II. Vorab – eine kleine Landeskunde


Echte Natur, ursprüngliche Landschaft – die gibt es in den Niederlanden kaum noch. „Alles, was uns umgibt, wurde von Menschenhand geschaffen: die Polder, die Seen, die Wälder. Dies alles wurde irgendwann einmal von unseren Vorfahren gemacht.“ Trotzdem, so schreiben Harry Bunk und Laurens Keff in ihrem aktuellen Naturführer von Staatsbosbeheer, muss diese Natur nicht minderwertig sein. „Die Niederlande sind zwar klein, aber die Zahl ihrer Landschaftstypen ist groß. Sicherlich gibt es hier keine Naturgebiete, in denen man stundenlang spazieren kann, ohne Spuren der Zivilisation zu entdecken. Aber das ist ja auch das Spannende: Jede Provinz, jede Gegend hat einen spezifischen Charakter.“

In der Tat zeichnen sich die Niederlande durch eine große Variation in ihrer Landschaft aus. Im niedrig gelegenen Westen und Norden der Niederlande wurde das Land Polder für Polder dem Meer abgetrotzt. Dementsprechend ist hier der Boden beschaffen: ein lehmiger, feuchter Grund, angespült von den großen Flüssen Rhein, Maas und Schelde. Auch der Veenmorast war einst typisch für diese Regionen, er wurde allerdings im Mittelalter großflächig abgegraben.

Ganz anders ist die Landschaft im Osten und Süden der Niederlande. Hier besteht der Boden hauptsächlich aus Sand, der in den Eiszeiten verschoben und aufgeworfen wurde. Die Niederlande wurden mindestens zwei Mal durch Landeis bedeckt - zum letzten Mal vor gut 150.000 Jahren. Eine 500 bis 1000 Meter dicke Eisschicht bedeckte das Land und schob die Landmassen vor sich her. Gut zu erkennen sind die Erdaufschüttungen in der Rheinebene bei Emmerich-Elten und Nimwegen. Auch die Hoge Veluwe und der „Utrechtse Heuvelrug“ sind so entstanden.

Wind, Wasser und Eis haben also 300.000 Jahre lang die Niederlande geformt. Die ersten Menschen siedelten hier vor gut 25.000 Jahren. Es war eine feuchte, kalte Gegend, die Jäger und Fischer lebten von der Natur. Ihr Einfluss auf die Landschaft war sehr gering. Mit den Siedlungen der Römer begann eine neue Zeitrechnung. Um 12 vor Christus legten römische Legionäre die ersten Straßen und  Wege an. Sie bauten Häuser und Städte wie Maastricht, Nimwegen und Utrecht. Die ersten Schritte der Landschaftsgestaltung wurden unternommen: Flüsse wurden umgeleitet, Weinberge angelegt und Wälder gerodet.

Im Mittelalter nahm die Bevölkerung dann deutlich zu und damit auch der Einfluss auf die Landschaft. Meere wurden trocken gelegt, Deiche gebaut und Wälder gerodet. Ein Netzwerk von Städten und Straßen entstand und der Handel weitete sich aus. Binnen weniger Jahrhunderte wurde die Landschaft massiv durch Menschenhand verändert – und die Natur geplündert. Was übrig blieb, waren Restgebiete von Heidelandschaften, Sandaufschüttungen und Morast. Sprich Flächen, mit denen der Mensch nicht viel anfangen konnte. „Und das war ihr Glück“, schreibt Michiel Roscam Abbing in seinem Buch „De Nationale Parken van Nederland“. Denn fast alle niederländischen Nationalparks konnten sich entwickeln, weil die Böden für den Menschen uninteressant waren.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009