XII. Leben am Fluss

Landschaftsfotograf Ruben Smit aus Wageningen zeigt die wunderbare Welt entlang von Waal, Maas und Ijssel.

WAGENINGEN. Im ersten Moment dachte Ruben Smit nur an seine Kamera: „Verdammt, die ist jetzt nass.” Mit voller Ausrüstung stand er bei Hochwasser in den Wiesen der Waal und war in eine Wasserrinne getreten. Er sackte weg, verlor das Gleichgewicht, fiel in den Fluss, seine luftgefüllten Gummistiefel trieben nach oben, die Strömung packte den bulligen Fotografen und zog ihn vollends unter Wasser. Wäre da nicht der Grasbüschel gewesen, an dem sich Ruben Smit im letzten Moment festhalten konnte, „ich wäre ertrunken.” Zu Hause machte er sich klar, wie gefährlich die ganze Situation wirklich war und dass er um Haaresbreite von der Waal verschluckt worden wäre.

Ein Ereignis, das den 36-Jährigen nachhaltig geprägt hat. Fünf Jahre lang hat sich der Fotograf aus Wageningen mit dem Ökosystem Fluss auseinander gesetzt und in atemberaubenden Bildern die Landschaft an Rhein, Maas und IJssel festgehalten. „Diese Situation hat mich Demut vor den Kräften des Wassers gelehrt. Ich werde nie wieder bei Hochwasser fotografieren”, sagt Smit. Und dabei könne man gerade dann die schönsten Aufnahmen machen: wenn die Vögel unruhig sind, die Kleintiere flüchten und die Unterwasserwelt aufgewühlt wird. Aber Ruben Smit hat gelernt, in machen Situationen Abstriche zu machen: „Es ist einfach zu gefährlich.”

Das fällt dem Fotografen, Ökologen und Publizisten sichtlich schwer. Wer seine Bildbände „Rijzende Revier” und „Verborgen Veluwe” anschaut, merkt schnell, dass der Fotograf bei seinen Projekten an Leistungsgrenzen geht, sich nie vorschnell mit einem Motiv zufrieden gibt, selbstkritisch seine Aufnahmen selektiert, so lange, bis er Bild und Text im Einklang gebracht hat. Seinen Stundenlohn rechnet er besser nicht aus. Denn als Landschafts- und Tierfotograf muss er vor allem eines beherrschen: Geduld. Einfach ins Feld gehen und schöne Bilder machen genügt nicht. Smit möchte Fotos zeigen, die perfekt sind und vor allem in einem Gesamtzusammenhang stehen. „Ich möchte ein Übersetzer der Wissenschaft sein und in meinen Büchern auch Inhalte transportieren.”

Das gelingt ihm in seinem Fotoband „Rijzende Revier” sehr eindrucksvoll. Smit schildert, wie sich die Flusslandschaft in den Niederlanden in den vergangenen Jahren verändert hat. Wie Rhein, Maas und IJssel die Region geprägt haben und wie in jüngster Zeit versucht wird, dem Wasser wieder mehr Raum zu geben. Smit, der an der Universität Wageningen sechs Jahre als Ökologiedozent gelehrt hat, erlebte diese Veränderungen hautnah. Viereinhalb Jahre hat er jeden Woche zwei bis drei Tage ausschließlich im Feld fotografiert – 3500 Stunden lang. „In unserer Region hat aus ökologischer Sicht eine Revolution stattgefunden. Heute gibt es hier wieder Vögel und Pflanzen, die vor 15 Jahren noch undenkbar waren. Der Löffel- oder Silberreiher etwa oder die vielen Wildgänse.”

Eine verborgene Revolution, die man dank des geschulten Auges von Smit leichter erkennen kann: „Eine Flusslandschaft zu fotografieren ist ziemlich schwer. Die Größenverhältnisse und Strukturen lassen sich mit der Kamera eigentlich nur aus der Luft dokumentieren”, erzählt Smit. Mehrmals ist er mit einem Flugzeug über den Niederrhein bis hin zur Scheldemündung geflogen. In Zeeland sind dabei Flussaufnahmen entstanden, die unwirklich erscheinen. „Aber diese Landschaft mit ihren reichverzweigten Flussarmen gibt es wirklich”, versichert Smit, der tausende Bilder davon gemacht hat, die dem Urzustand der niederrheinischen Flusslandschaft so nahe kommen.

Wie wertvoll seine Bilder sind, kann man sich dann vorstellen, wenn er von deren Entstehung erzählt. So hat Smit Tage damit zugebracht, die Biber in der Millinger Waard abzulichten. „Biber kann man eigentlich nur im Juni fotografieren, weil sie nur abends aus ihrem Bau kommen und man nur im Sommer noch genügend Licht hat. Damit die Tiere sich an mich gewöhnen, habe ich einige Tage meine Jacke vor dem Bau ausgelegt und immer wieder lange gewartet.” Die Ergebnisse sind umwerfend.

Überhaupt ist die Vorbereitung das A und O. Für die vielen Unterwasseraufnahmen hat Smit lange nach den geeigneten Stellen im Rhein suchen müssen. Denn er benutzt kein Kunstlicht, und seichte Stellen mit klarem Wasser sind selten. Wer lange wartet, der wird mit einem Aal oder einem Hecht belohnt, der vor die Linse schwimmt. Kritiker werfen Smit vor, dass er die Flusslandschaften zu idealistisch, zu schön darstelle und damit die Wirklichkeit verfremde. „Ja, da ist vielleicht etwas dran. Aber ich bin ein Optimist und ich kann nun mal nicht anders, als das Schöne in der Natur zu sehen.”

Information

Smit, Ruben: Rijzende Revier, Uitgeverij Tirion, 37,95 Euro, ISBN: 9789052107172. Ebenfalls bei Tirion erschienen: Verborgen Veluwe, 33 Euro.

www.rubensmit.nl


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009