IX. Jung und wild

In den Oostvaardersplassen sind Rinder, Rehe und Pferde auf sich allein gestellt.

LELYSTAD. Mit ihren gewaltigen Hörnern sehen sie ziemlich unheimlich aus. 20, vielleicht 30 Heckrinder stehen dicht an unserem Auto und gucken aufmerksam. Was haben sie vor? Sind sie schlecht gelaunt? Wollen sie uns angreifen? „Nee, nee, die tun nichts”, sagt Peter Boelens, und klingt dabei nicht gerade beruhigend, eher so wie der Besitzer eines kläffenden Köters.

Peter Boelens kennt die bulligen Tiere, die an spanische Osborne-Stiere erinnern und in der Ebene von Holland schon von weitem zu sehen sind, wie kein zweiter. Fast jeden Tag besucht der Rancher die wild lebenden Rinder in ihrem Reservat der „Oostvaardersplassen”, eines der größten Naturschutzgebiete in den Niederlanden. Gut 500 dieser großen Graser leben hier auf 6500 Hektar in freier Wildbahn.

Gefährlich scheinen sie wirklich nicht zu sein. Die Rinder senken gelangweilt ihre Köpfe und setzen sich träge in Bewegung. Peter Boelens in seinem Landrover schaut fasziniert zu: „Das sind tolle Tiere. Sie passen sich ganz natürlich dieser Umgebung an, sie halten die Landschaft offen und sorgen für ein natürliches Gleichgewicht.” Die Rinder leben in dem Reservat auf dem Flevopolder im Ijsselmeer in völliger Abgeschiedenheit. Kein Mensch darf hier rein, nur mit einer Führung ist es erlaubt, das Reservat zu betreten. Die Oostvaardersplassen sind so etwas wie das Aushängeschild des niederländischen Naturschutzes: „Innerhalb von dreißig Jahren hat sich hier aus einem ehemaligen Standort für die Ölindustrie ein einzigartiges Naturschutzgebiet entwickelt, das jährlich 20 000 Wildgänsen, selten gewordenen Vogelarten wie der Rohrdommel oder dem Seeadler, Platz bietet”, erzählt Boelens, der für die halbstaatliche Umweltorganisation Staatsbosbeheer das Areal betreut. „Wir versuchen, hier so wenig wie möglich einzugreifen. Alle Tiere müssen mit dem Nahrungsangebot auskommen”, sagt Boelens. Zugefüttert wird nicht und das kann im Winter einige Stiere das Leben kosten. „Im letzten Jahr sind einige Rinder gestorben. Da hatten wir eine große Diskussion, ob man die Tiere umkommen lassen darf. Aber so ist es nun mal in der Natur, da wird auch gestorben”, sagt Boelens.

Information

Der Name Oostvaardersplassen leitet sich von der Fahrrinne im Ijsselmeer ab. Im 17. Jahrhundert konnten die Ost-Indienfahrer der niederländischen VOC nicht über das Markermeer fahren, sondern mussten einen Umweg über Lelystad nehmen. Die Fahrrinne wurde dann im Volksmund „Oostvaardersdiep” genannt. Aufgrund der vielen Seen wurde das Naturschutzgebiet in „Oostvaardersplassen” umbenannt.


Die Oostvaardersplassen sind ein riesiges Experimentierfeld. 1968 wurde der Polder, der viereinhalb Meter unter dem Meeresspiegel liegt, trokken gelegt. Ursprünglich sollten in diesem Niemandsland die Raffinerien und Schlote von Shell, DSM und Hoogovens stehen. Aber nach der Ölkrise 1972 verschwanden diese Pläne schnell in der Schublade und zum Vorschein kamen Weideland, Rietfelder, kleine Seen und Moore. Es ist eine raue Landschaft geblieben, arm an Arten und geprägt vom salzigen Meeresboden, der nur wenig Vegetation zulässt. Trotzdem sind die Oostvaardersplassen das größte Rietmoor Mitteleuropas. Die Heckrinder kommen damit wunderbar klar und auch die Koniks, eine Wildpferdrasse, und 2000 Rehe kommen mit den Lebensverhältnissen gut zurecht. „Das Nahrungsangebot bestimmt die Anzahl der Tiere”, sagt Boelens.

Peu á peu wollen die niederländischen Naturschützer das Reservat ausbauen und mit anderen Naturschutzgebieten verbinden. Noch in diesem Jahr beginnt Staatsbosheer damit, die Oostvaardersplassen mit dem Horsterwold bei Harderwijk zu verbinden. Nach schwierigen Verhandlungen hat es die Organisation geschafft, die für den Naturkorridor benötigten 500 Hektar den Landwirten abzukaufen. Was heute noch Weide- und Ackerland ist, wird in ein paar Jahren zu einer offenen Seenlandschaft. „Durch die Verbindungszone erweitern wir die Oostvaardersplassen auf fast 15 000 Hektar”, erzählt Boelens. Eines der größten Naturschutzgebiete Europas wäre geschaffen.

Aber die Überlegungen gehen noch weiter. „Vom Horsterwold wäre es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Hoge Veluwe und dann könnte es einen großen Austausch von Tieren geben.” Längst hat Staatsbosbeheer damit begonnen, auch hierfür die Flächen anzukaufen. Auch der Klever Reichswald und das Montferland bei ’s-Heerenberg sollen Teil dieser Naturlandschaft werden.


Das Besucherzentrum des Naturschutzgebietes Oostervaardersplassen befindet sich auf dem Kitsweg 1 in Lelystad. Führungen und Informationen: www.staatsbosbeheer.nl; Telefon: 0031/3 20 25 45 85.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009