XIX. Invasion der Exoten

Wissenschaftler der Universität Nimwegen findet immer mehr asiatische Insekten, Krebse und Muscheln im Rhein.

NIMWEGEN. „Wenn wir nichts tun, haben wir bald ein richtiges Problem.” Professor Gerard van der Velde macht sich Sorgen über den Zustand des Rheins. Der Wissenschaftler der Universität Nimwegen beobachtet seit Jahren eine starke Zunahme von exotischen Tier- und Pflanzenarten. Arten, die hier eigentlich gar nicht hingehören, sich aber im Rhein dennoch unverschämt heimisch fühlen. Sie heißen Tigermücke, Zebramuschel, Flohkrebs und Qugga Muschel. Seit langem sind sie bekannt, aber langsam werden sie zu einer Plage.

Gerard van der Velde kämpft gegen die Tierplage. Der Wissenschaftler des Institute for Wetland and Water Research schätzt, dass es über 200 Süßwasserexoten in den Niederlanden gibt. Der wirtschaftliche Schaden den sie anrichten, belaufe sich auf 1,6 Milliarden Euro, so van der Velde, der sich auf Zahlen des Centraal Bureau voor de Statistiek beruft. Die Exoten, die vor allem den Niederrhein bevölkern und über den Rotterdamer Hafen ins Land geschleust werden, richten in der Natur allerlei Schäden an: „Krabben und Ratten beschädigen Deiche, Zebramuscheln verstopfen Kühlwasserleitungen von Kraftwerken und neue Mückenarten sind eine Gefährdung für unsere Gesundheit”, sagt van der Velde. „Die Energiekonzerne betreiben aufwändige Reinigungen ihrer Kühlleitungen mit Chlor. Und das ist nicht sehr umweltfreundlich.”

Mittlerweile hat auch das niederländische Umweltministerium die Gefahr erkannt. 2009 wird für fünf Millionen Euro in Wageningen ein Meldezentrum für Exoten eingerichtet. „Wenn neue Tiere signalisiert werden, dann können sie sofort beobachtet und gegebenenfalls vernichtet werden”, sagt van der Velde, der diesem Team künftig als wissenschaftlicher Berater zur Seite stehen wird.

Bislang werden die Exoten kaum bekämpft. Ausnahme: Die Bisamratte. Jährlich gibt der niederländische Staat 35 Millionen Euro aus, um die Tiere zu töten. Mit Erfolg: Gab es vor einigen Jahren noch 400000 Bisamratten, sind es heute nur 3 000.

Das Hauptproblem bilden heute die großen Überseeschiffe. Sie schleusen im Rotterdamer Hafen die Exoten ins Land. „Die Schiffe nehmen in Hongkong oder sonst wo in Asien große Mengen Ballastwasser auf, welches sie dann im Rotterdamer Hafen löschen. Darin befinden sich Unmengen von Krebsen und Insekten”, sagt van der Velde.

Die Exoten, die erstmals schon 1975 entdeckt worden sind, verdrängen nicht nur einheimische Arten und bringen das biologische Gleichgewicht durcheinander, sie übertragen auch Krankheiten. Jüngstes Beispiel: Die asiatische Tigermücke. Eine tropische Stechmücke, welche durch den Import von Bambus aus China in die Niederlande gekommen ist: „Die Mücke überträgt gefährliche Erreger”, sagt van der Velde. Etwa das West-Nil-Virus, das Gelbfiebervirus oder die Erreger des Denguefiebers. Die Viren lösen Fieber aus, mitunter auch Hirnhautentzündungen. „In den USA sind schon 38 Menschen hieran gestorben”, sagt van der Velde.

Dass man den Kampf gegen die Exoten gewinnen kann, glaubt auch der Wissenschaftler aus Nimwegen nicht. Aber man könne den Zustrom steuern. „Zum Beispiel indem die Seeschiffe ihr Ballastwasser schon vor der Küste ablassen und nicht erst im Hafen”. Bei manchen Tierchen, wie etwa der Zebramuschel oder dem Flohkrebs, sei es schon fast zu spät. „Sie bevölkern in Scharen den Rhein”. Und das hat Folgen: Die Tiere fressen in unnachahmlicher Manier alles kahl, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Artenvielfalt im Rhein habe deutlich abgenommen, so van der Velde.

Er ist nur drei Zentimeter groß, aber trotzdem gilt der Flohkrebs in Fachkreisen als „Killerkrebs“. Denn das kleine Tierchen aus dem Kaspischen Meer frisst sich im Rhein durch und vernichtet so ziemlich alles, was ihm zwischen die Zähne kommt: Algen, kleine Fische, Insekten, Frosch- und Fischlaich. „Dieser Krebs bedroht die Artenvielfalt des Rheins”, sagt Biologin Mariëlle van Riel. Die Wissenschaftlerin der Radboud Universität Nimwegen hat als erste eine systematische Studie zum Verhalten des kleinen Flusskrebses erstellt.
Und die Bilanz fällt vernichtend aus. „Der Pontokaspische Flohkrebs ist wie ein Raubtier und scheint wirklich den Rhein leer zu fressen. Er tötet alles, was als Konkurrent in Frage kommt”, sagt van Riel. Ein Jahr lang hat sie die Krebse in Lobith bei Emmerich studiert.

Der Flohkrebs hat durch den Bau des Main-Donaukanals Einzug in die Niederlande gehalten. „Der Mensch hat einen großen Anteil an dieser Entwicklung”, sagt van der Velde. „Denn im Rhein gibt es nur noch zwei Biotope: steinige und sandige Abschnitte. Für diese Tiere ist das ideal.”

Die ersten Exoten wurden 1994 entdeckt, unter anderem auch vom Reeser Biologen Jost Borcherding. Eine umfassende wissenschaftliche Studie zu diesen Tieren fehlte bislang und wurde 2008 von Mariëlle van Riel präsentiert.

Der Krebs kommt mittlerweile in Massenkolonien vor. Bis zu 10 000 Flohkrebse pro Quadratmeter hat van Riel gezählt. Die Tiere verschanzen sich gerne auf Steinen, in Ritzen oder im Schlamm. Mit einem Fangnetz hat die Wissenschaftlerin die Tiere bei Lobith aus dem Wasser gefischt und untersucht. „Sie sind richtige Killer. Nicht selten essen sie auch ihre eigen Brut auf, Artgenossen oder ihre Fäkalien”, erzählt van Riel. Die Tiere verbreiten sich schnell. Innerhalb von einem Monat haben sie Kolonien gebildet.

Wissenschaftler Gerard van der Velde ist sehr skeptisch über die weitere Entwicklung. Er sagt, dass es zurzeit keine Möglichkeit gebe, die Krebse zu bekämpfen. „Wir können nur beobachten”, sagt van der Velde. Und bereits jetzt lasse sich sagen, dass das Nahrungsangebot im Rhein einseitiger wird. „Heimische Insekten haben es sehr schwer, sich gegen den Krebs durchzusetzen”, sagt van der Velde.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2009