XVIII. Jetzt knallt’s

Die Zahl der Wildgänse steigt in den Niederlanden. Jetzt werden sie als Plage wahrgenommen. Die Tiere sind zum Abschuss  freigegeben.

DEN HAAG. Naturschutz stößt in den dichtbesiedelten Niederlanden immer wieder schnell an seine Grenzen. Ein gutes Beispiel, welche die unterschiedlichen und gegensätzlichen Interessen der Landnutzung verdeutlicht, ist der Gänseschutz. In den vergangenen Jahren war der Anstieg der arktischen Wildgänse in den Niederlanden sehr erfolgreich. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Bestand der Grau-, Bläss-, Saat- und Weißwangengänse von einer auf gut zweieinhalb Millionen Tiere weit mehr als verdoppelt. Eigentlich eine sehr positive Entwicklung aus Sicht des Naturschutzes – aber trotzdem gibt es Konflikte.

Auf einer Fachkonferenz zum Thema Wildgänse im November 2008 sahen sowohl Vertreter der Landwirtschaft als auch Naturschutzorganisationen die starken Zuwächse der Wildgänse als problematisch an. Die Tiere richten Schäden auf den Ackerflächen an, aber auch in den neuen Naturschutzgebieten fressen sie frisch angepflanzte Gräser. Das niederländische Landwirtschaftsministerium hat den Abschuss auf nicht geschützten Flächen freigegeben. Im Winter 2007 wurden 60 000 Tiere getötet. Zum Vergleich: Am Niederrhein überwintern jährlich 135.000 Blässgänse.

Das große Knallen hat begonnen. Vor allem in der Provinz Friesland legen die Landwirte und Jäger ihre Gewehre an, um die vielen Wildgänse von ihren Feldern zu vertreiben. Sie sehen die Tiere nur als Plage: Denn für die beschädigten Äcker und Wiesen bekommen sie nur teilweise einen Ausgleich gezahlt. Die Schäden, die durch Wildgänse verursacht wurden, beliefen sich 2004 auf über drei Millionen Euro. In den Niederlanden wurden 80 000 Hektar als Wildgans-Flächen ausgewiesen. Nur auf diesen Ländereien sind die Tiere geschützt und die Landwirte erhalten einen Schadensersatz.

Das reicht aber bei Weitem nicht aus. Hans Peeters von der Organisation Vogelbescherming Nederland schätzt, dass 210 000 Hektar nötig wären. Den Abschuss der Tiere hält er für eine schlechte Lösung: „Die Niederlande sind das wichtigste Überwinterungsgebiet für Wildgänse. Wir haben eine europäische Verpflichtung, diese Tiere zu schützen.” Er ärgert sich darüber, dass Landwirte und Jäger aus der Abschussgenehmigung eine „Massenschießerei” veranstalten. In der Provinz Friesland sei man schnell mit der Waffe zur Hand. Hier gibt es auch mit 900 000 Euro die größten Schäden. „Das Schießen bringt wenig. Die Vögel sind gestresst, fliegen wild herum – und fressen noch mehr”, sagt Peeters.

Neben den kritischen Stimmen aus der Landwirtschaft, gibt es auch unter denNaturschutzorganisationen zunehmende Klagen. „Die Tiere fressen nicht nur viel, sie scheiden auch wieder viel aus und überdüngen Böden und Gewässer”, sagt Joke Bijl von Staatsbosbeheer. Zudem werden neu gepflanzte Grassorten mit Vorliebe von den Vögeln gefressen. Gänse, die auch im Sommer hier verweilen, würden viele Brutvögel vertreiben.

Das niederländische Umweltministerium weiß noch keinen rechten Rat, wie man mit dem Gänseproblem umgehen soll. Einerseits schützt das Flora- und Faunawet die Tiere, andererseits sind es mittlerweile zu viele.

Die größten Probleme hat man mit den Gänsen, die dauerhaft in den Niederlanden verweilen. Zurzeit gibt es 40.000 Brutpaare von 13 unterschiedlichen Gänsearten. Die Graugans ist der mit Abstand am stärksten vertretene Vogel. Auch die Weißwangengans und die Kanadische Gans trifft man häufig an. „Die Graugans ist ursprünglich ein einheimischer Vogel, der seit 1961 wieder in den Niederlanden brütet. Es ist ein Erfolg der niederländischen Umweltschutzpolitik, dass dieser Vogel auch wieder im Sommer hier brütet“, schreibt das Umweltministerium. Das Hauptziel sei es, die Schäden, welche die Tiere verursachen, zu begrenzen und nicht die Tiere abzuschießen. So könnten Gänse verjagt werden durch Flaggen, Vogelscheuchen oder Gaskanonen. „Es muss allerdings eine Alternative geben, wo die Gänse äsen können“, so das Ministerium. Und gesteht ein: „Gänse gewöhnen sich relativ schnell an diese Maßnahmen. Daher wird das Verjagen oftmals mit einem Abschuss einhergehen müssen.“


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009