XIV. Natuurmonumenten


´s-Graveland. Die Vereinigung Natuurmonumenten ist mit 945.000 Mitgliedern die größte und einflussreichste  Umweltschutzorganisation in den Niederlanden. Sie unterhält insgesamt elf große Naturschutzgebiete, die zusammen eine Oberfläche von gut 88.500 Hektar umfassen. Die bekanntesten Naturschutzareale sind das Naardermeer, die Dünen von Texel, der Nationalpark Veluwezoom und der Nationalpark Dwingelderveld.

Natuurmonumenten hat in der niederländischen Bevölkerung einen sehr starken Rückhalt. Nicht nur die hohe Zahl der Mitglieder ist beeindruckend, auch die Zahl der freiwilligen Helfer ist enorm. Jährlich unterstützen 1700 Freiwillige die Organisation beim Zählen von Tieren, bei der Organisation von Besucherzentren oder sie beteiligen sich an Baumpflanzaktionen oder Ähnlichem.

Dass der Zuspruch für Natuurmonumenten so groß ist, hängt auch mit der Entstehungsgeschichte zusammen. Natuurmonumenten war quasi die erste niederländische Protestbewegung in Sachen Umweltschutz. Als 1905 die Stadt Amsterdam das Naardermeer zu einer Müllkippe umfunktionieren wollte, rief das den Widerstand von Jac. P. Thijssen und E. Heimans hervor. Die beiden Umweltschützer wandten sich mit mehreren Artikeln in der Tageszeitung an die Öffentlichkeit und ernteten damit großen Zuspruch. Thijssen und Heimans schafften es im Jahr 1906 das 708 Hektar große Naardermeer zu kaufen. Dies war die Geburtsstunde des ersten Naturschutzgebietes in den Niederlanden, das noch heute einen hohen Erholungswert hat. Denn das Naardermeer liegt mitten in der dichtbebauten Randstad und ist gekennzeichnet durch reiche Schilfrohrbestände und Morastböden.

Der Kampf um das Naardermeer ist seitdem eng mit der Geschichte von Natuurmonumenten verbunden. Um das Gewässer zu sichern, traten anfangs 65 – meist einflussreiche –  Mitglieder Natuurmonumenten bei. Erster Vorsitzender wurde J. Oudemans, der 1906 die Entstehungsgeschichte der „Vereeniging tot behoud van Natuurmonumenten in Nederland“ niederschrieb, die offiziell am 31. März 1906 gegründet wurde.
Bis 1915 schaffte es Natuurmonumenten weitere Naturflächen zu kaufen und vor den Einflüssen der Landwirtschaft und der Stadtentwicklung zu bewahren. Die Vereinigung kaufte Land auf Texel, den Leuvenumse Bos, die Wälder von Hagenau und die Moore von Oisterwijk. Schon damals hatte der Vorsitzende Oudemans erkannt, dass die moderne Landwirtschaft und die zunehmende Zersiedelung dazu beigetragen haben, dass „reeds zoo menige schoone, belangwekkende plek voor de cultuur zoodanig is gewijzigd, dat zij al hare aantrekkelijkheid daarbij ingeboet, al hare merkwaardigheden daarbij verloren heeft.“
Zwischen 1915 und 1925 etablierte sich Natuurmonumenten als  landesweite Organisation und kaufte weitere Naturschutzflächen hinzu. Das Krongenburgerveen bei Winterswijk etwa oder das Landgut „De Braak“ bei Groningen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg  wird Natuurmonumenten zu einer einflussreichen Organisation. Die Zahl der Mitglieder stieg rasch auf 60.000 und damit wurde den Naturschützern auch politisch mehr Gehör geschenkt. Zwischen 1945 und 1955 entwickelte die niederländische Regierung erste Konzepte zum Naturschutz, auch, weil sie durch Natuurmonumenten dazu getrieben wurde. Die Vereinigung setzt sich vehement gegen die Flurbereinigung ein, die gerade in den 40er Jahren die Landschaft stark verändert hat. Überall wurden Entwässerungsgräben angelegt und Ackerflächen begradigt und damit verschwanden natürliche Plätze für Flora und Fauna. Bis heute sieht Natuurmonumenten hierin eine der wichtigsten Bedrohungen für die Natur: die Trockenlegung der Landschaft, die Versauerung des Bodens, die starken Stickstoffeinträge durch die Landwirtschaft und die Kleinteiligkeit der niederländischen Naturschutzgebiete.

In den 50er und 60er Jahren nahmen die Aufgaben für Natuurmonumenten rasch zu. Es wurden mehr Straßen gebaut, mehr Autobahnen angelegt und all dies zu Lasten der Natur. 1965 musste Natuurmonumenten den ersten Rückschlag hinnehmen und das Vogelbrutgebiet De Beer bei Rozenburg für die Erweiterung des Rotterdamer Hafens opfern. Der Raubbau an der Natur nahm in den Jahren des Wirtschaftswunders stark zu und die Regierung verabschiedete 1965 mit dem „Gesetz über die Raumordnung“ das erste Regelwerk, welches die Natur effektiv schützen sollte.

Je größer die Probleme wurden, desto mehr Menschen traten Natuurmonumenten bei. 1965 hatten sich schon 100.000 Niederländer der Vereinigung angeschlossen. Überhaupt erfuhren Umweltorganisationen jetzt Zuspruch: Greenpeace wurde gegründet und die Vereinigung Milieudefensie. Damit gab es auch eine neue Rollenverteilung im niederländischen Naturschutz. Natuurmonumenten richtete sich fortan vor allem auf den Ankauf und die Unterhaltung von Naturschutzgebieten und wertvollen Landschaften. 1970 erschien die erste Ausgabe der Mitgliederzeitschrift Natuurbehoud.

In den 70er Jahren entwickelte Natuurmonumenten das Konzept der „natürlichen Forstwirtschaft“ und setzte es auch um. In Wäldern wurde fortan kaum noch eingegriffen, das Schlagen von Bäumen wurde stark eingeschränkt. Die Natur sollte sich selbst überlassen werden. Auch die Jagd wurde auf den Flächen von Natuurmonumenten stark begrenzt.

In den 80er Jahren erfuhr die Vereinigung erneut einen starken Mitgliederzuwachs. Die Zahl wuchs von 235.000 (1985) auf 813.000 (1995) an. Wohl auch, weil die Niederländer erkannten, dass ihre Landschaften und Naturschutzgebiete stark bedroht sind. Natuurmonumenten sah, dass es nicht länger reichte, nur bestehende Flächen zu sichern. Es musste neue Natur entwickelt werden. Die Ecologische Hoofdstructuur (1990) wurde zu einer neuen Politik mit dem Ziel, die bestehenden Naturschutzgebiete miteinander zu vernetzen. Naturschutz hieß fortan auch, neue Naturschutzflächen zu entwickeln, in dem man alte landwirtschaftliche Flächen in einen natürlichen Zustand zurückführte.

Natuurmonumenten spielt heute in der niederländischen Naturschutzpolitik eine wichtige Rolle. Große politische Projekte, wie die EHS, werden eng mit dem Umweltministerium, den Provinzbehörden und Staatsbosbeheer abgestimmt. Natuurmonumenten macht heute einen Umsatz von 78 Millionen Euro im Jahr, darin enthalten sind die Mittel für den Ankauf neuer Naturschutzflächen und Projekte. Für den Unterhalt der bestehenden Naturschutzgebiete gibt die Organisation jährlich 426 Euro pro Hektar aus, der Staat bezuschusst die Organisation mit 96 Euro pro Hektar.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 200