VIII. Schroffe Schönheiten

Die Hoge Veluwe bei Arnheim ist ein „Museum der Landschaften”. Die Heide soll Unesco-Weltkulturerbe werden.

HOENDERLOO. Morgens, wenn noch niemand im Park ist, dann ist Henk Russeler richtig froh, ein Förster zu sein. Dann setzt er sich manchmal in seinen Landrover, fährt ein paar Minuten auf den holprigen Feldwegen und genießt diese einzigartige Landschaft. Wenn die Sonne noch nicht richtig aufgegangen ist und leicht über den Nationalpark De Hoge Veluwe streicht, dann verzaubert ihn dieser Anblick auch nach über 25 Jahren noch: Eine Mischung aus Savanne, Heide, Dünen, Laub- und Nadelwäldern. Es zeigen sich Farben, die so kräftig und widersprüchlich sind, wie sie nur die Natur hervorbringen kann.

Die Veluwe – ein Landstrich, der so untypisch ist für die Niederlande und sich doch auf 100.000 Hektar zwischen Arnheim und Apeldoorn erstreckt. Eine Landschaft auch, die einmalig ist in Europa und daher auf die Unesco-Liste als Weltkulturerbe gesetzt werden soll. „Es gibt nichts schöneres”, sagt Henk Russeler.

Sein Landrover muss einiges aushalten. Im zweiten Gang quält sich der Defender durch die Dünen und bringt uns zu den abgelegenen Stellen des Parks. Dorthin, wo die Fahrradfahrer so schnell nicht kommen und der Nationalpark seine schroffe Schönheit bewahrt hat: Heidekraut so weit das Auge reicht – seltene Flechten, die hier den Boden bedecken – und am Horizont grasen zu Hunderten Mufflons, Rehe und Hirsche. „Schau doch mal, was für eine schöne Landschaft. Ist das nicht toll? Wo gibt es denn so etwas? Das hier ist ein Museum der Landschaften.”

Henk Russeler muss nicht viel unternehmen, um Besucher zu begeistern. „Ich muss ihnen einfach nur ein paar Stellen zeigen, den Rest erledigt die Landschaft”, sagt der 48-Jährige, der seit 28 Jahren im Nationalpark wohnt und arbeitet, und wie kein Zweiter die unterschiedlichen Landschaftstypen kennt. „Schon als 14-Jähriger habe ich gewusst, dass ich Förster werden will”, sagt Russeler, der mit seinen Eltern jedes Jahr in der Veluwe Urlaub gemacht hat.

Nirgendwo hat die Natur mehr Platz. Die Veluwe ist das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet in Westeuropa, allein im Nationalpark, der nur ein kleiner Teil der Veluwe ist, leben 200 Hirsche und 250 Rehe und 50 bis 60 Wildschweine. Für das riesige Gebiet keine üppige Populationen, aber „wir versuchen, eine gesunde Balance zu finden”, sagt Russeler. Er weist die Besucher nicht nur auf die Großtiere hin: Es gibt auch seltene kleine Arten, über die er sich mindestens genauso freut: Eidechsen, Spinnen und Molche, die Kreuzotter, als einzige Giftschlange in Westeuropa, unzählige Insekten und seltene Schmetterlinge, die im Sommer die Heide bevölkern. Die zahlreichen seltenen Pflanzen, die Orchideen, die seltene Moor-Lilie, der den feuchten und kalkarmen Boden so liebt, den englischen Ginster oder den Sonnentau – Henk Russeler kennt hier jeden Strauch.

Russeler mag diese Abwechslung. Er zeigt Landstriche, die denen einer Savanne in Tansania nicht nachsteht. „Es fehlen nur noch die wilden Tiere”, scherzt er. Was die Veluwe so einzigartig mache, sei die Weite, der unverstellte Blick auf die Ebene: kein Haus, kein Auto, kaum Menschen, Ruhe. Größer als hier könnten Gegensätze kaum sein, denn nur ein paar hundert Meter weiter beginnt schon ein heimischer Buchenwald. „Diese Diversität ist einmalig”, schwärmt der Förster, dessen Hauptaufgabe es heute ist, möglichst vielen Menschen die Natur zu zeigen.

