III. Grundzüge niederländischer Naturschutzpolitik


Mehr Natur! Vitale Natur! Seit über zwanzig Jahren ist dies Kern der niederländischen Naturschutzpolitik, deren Ziel es ist, die stark bedrohte Naturlandschaft vor weiteren Einflüssen zu schützen: vor Autobahnen, Wohnvierteln oder Gewerbegebieten. Das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt (LNV) möchte bestehende Naturschutzgebiete durch Gesetzgebung schützen, sie unterhalten und neue Natur anlegen. Drei Instrumente stehen dabei im Mittelpunkt:

  •     Gebietsschutz

Der Schutz von bestehenden Naturschutzgebieten richtet sich vor allem auf die Ecologische Hoofdstructuur (EHS), das Wattenmeer, die Nationalparks und die nationalen Landschaften sowie die Natura 2000 Gebiete.

  •    Artenschutz

Das alleine reicht aber oft nicht. Pflanzen und Tiere müssen auch außerhalb der Naturschutzgebiete geschützt werden. Hier kommt das Flora- und Faunagesetz zum Tragen.

  •    Biodiversität

Die Zahl der Tier- und Pflanzenarten nimmt auch in den Niederlanden ab. Um den Artenreichtum zu stützen, arbeitet das Umweltministerium Sortenschutzpläne aus und entwickelt eine neue Artenschutzpolitik, mit einem stärkeren Bezug auf die Lebensräume von Pflanzen und Tieren.

In einem Brief vom 12. Oktober 2007 legt Umweltministerin Gerda Verburg dem niederländischen Parlament die wichtigsten Grundzüge ihrer Politik vor. Die Ausführung der Ecologisch Hoofdstructuur (EHS) steht im Mittelpunkt aller Bemühungen. Durch den Aufbau der EHS verbessere sich die Biodiversität und man baue in den Niederlanden eine robuste Natur auf. Das EHS-Gebiet beinhaltet unter anderem die Natura 2000 Gebiete und breite Verbindungskorridore, die ein Netzwerk der bestehenden Naturschutzgebiete ermöglichen sollen.

Gerda Verburg unterstreicht, dass sie die 728.500 Hektar große EHS bis zum Jahre 2018 angelegt haben möchte. „Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir noch 36.770 Hektar neue Natur ankaufen und 123.680 Hektar Naturflächen aufbauen. Auch der planologische Schutz und die spätere Gebietsverwaltung müssen noch geregelt werden“, schreibt Verburg in ihrem Brief.

Sie betont, dass sie verstärkt auch die Landwirte in das Konzept der EHS einbinden möchte. 97.685 Hektar der Flächen sollen in den agrarischen Naturschutz übergehen. Zirka 42.000 Hektar sollen von Privatpersonen verwaltet werden. „Die größte Herausforderung liegt in dem Aufbau der Qualität der angewiesenen Naturschutzflächen“, schreibt Verburg. „Die Naturqualität steht in unserem Land unter einem starken Druck, durch die sehr intensive Flächennutzung in unserer Gesellschaft, durch den Städtebau, die Infrastruktur und die Landwirtschaft. Der Schutz und die Verbesserung der Naturqualität erfordern einen adäquaten juristischen und räumlichen Schutz.“ Essenziell für die Verbesserung der Naturqualität sei eine Verbesserung der Wasser- und Umweltbedingungen in und um ein Naturschutzgebiet.

Innerhalb der EHS möchte das Landwirtschaftsministerium die wesentlichen Faktoren wie Bodenqualität, Wasserhaushalt und Landschaftsstruktur, schützen. Allerdings sollen die Spielregeln flexibel sein, so Verburg. Einen strengeren Schutz ermöglichen die Natura 2000 Flächen. Beide Naturschutzinstrumente ergänzen einander.

In einer ersten Zwischenbilanz der EHS-Politik kommt Verburg zur Erkenntnis, dass die Bereitschaft der Landwirte, an dem Projekt mitzuwirken, eingeschränkt ist. Auch die Qualität der Naturverbesserung lasse zu wünschen übrig. „Vor allem die Flächen für Weidevögel bleiben hinter den Erwartungen zurück“, schreibt Verburg. Als wichtigste Ursache gilt die noch fehlende Bereitschaft der Landwirte an den Naturschutzzielen mitzuwirken. Zum einen, weil sie dafür einen zu geringen finanziellen Ausgleich erhalten und zum anderen ist auch die Kontinuität der Bemühungen mangelhaft. Das Planbureau voor Leefomgeving (PBL) sieht wenig Aussichten auf Verbesserung. Mit der jetzigen Politik seien die Naturschutzziele nicht zu erreichen, höchstens zu 75 Prozent. Auch das Monitoring der bislang umgesetzten Naturschutzgebiete sei mangelhaft. Ministerin Verburg teilt diese Meinung.

Die Ministerin drängt in ihrem Parlamentsbrief darauf, dass gemeinsam mit den Provinzen und den Umweltorganisationen verstärkt auf die Qualität der Naturschutzgebiete geachtet wird. Anhand von 20 ausgewiesenen Naturlandschaften soll ein Referenzsystem entwickelt werden, mit dem Naturtypen in hochwertig, mittelmäßig und niedrig eingeteilt werden. „Unser Ziel muss es sein, so dicht wie möglich an den Vorgaben der Natura 2000-Gebiete zu bleiben.“

Seit dem 1. Januar 2007 liegt die Kontrolle der Naturschutzgebiete bei den Provinzverwaltungen. Sie sollen die genannten Probleme mit der Landwirtschaft (geringe Effizienz, keine Kontinuität im Naturschutz, die Forderung nach eindeutigeren Vorgaben, Ausgleichszahlungen) lösen. Dies gelte vor allem für die Problematik der Brutvögel.

Der Erfolg der aktuellen Naturschutzpolitik steht und fällt mit dem Klimawandel. Ein sich veränderndes Klima hat enorme Auswirkungen auf Wachstumszyklen und Artenreichtum. Gerda Verburg stellt die Frage, welchen Tier- und Pflanzenarten man dauerhaft eine Zukunft bieten kann. Welche neuen Arten (Neozoen) stellen eine Bedrohung für die einheimischen Tiere und Pflanzen dar? Denn eine rasche Veränderung der Sorten ist im gesamten Land zu erkennen. Gerda Verburg möchte, dass die Natur in den Niederlanden „robuster“ wird, dynamischer und sich mehr an natürlichen Prozessen orientiert. „Unser Streben nach größeren Natureinheiten und die Schaffung robuster Naturverbindungszonen stellt sich diesen Herausforderungen.“

Die Niederlande geben jährlich eine Milliarde Euro für den Naturschutz aus, dass sind zirka zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Geld wird vor allem für den Kauf von neuen Naturschutzflächen im Rahmen der EHS und zum Erhalt bestehender Gebiete verwendet.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009