Das Verschmutzungs-Paradox

Bis Anfang des Jahrs 2005 war Iffezheim bei den Niederländern genauso bekannt wie in weiten Teilen Deutschlands: so gut wie gar nicht. Doch als im Rheinstaubecken von Iffezheim ein Bagger begann, 300 000 Kubikmeter Schlamm aus der Tiefe zu saugen und stromabwärts in den Rhein zu pumpen, machte der badische Ort im Land der Windmühlen und Tulpen Schlagzeilen. Die Umweltschützer dort befürchten, dass der Rhein mit dem Schlamm die Chemikalie Hexachlorbenzol in ihr Land bringt. Wie die niederländische Verkehrsministerin Karla Peijs das in Verhandlungen mit deutschen Behörden zulassen konnte, muss sie nun dem Haager Parlament erklären.

Selbst in Brüssel wehren sich die Umweltschützer: Dort soll die Europäische Kommission Deutschland das Schlammpumpen verbieten. Es besteht der Verdacht, dass damit die Europäische Wasserrahmenrichtlinie verletzt wird. Denn Hexachlorbenzol (HCB) ist in höheren Konzentrationen für Tiere und Menschen tödlich, außerdem fördert der Stoff schon in geringen Mengen das Wachstum von Krebszellen. Oft wird die Chemikalie in einem Atemzug mit den Umweltgiften Dioxin, DDT und PCB genannt.

Von Iffezheim, so befürchtet man bei der Wasserschutzorganisation Stichting Reinwater in Amsterdam, wird der Schlamm direkt ins Rheindelta in den Niederlanden transportiert. „Es kann nicht angehen, dass bei uns verseuchter Schlamm mit großem Aufwand aus den Flussbetten gebaggert wird und man in Deutschland einfach neuen Schlamm in den Rhein kippt“, empört sich Tinco Lycklama von Stichting Reinwater.

Gigantische Mengen giftiger Baggerschlick

Woher das Gift kommt, ist bekannt: Unter anderem pharmazeutische Betriebe durften es noch bis Anfang der neunziger Jahre ganz legal in den Rhein einleiten. In so genannten Hotspots, natürlichen Depots, hat sich das biologisch kaum abbaubare HCB dann gesammelt. „Bei jedem Hochwasser werden die belasteten Sedimente wieder vom Wasser weitergeschwemmt“, sagt Jörg Huber, der Chef des Wasser- und Schifffahrtsamts Freiburg, wo der Staudamm von Iffezheim verwaltet wird. So gelangen jährlich etwa 150 000 Kubikmeter des Schlamms zur Iffezheim er Staumauer - das ist eine Menge, die dem Fassungsvermögen von 2 500 großen Eisenbahnwagons entspricht. „Wenn wir den Schlamm nicht ausbaggern, droht beim nächsten Hochwasser ein Deichbruch“, sagt Huber.

Etwas komplizierter wäre es gewesen, ein Angebot aus den Niederlanden anzunehmen. Der Hafenbetrieb von Rotterdam, der eine riesige Sondermülldeponie für belasteten Hafenschlick betreibt, hatte dem WSA Freiburg angeboten, den Schlamm von Iffezheim abzunehmen. Schließlich fallen im Hafen von Rotterdam, in Rhein und Maas jährlich gigantische Mengen von giftigem Baggerschlick an. Er hat sich über die Jahrzehnte in den Flussbetten abgesetzt.

Außerdem besteht das Schlammproblem an allen Staustufen. Davon gibt es alleine am komplett verbauten Oberrhein zwischen Basel und Iffezheim zehn. Weil dort die HCB-Konzentration noch weitaus höher ist, drängt das niederländische Verkehrsministerium darauf, künftig andere Wege zu finden, um den Schlamm loszuwerden. Etwas Erfolg hatte der Protest bereits: Eine Empfehlung der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins, die das Einspülen von verseuchtem Schlamm gutheißt, wurde auf Initiative der Niederländer gekippt. „Wegen der Diskussion über Iffezheim“, wie es heißt.


Autor: Christoph Podewils
Erstellt:
Juni 2005