IV. Nationalparks und nationale Landschaften


Als Anthony Georg Kröller zu Beginn des 20. Jahrhunderts nördlich von Arnheim riesige Ländereien kaufte, da dachte in den Niederlanden noch niemand an Nationalparks, an Naturschutz oder Erholungsgebiete. Für Anton Kröller und seine Frau Helene Müller waren die Ländereien, die sie zwischen 1909 und 1921 kauften, ein Statussymbol, ein Jagdsitz allererster Güte. Ihre Leidenschaft für die Jagd ließ die beiden Industriellen zu Pionieren in Sachen Naturschutz werden.

Auf ihrem über 5000 Hektar großen Landsitz siedelten sie  Großwild an. Anton Kröller ließ Hirsche aus Osteuropa importieren, damit sich eine neue Population aufbauen konnte. Auch Mufflons und Wildschweine wurden in den umzäunten Park eingeführt. Der Naturpark Hoge Veluwe entwickelte sich zu einer der artenreichsten Gegenden in den Niederlanden – und ist es bis heute geblieben. Im Nationalpark De Hoge Veluwe gibt es Wildschweine, Rehe, Dachse, Füchse und Bussarde. Auch alle Schlangenarten, die es in den Niederlanden gibt, lassen sich hier finden.

Schon in den 30er Jahren wurde das Landgut „De Hoge Veluwe“ zum Nationalpark ernannt. Das Gebiet zeichnet sich durch seine üppigen Heidelandschaften, Kiefern- und Laubwälder und die savannenartigen Senken aus. Am 26. April 1935 vermachten Anton Kröller und Helene Müller ihr Landgut der Stiftung „Het Nationale Park De Hoge Veluwe“, damit ihre Ideen und Ziele auch nach ihrem Tod fortgeführt werden. Ihr Ideal: Der Park sollte allen zugänglich und der Naturschutz sollte Ausgangspunkt der Bemühungen sein. Zudem sollte die große Kunstkollektion von Helene Müller ein würdiges Museum erhalten.

Der Nationalpark De Hoge Veluwe hat unter den 20 Nationalparks nach wie vor eine Sonderstellung. Es ist der einzige Park für den Eintritt verlangt wird. Normalerweise werden Nationalparks durch den Landwirtschafts- und Umweltminister ernannt und müssen mindestens 1000 Hektar groß sein, bestehend aus Natur- und Wasserflächen, mit einer herausragenden landwirtschaftlichen Qualität und einer außergewöhnlichen Pflanzen- und Tiervielfalt.

In den Niederlanden gibt es heute 20 Nationalparks, die zum größten Teil erst in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts gegründet wurden. Zusammengenommen umfassen sie gut 120.000 Hektar, das sind drei Prozent der niederländischen Gesamtoberfläche. Legt man allerdings internationale Maßstäbe an, verdienen viele niederländische Nationalparks ihren Titel nicht. Denn nach internationalen Regeln muss ein Nationalpark mindestens 5000 Hektar umfassen, und es wird auch keine Wohnbebauung gestattet. Es darf sich zudem um keine Kulturlandschaft handeln und Landwirtschaft wäre ausgeschlossen.

In den dichtbevölkerten Niederlanden handhabt man die Regeln lockerer. Im Nationalpark Oosterschelde etwa spielt die Fischerei eine herausragende Rolle und in der Region Drentsche Aa ist gerade der Erhalt der alten Kulturlandschaft das wichtigste Ziel der Politik.

Erst 1993 wurde in der „Structuurschema Groene Ruimte 1“ (SGR1, 1993) eine Definition eines Nationalparks gegeben: „Nationalparks in den Niederlanden sind konform der international gehandhabten Definition zusammenhängende Gebiete von mindestens 1000 Hektar, bestehend aus Naturschutzgebieten, Gewässern und/oder Wäldern, mit einer besonderen landschaftlichen Eigenart und Pflanzen- und Tierleben, in denen es gute Möglichkeiten der Erholung und Freizeitgestaltung gibt. In Nationalparks wird Naturschutz und Naturentwicklung intensiviert, werden Natur- und Umweltpädagogik stark ausgebaut und werden wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen.“

Die Politik möchte die Nationalparks in den kommenden Jahren vergrößern und miteinander verbinden, um die Qualität der Natur zu verbessern und zu stärken. Auch die Zusammenarbeit der Nationalparks soll sich verbessern. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang der „Samenwerkingsverband Nationale Parken“ (SNP), der etwa das Investitionsprogramm 2006 bis 2010 abwickelt. Der SNP wurde erst 2005 gegründet. Hier arbeiten das Ministerium, die 20 Nationalparks, Staatsbosbeheer, die Föderation Privater Grundbesitzer und das Institut für Naturschutz und Bildung zusammen. Die SNP ist ein Nachfolger der 1980 gegründeten unabhängigen „Voorlopige Commissie Nationale Parken“ (VCNP). Die Kommission hat zwischen 1982 und 1998 insgesamt 17 Gebiete untersucht, die für einen Nationalpark in Frage kommen. 1998 legte die Kommission ihren Abschlussbericht „Natuur met toekomst“ vor.

