XX. Licht aus!

Die Provinz Gelderland hat erstmals eine Politik der Dunkelheit eingeführt

ARNHEIM. Wo ist es schon richtig dunkel? Irgendwo scheint doch immer ein Licht. In der Stadt ist es selbst in der tiefsten Nacht hell erleuchtet. Die Laternen, die Autos, Werbetafeln, Skybeamer, Sportpaläste und Industriegebiete zerstören die unbefleckte Nacht. Auf dem Land ist es nicht besser. Die Straßenlaternen und die Bewegungsmelder nehmen Überhand, die Gewächshäuser strahlen vor sich hin und auf nahezu jedem Bauernhof brennt eine Lampe im Kuhstall. Selbst da, wo es eigentlich stockfinster sein müsste, wo keine Menschenseele wohnt und sich Hase und Igel gute Nacht sagen, selbst da schimmern die hellen Lichter der Stadt.

Henk Willems will die Dunkelheit zurück. Der Mitarbeiter der Provinzverwaltung Gelderland in Arnheim leitet seit 2003 das Projekt „Veluwe donker en stil”. Was sich anhört wie ein Schildbürgerstreich, genießt bei unseren Nachbarn Priorität. „Denn in unserem dichtbesiedelten Land ist es nirgendwo so ruhig und dunkel, wie etwa in Deutschland”, sagt Henk Willems. Eine Kommission aus Städten, Gemeinden, Umweltverbänden und Wirtschaft machen sich seit fünf Jahren Gedanken darüber, wie man die Nacht wieder dunkel und still machen kann. „Denn Dunkelheit und Stille sind Grundbedürfnisse für Menschen und Tiere”, sagt Henk Willems. Und dabei sei Stille nicht mit Lärmschutz zu verwechseln.

Das Projekt im Gelderland ist ziemlich einzigartig. „Es gibt wohl nirgendwo auf der Welt eine Politik der Dunkelheit”, sagt Willems und weist auf die zahlreichen Maßnahmen, die man bereits umgesetzt habe. So wurden alte Straßenlaternen ausgetauscht, die ihr Licht nicht nur auf die Straße bündeln, sondern auch den Himmel bescheinen. Straßenlaternen wurden mit Dimmer und Zeitschaltuhr angeschafft. Es wurde geguckt, welche Lampen man gleich ganz abschalten kann, weil sie überflüssig sind. „Bei all dem darf natürlich die öffentliche Sicherheit nicht gefährdet werden.” Jedes Jahr nimmt in den Niederlanden die Lichtintensität um 5 bis 6 Prozent zu.

Als die Provinz Gelderland vor fünf Jahren mit dem Projekt begonnen hatte, gab es nur eine diffuse Vorstellung davon, was Dunkelheit eigentlich bedeutet. „Niemand wusste, wie dunkel eigentlich eine Idealnacht sein soll. Schließlich scheint der Mond ja auch”, sagt Henk Willems. Mit aufwändigen Messungen ließ die Provinz erstmals weltweit eine Dunkelkarte erstellen, mit der „Himmelhelligkeit” als Messindikator, ausgedrückt in „Millcandela pro Quadratmeter”.„Wir haben in der ganzen Veluwe gemessen, wie viel Licht aus der Atmosphäre auf die Erde dringt. Richtig dunkel wird es nie”, sagt Willems. Aber ein Wert von 0,2 Millicandela pro Quadratmeter entspreche einer idealen Nacht. In Städten habe man 2 Millicandela gemessen und auf der Veluwe einen Wert von 0,4 bis 0,5.

Der Einfluss des Lichtes auf die Tierwelt sei ganz unterschiedlich. „Es gibt Tiere, die fühlen sich vom Licht angezogen und andere entfernen sich. Wichtig ist, dass die Lichter unseren Nacht- und Tagesrhythmus durcheinander bringen und dies auch gesundheitliche Folgen haben kann”, sagt Willems. So sei die Brustkrebsrate bei Frauen die Nachts arbeiten deutlich höher, als normal.

Als Konsequenz aus der Dunkelkarte wies die Provinz Gelderland mehrere Ruhe- und Dunkelzonen an. „Hier müssen die natürlichen Geräusche überwiegen und hier darf es auch nicht mehr heller werden als zum Ausgangspunkt”, erklärt Willems.

Einmal im Jahr organisieren die niederländischen Umweltverbände die „Nacht der Nächte”. Informationen im Netz: www.nachtvandenacht.nl; www.platformlichthinder.nl


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009