I. Einführung

Darf man dem Wolf in den dichtbesiedelten Niederlanden eine Chance geben? Über diese Frage wird unter Naturschützern leidenschaftlich diskutiert. Der Wolf - Symbol für die unzähmbare Natur - aber auch ein Symbol dafür, dass es mit der Natur zum Guten bestellt ist. Denn Wölfe sind scheue Tiere, sie halten sich nur dort auf, wo sie in Ruhe leben können, und sie benötigen sehr viel Platz. Die Diskussion um die Einführung des Wolfes wirft die Frage auf, wie weit man mit dem Naturschutz in den Niederlanden gehen darf. Ist es möglich, in dem am dichtesten besiedelten Land der Erde „gefährliche Tiere“ zuzulassen?
Vielleicht eine hypothetische Frage. Denn es wird vermutlich noch Jahrzehnte dauern, bis man den Wolf in den Niederlanden antreffen kann – wenn er sich denn überhaupt hier ansiedeln lässt. Die Niederlande sind ein großer Stadtstaat. Die gesamte Infrastruktur des Landes ist auf die Versorgung der Städte ausgelegt. Hier gibt es das dichteste Autobahnnetz der Welt und hier leben 17 Millionen Menschen auf engem Raum. Dementsprechend ist der Druck auf die Natur sehr hoch. Wer in der Stadt wohnt, möchte am Wochenende nach draußen, in den Wald, an die See, in die Heide. Die Veluwe und das Wattenmeer gehören nicht nur zu den wertvollsten Naturschutzgebieten, sie sind auch die beliebtesten Urlaubsziele. Platz für einen Wolf scheint es hier nicht zu geben.

Eigentlich sind die Niederlande zu klein, um das Spannungsfeld zwischen Wohnen, Arbeiten, Naturschutz und Freizeit zu aller Zufriedenheit gestalten zu können. Jahrelang gingen Landwirtschaft und Infrastruktur zu Lasten der Natur. Die Städte und Gemeinden breiten sich nach wie vor aus und nehmen jährlich mehr Raum in Anspruch. In der Landwirtschaft scheint eine Wende eingetreten zu sein: Die Landbauflächen nehmen ab, die Naturschutzflächen nehmen zu.

Möglich wurde dies durch die Ecologische Hoofdstructuur (EHS). Seit vielen Jahren versucht die niederländische Regierung die bestehenden Naturschutzflächen zu stärken, indem sie miteinander verbunden werden. 28.000 Hektar neue Natur müssen angelegt werden, um  728.500 Hektar Naturschutzgebiet zu verbinden. Die konkrete Umsetzung des Projektes erfolgt in den kommenden zehn Jahren und ist der Dreh- und Angelpunkt der niederländischen Umweltschutzpolitik.

Die Niederländer sind lange Zeit schändlich mit ihrer Natur umgegangen. „Holland wird hässlich”, bilanzierte im November 2007 die Volkskrant-Redakteurin Yvonne Zonderop kess – und traf damit den Nerv der Nation.

Wer über niederländische Autobahnen fährt, der erlebt in der Tat selten ein abwechslungsreiches Landschaftsbild. Tristesse und Ödnis machen sich entlang der großen Verkehrsadern breit. Politiker und Medien reden von „verrommeling”: die Kulturlandschaft wird zugemüllt. Gewerbegebiete und Werbetafeln gewinnen in der Randstad die Oberhand und selbst dort, wo eigentlich Natur sein sollte, erlebt man häufig nicht mehr als eine künstlich-monoton geschaffene Landschaft. „Das hat wenig mit Natur zu tun”, schreibt Yvonne Zonderop. Die Soziologie-Professoren Jan Willem Duyvendak und Evelien Tonkens titeln sogar: „Ganz Holland hat Heimweh.” Rettet die Landschaft!

Die Umsetzung der EHS ist ein wichtiger Schritt dahin und schützt die Natur vor weiteren Einflüssen. Das Projekt genießt einen hohen Rückhalt in der Bevölkerung, schließlich sind 1,6 Millionen Niederländer Mitglied in einer Umweltorganisation und engagieren sich außerordentlich bei Vogelzählungen, Tierbeobachtung oder als Freiwillige.

Trotz alledem, ist der Aufbau neuer Natur sehr sensibel und  die Qualität der bestehenden Naturschutzgebiete oft verbesserungswürdig. Dass ein rechtlich gut aufgestellter Naturschutz immer noch mit starken Einschränkungen rechnen muss, zeigt das Beispiel von Jaap Dirkmaat. Als Vorsitzender der Vereinigung „Das en Boom“ (heute Vereniging Nederlands Cultuurlandschap) hat er sich jahrlang gegen den Ausbau der A73 bei Venlo eingesetzt. Die neue Straßenführung durchschneidet eine Ruhezone, den Nationalpark Maasduinen, den grenzüberschreitenden Maas-Schwalm-Nette-Park und europäische FFH-Schutzgebiete. Einen höheren Status kann der Naturschutz nicht bekommen. Und trotzdem hatte die Natur gegen den Ausbau der A73 das Nachsehen.

Wer Naturschutz betreibt, kämpft gegen eine starke Lobby aus Landwirtschaft, Industrie und Kommunen. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum die niederländische Naturschutzpolitik mittlerweile sehr restriktiv geworden ist.

Im Gegensatz zum deutschen Modell bevorzugen die Niederländer eine strikte Trennung von Naturschutz und Landwirtschaft. Wird ein Gebiet als schützenswert erachtet, dann gelten dort sehr strenge Vorgaben. Die Kehrseite: Auch die Landwirtschaft erhält ihre Produktionsgebiete zugewiesen, die wiederum sehr intensiv genutzt werden. Wer die Niederlande mit Hilfe von Google Earth betrachtet, erkennt das Schema: Wie grüne Oasen liegen die Naturschutzgebiete und Nationalparks inmitten der straff organisierten landwirtschaftlichen Flächen.

In den vergangenen 20 Jahren reifte die Einsicht, dass die Natur ohne die starke Hand des Staates nicht überleben kann. Durch die Anlage von 20 Nationalparks und 20 nationalen Landschaften wurde ein wichtiger Schritt zum Erhalt gemacht: „In den Nationalparks wurden viele Erfolge erzielt“, schreibt Michiel Roscam Abbing. „Viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten konnten gerettet werden. Die drohende Vertrocknung ganzer Landstriche wird mit allerlei Maßnahmen verhindert und auch die Qualität des Oberflächenwassers wurde stark verbessert“, schreibt Abbing.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009