Die Insel Schiermonnikoog wurde 1989 als erster Nationalpark vom Umweltminister ernannt. Der vorläufig jüngste Park ist „De Alde Feanen“ in der Provinz Friesland, der erst 2006 ausgewiesen wurde.

Die Pflege und Unterhaltung der Naitonalparks überlässt das Umweltministerium der staatlich eingerichteten Organisation Staatsbosbeheer und privaten Organisationen (z.B. Natuurmonumten). In den Niederlanden ist Staatsbosbeheer der mit Abstand größte Betreiber von Naturschutzgebieten und Nationalparks. In neun Nationalparks unterhält Staatsbosbeheer mindestens 50 Prozent der Gesamtoberfläche (Lauwersmeer, Drents-Friese Wold, Dwingelderveld, Weerribben, Sallandse Heuvelrug, Duinen van Texel, De Biesbosch, De Grote Peel und De Meinweg. Die Vereinigung Natuurmonumenten ist in drei Nationalparks für mehr als 50 Prozent der Oberfläche verantwortlich: Schiermonnikoog, Loonse und Druense Duinen und Veluwezoom. Zudem unterhält die Vereinigung, die 945.000 Mitglieder zählt, mehrere Großflächen (zirka 1000 Hektar).

Neben den beiden großen Naturschutzorganisationen, die eine eng aufeinander abgestimmte Politik verfolgen, gibt es mehrere private Grundbesitzer und die zwei Stiftungen It Fryske Gea und „Het Limburgs Landschap“.
15 der 20 Nationalparks sind Landparks und fünf befinden sich an der Küste. Schätzungsweise 20 Millionen Menschen lockt es jährlich in die Natur. Die wenigsten Touristen tummeln sich in „De Groene Peel“ (150.000), den stärksten Zuspruch erfahren die Dünen auf Texel mit fünf Millionen Besuchern im Jahr. Viele Besucher nutzen die Angebote der Besucherzentren, die es in jedem Nationalpark in unterschiedlichen Formen gibt, bzw. noch aufgebaut werden.

Juristisch gesehen genießen die Nationalparks keinen besonderen Status. Dennoch verdeutlicht der Name, dass hier für Eingriffe in die Natur strengere Regeln gelten. Die Nationalparks sind alle Teil der Ecologische Hoofdstructuur (EHS) und erhalten durch andere Gesetze ihren Schutzstatus (Natuurbeschermingswet, Vogel- und Habitatrichtlinie, Gesetz über die Raumordnung). Zudem sind die Nationalparks Teil eines europäischen Netzwerkes von Naturschutzgebieten. Das Natura-2000-Netzwerk ist ein ökologischer Verbund, zu dem alle Mitgliedsstaaten beitragen. Natura 2000 verfolgt den Erhalt und den weiteren Ausbau von Ökosystemen, die von europäischer Bedeutung sind. Der spezielle Schutz von Arten und Lebensräumen, die zum Beispiel in der Europäischen Vogelschutzrichtlinie und der Habitatrichtlinie aufgenommen wurden, wird über die Natura 2000 realisiert.

Naturschutz gibt es nicht zum Nulltarif. Am 12. September 2006 stimmt das niederländische Parlament für das Gesetz „Inrichting Landelijk Gebied“ (WILG), die gesetzliche Grundlage für das „Investeringsbudget Landelijk Gebied“ (ILG). Über das ILG werden 3,2 Milliarden Euro gesteuert, die den Provinzen für die Jahre 2007 bis 2013 zur Verfügung stehen. Gut 29 Millionen Euro sind für den Aufbau der Nationalparks bestimmt. Kombiniert mit EU-Geldern, Beiträgen der Provinzen, Gemeinden und Deichverbände betragen die Ausgaben für die Entwicklung der ländlichen Region gut 7,5 Milliarden Euro. Das Landwirtschafts- und Umweltministerium ist verantwortlich für die Nationalparks. Das Budget betrug 2006 gut 5,8 Millionen Euro. Das Geld wurde unter anderem für den Unterhalt und die Qualitätsverbesserung der Gebiete gebraucht. Auch die Naturerziehung (Kinderprogramme, Besucherzentren, Infotafeln, Vorträge, Führungen etc.) wurden damit finanziert.Naturschutzflächen im Rahmen der EHS und zum Erhalt bestehender Gebiete verwendet.

Nationale Landschaften


Neben den Nationalparks werden in den Niederlanden auch 20 nationale Landschaften unterhalten. Es handelt sich um Landschaften, die das Bild der Niederlande prägen und eine einzigartige Kombination sind von agrarisch gebrägten Gebieten, Natur- und Kulturhistorie. „Sie erzählen die Entstehungsgeschichte der Niederlande. Hier lässt sich der Zusammenhang zwischen Natur, Landschaft und Architektur aufzeigen“, heißt es beim Samenwerkingsverband Nationale Parken (SNP). Zusammengenommen umfassen diese Landschaften 800.000 Hektar, also ungefähr 20 Prozent der Gesamtfläche der Niederlande. Der Status „Nationale Landschaft“ bietet nur einen spezifischen Schutz. Innerhalb einer solchen Landschaft gibt es Begrenzungen für Wohnungsbau, Infrastruktur und Gewerbe. Größere Gewerbegebiete oder Straßenbauprojekte sind hier kaum möglich.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009