Der Nationalpark de Hoge Veluwe gehört einer privaten Stiftung, steht aber allen offen und hat sich nach dem Wattenmeer zur zweitgrößten Touristenregion in den Niederlanden entwickelt. An manchen Tagen tummeln sich bis zu 4000 Menschen auf dem fast 6000 Hektar großen Land – ohne dass man dies bemerkt. „Jeder darf sich im Park frei bewegen”, erzählt Russeler. Die Reiter dürfen die Wege verlassen, auch die Spaziergänger dürfen querfeldein marschieren. Nur die Radfahrer sollten sich auf das 43 Kilometer lange Wegenetz beschränken. Bekannt ist der Park natürlich auch für seine 1700 weißen Leihfahrräder.

Die Kulturlandschaft der Veluwe soll als Unesco-Weltkulturerbe eingetragen werden. Die karge Tundra, die tiefen Furchen in der Landschaft vermitteln hier einen Eindruck davon, wie es vor der Eiszeit in Westeuropa ausgesehen haben muss. Denn die letzten Eismassen, die sich vor 150 000 Jahren über Nordeuropa schoben, haben die Veluwe-Landschaft nicht zerstört. „So einen Komplex gibt es nirgends auf der Welt”, sagt Ton Roozen von der Denkmalstiftung „Gelders Landschap”. Für Henk Russeler ist die Veluwe schon heute ein Denkmal. „Wenn man sich hier hinstellt und diese bizarre Landschaft betrachtet, dann lehrt das Demut.”

Auf der Pirsch

Der Nationalpark Hoge Veluwe bietet zahlreiche Führungen und Safaris.

HOENDERLOO. Die Hoge Veluwe kann man das ganze Jahr über genießen. Am einfachsten geht das bei einer der zahlreichen Führungen und Sonderveranstaltungen, die die Stiftung Hoge Veluwe organisiert. So bietet Henk Russeler achtstündige Wandersafaris quer durch die Veluwe an, abseits von Wegen und Pfaden. Schön ist auch eine vierstündige Abendsafari ab 18 Uhr – auf der Suche nach Wildtieren: Hirsche, Rehe, Mufflons. Kosten: 40 Euro, inklusive Verpflegung. Auch morgens kann man durch die Hoge Veluwe marschieren. Die Frühstückswanderungen beginnen um 6 Uhr. Großen Massenauflauf gibt es jährlich zur Brunftzeit. Das einmalige Schauspiel röhrender Hirsche kann man auch während einer Führung erleben. Alle Veranstaltungen werden von Henk Russeler auch auf Deutsch gemacht. Informationen über Preise und Reservierungen unter: Tel: 0031/55/ 3788100. Der Nationalpark De Hoge Veluwe wird jährlich von 530 000 Menschen besucht. Anziehungspunkt ist vor allem das Kröller-Müller-Museum, welche die einmalige Kunstsammlung von Helene Kröller-Müller beherbergt, mit Bildern von Van Gogh und Picasso und mit einem der größten Skulpturengärten in Europa. Sehenswert ist auch das Jagdschloss St. Hubertus sowie das Musonder, ein Museum über das Leben in der Erde. Der Nationalpark Hoge Veluwe ist nur ein Teil der 100 000 Hektar großen Veluwe-Landschaft. Östlich der Hoge Veluwe gibt es auch noch den 5000 Hektar großen Nationalpark Veluwezoom.

Infos: www.veluwezoom.nl, Telefon: 0031/ 26/4 97 91 00. Die Veluwe ist immer in Bewegung. Es bilden sich ständig neue Dünen, Wüsten- und Heidelandschaften.


Eintritt für den Park: 7 Euro. Park und Museum: 14 Euro. Jahreskarte: 32,50 Euro. Anreise: Mit dem Auto über die A 12, dann den Schildern „Park Hoge Veluwe” folgen. Parkplatz: sechs Euro. Adresse: Apeldoornseweg 250, Hoenderloo. Telefon: 0031/55/ 3 78 81 16. Information: www. hogeveluwe.nl

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009