VI. Neue Natur

Wie die Niederlande versuchen, ihre Naturlandschaft zurück zu gewinnen


DEN HAAG. Dünen und Polder, Weiden, Flüsse und Eichenwälder. Wer an die Niederlande denkt, der hat ein typisches Bild im Kopf. Von einer Landschaft, wie es sie vor gut 100 Jahren noch gab, geformt von den Flüssen und dem Meer. Aber die Natur ist in den Niederlanden bedroht, die einst so markanten Landstriche verschwinden zunehmend. 067 KassenDie Städte nehmen mehr Raum ein, es werden täglich neue Industrie- und Gewerbegebiete angelegt, Straßen parzellieren das Land. Der Staat, das Landwirtschaftsministerium, Staatsbosbeheer, Natuurmonumenten und die Provinzverwaltungen haben sich zum Ziel gesetzt, dieser Entwicklung entgegen zu wirken, Landschaftstypen stärker zu schützen, zu pflegen und auch wieder neu aufzubauen. Die Biodiversität, der Reichtum der Arten, soll wieder zunehmen. Das Landwirtschafts- und Umweltministerium lässt neue Naturgebiete entwickeln, indem man den Landwirten Flächen abkauft und diese in einen ursprünglichen Naturzustand zurück versetzt.

In der Studie „Naar een nieuwe natuur“, im Auftrag des Umweltministeriums, stellt Autorin Boukje Klinker die wesentlichen Probleme und Ausgangspunkte der niederländischen Naturschutzpolitik vor:

  1.  Zum einen ist die Natur in den Niederlanden einem hohen Siedlungsdruck ausgesetzt. „Im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden viele Industrien, die Bevölkerung nahm zu und die musste irgendwo wohnen. Auch die moderne Landwirtschaft schluckte immer mehr Fläche. Der Grund und Boden bietet nur wenigen Pflanzen und Tieren Platz zum Leben. Als Folge gab es immer weniger Platz für die Natur.“ Seit dem Jahr 1900 sind in den Niederlanden von 1000 Pflanzenarten 50 ausgestorben und weitere 400 sind in ihrem Bestand bedroht. Daher wurde 1968 das Naturschutzgesetz ins Leben gerufen, mittels dem man Naturschutzgebiete ausweisen konnte. Der Staat wies erste große Nationalparks an.
  2. Das zweite Problem: Die relativ kleinen wertvollen Naturflächen sind nicht miteinander verbunden, sondern sind über das gesamte Land verstreut. Ende der 80er Jahre setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Naturparks und Naturschutzgebiete miteinander verbunden werden müssen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn man neue Naturschutzgebiete entwickelt und auch bislang nicht geschützte Gebiete einbezieht. Die Überlegungen fanden ihren Ausdruck in dem Konzept der „Ecologische Hoofdstructuur“ (EHS). Die Ecologische Hoofdstructuur umfasst alle bestehenden Naturschutzgebiete in den Niederlanden  und auch ihre Verbindungskorridore. Insgesamt handelt es dabei um 725.500 Hektar, was ungefähr 18 Prozent der Gesamtfläche der Niederlande ausmacht.
  3. Aber für die Verantwortlichen war schnell klar, dass die Parzellierung der Naturschutzgebiete nicht das alleinige Problem darstellt. „Es gibt in den Niederlanden eigentlich zu wenig Naturschutzgebiete. Der Schutz der jetzt bestehenden Gebiete hatte erst  eingesetzt, als schon entsprechend viel Natur verschwunden war“, schreibt Boukje Klinker. Zwischen den 50er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden 50 Prozent der niederländischen Naturschutzgebiete vernichtet.

Neue Naturschutzgebiete zu entwerfen ist ein mühsames Geschäft. Denn natürlich wird in einem so dicht bevölkerten Land wie den Niederlanden fast der gesamte Grund und Boden bereits genutzt: für Wohnen, Arbeiten, Infrastruktur oder Landwirtschaft. Trotzdem will der niederländische Staat 150.000 Hektar (1500 Quadratkilometer) neue Natur anlegen lassen. Ein schwieriges Unterfangen. Landwirte müssen ihre Flächen verkaufen oder anders nutzen, in der Provinz Gelderland wurden brachliegende Industrieflächen umgebrochen in Grünland, fast immer gibt es Interessenskonflikte mit anderen Nutzern. Die größten Opfer werden von der Landwirtschaft erwartet, ihr stehen bislang 57 Prozent der Gesamtoberfläche der Niederlande zur Verfügung.

Neue Natur anlegen, wie macht man so etwas? Die Niederländer verfolgen hier drei Varianten. Im Bentwoud bei Zoetermeer wurden auf 1300 Hektar über 100.000 Bäume neu gepflanzt. Der Stadtwald wurde von Grund auf neu entworfen. Ein radikaler Neubeginn ist auch auf vielen landwirtschaftlichen Flächen vonnöten, die jahrelang mit zu vielen Nährstoffen versorgt wurden und somit für eine naturnahe Entwicklung ungeeignet sind. Nährstoffarme Pflanzen haben auf diesem Grund und Boden keine Chance, da sie überwuchert werden. Die einzige Möglichkeit ist, das Land neu zu bestellen: Der Boden muss abgetragen werden.

Auch an Flüssen sieht man den Eingriff von menschlicher Hand. Die Hauptströme Waal, Maas und Ijssel wurden jahrzehntelang begradigt, damit das Wasser schneller abfließen kann, was wiederum schlecht für Kleinstlebewesen und Fische ist. Seit über zehn Jahren versucht man in den Niederlanden den Flusslauf und die Ufer naturnah zu gestalten, indem man Seitenarme gräbt oder die Uferböschungen abflacht.


Autor: Andreas Gebbink

Erstellt: Januar 2009