umwelt zu machen. Eine Umwelt, die sie in den Ferien als Naturerlebnis mit neu gekauften Autos erkunden wollten, die sie als schöne Umgebung rund ums Eigenheim bewahrt wissen wollten. Das rasante Wirtschaftswachstum jedoch gefährdete die Schönheit der Heimat. Die Niederlande gehörten Ende der 1960er Jahre zu den am stärksten verschmutzten Industriestaaten der Welt. Umweltschutz war nicht mehr eine Frage der Moral, sondern wurde angesichts der hohen Abhängigkeit des Landes von Landwirtschaft und Chemieindustrie schlicht notwendig. Die strenge calvinistische Arbeitsethik (die in der Konkurrenz der christlichen Religionen auch auf die niederländischen Katholiken gewirkt haben mag) hatte an Verbreitung und Bedeutung verloren und stand einer Beschäftigung mit „linken“, vormals als fortschrittsfeindlich geltenden Umweltthemen nicht mehr entgegen. Mitte der 1960er Jahre war – im Zuge der Säkularisierung – schon mehr als ein Drittel der niederländischen Bevölkerung kein Mitglied mehr in einer Kirchengemeinde.

Die jugendliche Protestkultur, die sich zu entwickeln begonnen hatte, artikulierte sich vor allem in der Gegnerschaft zum emotionalen Thema Kernkraft. Insbesondere die linksdominierten Sozialdemokraten solidarisierten sich mit den Anti-Atom-Aktivisten, die sich ab Anfang der 1970er Jahre gegen den Bau neuer Anlagen wandten.[1] Gruppierungen wie die Werkgroep Atoom (kurze Zeit später: Werkgroep Kernenergie) oder die Aktionsgruppe Borssele ad hoc organisierten den Protest. Die Regierung setzte auf Kernkraft und plante den Bau neuer Kernkraftwerke, wie aus der „Nota inzake het kernenergiebeleid“ von 1972 hervorging. Für das Jahr 2000 erwartete die Regierung 35 Kernkraftwerke in den Niederlanden. Weniger gefiel den Niederländern, die bislang unentschlossen oder für Kernenergie waren, als 1973 bekannt wurde, dass ihre Stromrechnung um 3 Prozent steigen werde – um die sogenannte Kalkargebühr. In Kalkar am Niederrhein wollte sich die Niederlande am Bau eines Brutreaktors beteiligen. Dadurch erhielten die Anti-Kernkraftgruppen enormen Zulauf, neue lokale Initiativen wurden gegründet und alle einte die Forderung „Stop Kalkar!“. 1974 demonstrierten 5.000 Menschen in Kalkar und die meisten sprachen niederländisch. Mit Unterschriftensammlungen und Kampagnen, die namhafte Wissenschaftler unterstützten, gelang es der Werkgroep Kernenergie bis 1976 eine starke Oppositionsgruppe (de Bezinningsgroep) gegen Kernkraft zu formieren.

1972: Ein umweltpolitisches Wendejahr

Doch nicht nur die Atomfrage, sondern Fragen des Umweltschutzes allgemein fanden seit Anfang der 1970er Jahre in der Politik, die im Spiegelbild der Wählerschaft demokratischer und vielgestaltiger geworden war, nun mehr Gehör. Die extrem niedrige Sperrklausel (0,67 %), die in den Niederlanden überwunden werden muss, um einen Sitz im Parlament erlangen zu können, trug ebenfalls entscheidend dazu bei, dass die größeren Parteien schnell auf Meinungstrends in der Bevölkerung reagierten, um die Konkurrenz klein zu halten. Intellektuelle Offenheit, Pluralität und Diskussionskultur waren so weit gewachsen, dass der „Rapport van de Club of Rome“ ein niederländisches Thema wurde. „Die Grenzen des Wachstums“, so der Titel des 1972 veröffentlichten „Berichtes des Club of Rome zur Lage der Menschheit“, prognostizierte, dass, wenn die Dynamik des exponentiellen Wachstums von Weltbevölkerung, Umweltverschmutzung, Industrialisierung, Nahrungsmittelproduktion sowie der Ausbeutung natürlicher Ressourcen unverändert anhalte, die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde bereits in hundert Jahren erreicht seien.

Das Katastrophen-Modell bewirkte international einen Einstellungswandel oder doch zumindest eine Problemerkenntnis. In den hochindustrialisierten Niederlanden markierte die Veröffentlichung der Prognose einen Wendepunkt. 1972 wurde das Directoraat-Generaal voor de Milieuhygiëne gegründet, das dem Minister für Volksgesundheit unterstand und kurze Zeit später mit der bedeutenden „Urgentienota Milieuhygiëne“ einen ersten umweltpolitischen Maßnahmenplan präsentierte. Diesen zeichnete zwar noch ein reiner Sanierungscharakter aus, doch war es das erste Regierungsdokument überhaupt, das relativ vollständig den Zustand der Umwelt im Land abbildete. Umweltschutzgruppen und Stiftungen wurden in dieser Phase gegründet, Greenpeace eröffnete eine Niederlassung, spezifische Organisationen engagierten sich mit Schwung für ihre Umweltthemen – und fanden lagerübergreifend in den Parteien Gehör. Die PvdA, D66 und PPR bildeten den „Beirat der Sechs“ als Expertengremium für Umweltschutzmaßnahmen, und auch die rechts-konservativen Parteien reagierten schnell, indem sie das plötzlich so aufmerksamkeitsstarke Thema Umweltpolitik in ihre Wahlprogramme schrieben.


[1] Stichting Laka: Akties tegen Kernenergie 1960-2004, 2005, Onlineversion.

Autor:  Ralf Kalscheur
Erstellt: Juli 2011, überarbeitet 2018 von Katrin Uhlenbruck