XVII. Neue Flüsse baut das Land

Steigende Pegelstände bedrohen die Niederlande. Künstlich angelegte Wasserläufe sollen die Gefahr bannen.

Als Holländer kann man da nervös werden. Cees Veerman blickt nüchtern auf seine Zahlen und kommt in einem Interview mit der Volkskrant zu einer verheerenden Vorhersage: „Die Entwicklung stimmt nachdenklich. Wir erwarten, dass der Meeresspiegel in den nächsten 100 Jahren um einen ganzen Meter steigen wird. Der Boden wird sich zudem um 15 Zentimeter absenken. Und wenn man dann noch stärkere Stürme zu Grunde legt, dann müssen wir davon ausgehen, dass das Wasser bald anderthalb Meter höher steht als heute.”

Cees Veerman ist kein Panikmacher. Der ehemalige niederländische Landwirtschaftsminister arbeitet an der Universität von Wageningen und ist Vorsitzender der Deltakommission, die sich mit den Folgen des Klimawandels in den Niederlanden beschäftigt. Seit der Vorstellung des UN-Berichtes vor einem Jahr herrscht bei unseren Nachbarn Verunsicherung. Das Meer wird zu Existenzbedrohung. Und auch die Flüsse und Binnenmeere lassen den Niederländern keine Ruh: „Die Gefahr einer Überflutung wird größer”, so Veerman.

Die Niederlande bereiten sich auf den Klimawandel vor. Für kein anderes europäisches Land ist die Erderwärmung so lebensbedrohlich. Täglich werden die zwölf Provinzen durch ein ausgeklügeltes System von Deichen, Drainagen und Pumpen trocken gehalten. Aber die Technik stößt an Grenzen: Wie hoch kann man Deiche bauen, damit sie Sicherheit bieten? Als eine der wichtigsten niederländischen Staatsorganisationen gilt Rijkswaterstaat. Eine Behörde, die tagtäglich über den Wasserhaushalt wacht und mit enormen Summen Deiche unterhält, Kanäle gräbt, Straßen baut und auf die Qualität des Wassers achtet. Zusammen mit den Waterschappen, den Selbstverwaltungsorganisationen in der Region, ist Rijkswaterstaat für das Wassernetz verantwortlich.

Bert van Andel ist Mitarbeiter des Waterdienst und für 97 Bauprojekte im ganzen Land verantwortlich. Mit einem Etat von 2,7 Milliarden Euro werden Deiche entlang von Waal, Rijn, Maas und Ijssel zurückverlegt, damit die Flüsse sich bei Hochwasser stärker ausdehnen können. Das Programm „Ruimte voor de Rivier” ist im Nachbarland allerdings umstritten:  „In der Theorie hört sich das alles ganz einfach an. Aber in der Praxis stößt man auf zig Einzelinteressen, die gegen eine Deichverlegung sind”, sagt Bert van Andel.

Dabei waren sich 1995, beim letzten großen Hochwasser, noch alle einig: „Damals stand das Wasser bis an die Deichkrone. Jeder hatte gesagt, wir müssen den Flüssen mehr Raum geben.” Doch jetzt scheint sich die Einschränkung durchzusetzen: Aber bitte nicht vor meiner Haustür. „Denn alle wollen gerne am Wasser wohnen. Dabei müssten gerade die natürlichen Überflutungsgebiete von Flüssen unbebaut bleiben”, sagt van Andels Kollege Hendrik Buiteveld. Das Gegenteil sei aber der Fall. Sogar Krankenhäuser sind noch in potentiellen Überflutungsgebieten zu finden.

Bert van Andel und Hendrik Buiteveld rechnen mit erheblichen Auswirkungen des Klimawandels. Mit dem Programm Ruimte voor de Rivier soll bis zum Jahr 2015 eine Wasserabfuhr von 16.000 Kubikmeter pro Sekunde am Pegel Lobith erreicht werden. „Aber um das zu schaffen, müssen wir uns noch gewaltig anstrengen”, sagt van Andel. „Ob wir das Ziel bis 2015 wirklich erreichen, wird noch sehr spannend.” Mit den jetzigen Ausführungen lassen sich Extremhochwässer um 30 Zentimeter senken. Die Vorgabe der Internationalen Rheinkommission lautet aber 70 Zentimeter.

