XVI. Die Vogelwächter

Auf dem Wylerberg in Ubbergen hat eines der größten Vogelinstitute Europas seinen Hauptsitz: Sovon. 7500 Ornithologen erkunden die Welt der Vögel

UBBERGEN. „Vögel sind nie langweilig", sagt Harvey van Diek. Der Ornithologe aus Beek-Ubbergen liebt es, mit Fernglas und Gummistiefeln in der Wiese zu stehen und Vögel zu beobachten. Gerade jetzt, in den beginnenden Wintermonaten, bietet die Düffel ein Naturschauspiel: Hundertfache Starts und Landungen in den Rheinniederungen. Harvey van Diek kann sich nicht sattsehen. Er dokumentiert das Verhalten der Tiere, er schreibt auf, was sie fressen und in welcher Population sie vorkommen. Der Ornithologe arbeitet für das renommierte Vogelinstitut Sovon. Ein Verein mit 7500 freiwilligen Mitarbeitern. Sovon ist eine der größten Vogelgesellschaften in Europa.

Hauptsitz ist die Villa Wylerberg in Ubbergen, keine 1000 Meter hinter der Landesgrenze bei Kleve-Kranenburg liegt das Mekka der Vogelkundler. Die Villa, die früher einmal in Besitz der Klever Familie Schuster-Hibi war, liegt inmitten einer der artenreichsten Gegenden der Niederlande - dem Naturschutzgebiet de Duffelt. Jährlich landen hier tausende Wildgänse und andere Brutvögel. Ein Eldorado für Vogelkundler: „Gesellschaften aus anderen Ländern beneiden uns um unsere vielen freiwilligen Mitarbeiter“, sagt van Diek. Mitarbeiter, die eine unglaubliche Fülle an Informationen zusammentragen.

Der junge Ornithologe sitzt in seinem Arbeitszimmer zwischen unzähligen Vogellexika, schwarzen Aktenordnern und Arbeitsmappen, gefüllt mit zahlreichen Daten über alle in den Niederlanden vorkommenden Vogelarten. Allein die Brutvögel beziffert van Diek auf 236. Wissenschaftler, die sich ernsthaft mit der Vogelkunde auseinandersetzen, sind auf das empirische Material von Sovon angewiesen: Es gibt keinen wissenschaftlichen Artikel, der nicht auf das Material aus Ubbergen aufbaut.

Die 7500 Mitarbeiter zählen sämtliche Vogelarten, die in verschiedenen Standardlexika festgehalten werden. Das bekannteste und umfangreichste Werk ist der „Atlas der niederländischen Brutvögel“. Der üppige Band enthält ein enormes Wissen über Anzahl, Verhalten, Vorkommen und Lebensräume der Tiere. Auch Harvey van Diek hat daran mitgearbeitet. Er erzählt, dass zurzeit unter Mithilfe von Sovon auch in Deutschland ein Atlas der Brutvögel erarbeitet wird. Allerdings gibt es in Deutschland viel weniger Feldornithologen.

Sovon wurde 1973 gegründet und seither werden in Ubbergen Vögel gezählt: Brutvögel, Wasservögel, Zugvögel und Exoten. Die landesweiten Datenerhebungen werden am Wylerberg koordiniert. Auftraggeber sind oft das niederländische Umweltministerium oder andere Umweltorganisationen. Auch mit dem deutschen Naturschutzbund arbeiten die Vogelexperten aus Ubbergen zusammen. Das Zahlenmaterial von Sovon gilt als Diskussionsgrundlage für die Umweltpolitik des Landes. „Ich darf ohne Übertreibung sagen, dass wir das Wissenszentrum in den Niederlanden sind“, sagt van Diek.

So nüchtern die Zahlen auch sein mögen, betrachtet man sie über mehrere Jahre, liefern sie interessante Ergebnisse. So kann van Diek erkennen, dass sich der Bestand des Bussards in den vergangenen 25 Jahren gut gemausert hat. Auch der Eisvogel habe eine positive Entwicklung genommen. 2005 gibt es 650 Brutpaare. Von der 1965 fast verschwundenen Schleiereule gebe es heute wieder 1000 Brutpaare.

Aber auch alarmierende Nachrichten kommen aus Ubbergen. Sovon erstellt jährlich die Rote Liste der bedrohten Vogelarten - zurzeit sind es 67. Darunter sind auch die Feldlerche und der Sperling, die in den 70er Jahren noch zahlreich am Niederrhein brüteten. Beide Bestände seien um 90 Prozent zurückgegangen. Einige hunderttausend Paare sind verschwunden. Die Feldlerche leide unter dem fortwährenden Wandel von Grünland in Ackerfläche. Für den Sperling gebe es immer weniger Hecken, in denen er sich aufhalten könne.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: januar 200