Als Folge des Klimawandels rechnet man schon heute mit noch größeren Abflussmengen. Von 18.000 Kubikmeter pro Sekunde ist die Rede. Wie man diesen Wassermassen begegnen soll, ist noch unklar. Das Innovatienetwerk, eine Forschungseinrichtung der Universität Wageningen, hat den Bau von neuen Flüssen entlang der großen Ströme Waal, Maas und Ijssel vorgeschlagen. Bei Hochwasser könnten auch diese Nebenrinnen Wasser aufnehmen. Vor ein paar Jahren wurde auch über Notflutpolder diskutiert – Polderringe, die man im Notfall fluten könnte, um größere Katastrophen zu verhindern. Der Plan verschwand aufgrund heftiger Bürgerproteste wieder in der Schublade.

Die größten Probleme erwarten van Andel und Buiteveld in den Küstenregionen. Denn es steigt nicht nur der Seespiegel, sondern es sinken auch die Landmassen. Die Wasserabfuhr der Flüsse in die See wird sich erschweren, Pumpwerke müssen zum Einsatz kommen. Auch Seedeiche müssen erneuert werden. Aktuell wird über die Ausbesserung des 30 Kilometer langen Abschlussdeiches zwischen Den Oever und Zurich diskutiert, was 750 Millionen Euro kosten würde.

Den HaagVon Inselgruppen vor der Nordseeküste, bis hin zu 300 Meter breiten Deichen, die sich kontrolliert überfluten lassen. Die Niederländer fühlen sich trotz allem sicher und haben Vertrauen in die Arbeit von Rijkswaterstaat. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in den Niederlanden keine ehrenamtlichen Deichgräfen, die Hochwasserschutz quasi als Hobby ausführen. „Hochwasserschutz muss professionell betrieben werden. Dafür ist er für uns zu wichtig”, sagt van Andel.

Welche Strategie die richtige ist, darüber lässt sich diskutieren. Hans Hillebrand ist Wissenschaftler aus Den Haag und wartet mit ziemlich kühnen Ideen auf: „Baut neue Flüsse“ lautet sein Credo im Kampf gegen das Hochwasser und für mehr Lebensqualität. Neue Kanäle entlang von Rhein, Maas, Waal und Ijssel können bei extremen Hochwassern für Entlastung sorgen und ein Vorteil für den Naturschutz sein.

In Zusammenarbeit mit Architekten und Ingenieurbüros hat sich Hans Hillebrand daran gemacht für die Regionen Arnheim, Ooijen-Wanssum, Zutphen und Wapenveld die Einführung von neuen Flüssen zu untersuchen. Sein Urteil: „Sie erhöhen die Lebensqualität und zugleich die Sicherheit in den Hochwasserschutzgebieten.” Denn: „Im ganzen Land gibt es ausgediente Flussarme, die man schnell reaktivieren könnte, zum Beispiel in dem man sie ausbaggert.” Bei extremen Hochwassern dienen diese dann als Abflussentschärfung: „Letztlich machen wir uns daran, ein neues Flusssystem zu entwickeln”, sagt Hillebrand.

Ein schwieriges Unterfangen. Denn neben den Konflikten mit Wohnbebauung und Industriegebieten, kostet die Neuanlage von Flüssen auch eine ganze Menge Geld. Allein für die Region Arnheim müssten 68 Millionen Euro ausgegeben werden, um kleine Parallelflüsse zum Rijn anzulegen. Hillebrand entgegnet: „Es kostet zwar eine Menge, aber man verdient damit auch viel Geld. Etwa durch Auskiesung und Tongewinnung.”

So abwegig scheinen die Ideen nicht zu sein. Denn auch das Milieu- en Natuurplanbureau (NMP) hat sich jüngst für die Reaktivierung alter Flussarme ausgesprochen. Im April 2008 schlug das NMP vor, die Ijssel als Abflussentschärfung für den Rhein zu nutzen.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009