II. Veränderungen des Weltklimas

Das Thema Klimaveränderung ist komplex, wissenschaftlich und abstrakt. Unsichere Faktoren machen eindeutige Vorhersagen unmöglich und die dramatischen Folgen werden vermutlich erst in einigen Jahrzehnten spürbar sein. Kein Wunder also, dass ein Großteil der niederländischen Bevölkerung dem Klimawandel noch keine allzu große Bedeutung beimisst. Das demoskopische Institut TNS NIPO befragte im Dezember 2009 in einer repräsentativen Umfrage 1.000 Niederländer über 18 Jahren zu den wichtigsten politischen Themen der Zukunft. Das Thema Klimawandel schaffte es nur auf Platz 10. Der Anstieg des Meeresspiegels wurde von den meisten als wichtigstes Problem eingestuft. Ein Drittel der niederländischen Bevölkerung glaubt nach einer McKinsey-Umfrage (21 Minutenenquete), dass der Mensch keinen Einfluss auf eine Veränderung des Klimas hat. McKinsey befragte 70.000 Niederländer.

Die öffentliche Wahrnehmung und die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind sehr unterschiedlich. Denn die universitären Ergebnisse zeigen ein deutlich anderes Bild: In der Veröffentlichung „De staat van het klimaat“[1] listet die Platform Communication on Climate Change (PCCC) bereits heute messbare Veränderungen auf und kommt zum Schluss, dass diese auch eine Folge menschlichen Handelns sind.

Das weltweite Klimasystem

Das Jahr 2009 war eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die weltweite Durchschnittstemperatur lag gut 0,1 Grad höher als im Jahr 2008. Und auch die vorangegangenen Jahre waren sehr warm. Insgesamt ist das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts das wärmste Dezennium seit Beginn der Wettermessungen, so die Forscher. Die durchschnittliche Temperatur zwischen 2000 und 2010 war beinahe 0,2 Grad höher als in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Insgesamt stieg die Durchschnittstemperatur im vergangenen Jahrhundert um 0,7 Grad. Das niederländische Wetterinstitut KNMI erwartet, dass durch die Zunahme von Treibhausgasen die weltweite Durchschnittstemperatur zwischen 1,5 und 5,8 Grad zunehmen kann.

Entwicklungen am Nord- und Südpol

Das Klima am Nordpol verändert sich durch den starken Temperaturanstieg rasch. „Die Temperatur steigt hier doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt“, heißt es in der Studie „De staat van het klimaat“. Grund ist der so genannte Eis-Albedo-Rückkopplungseffekt: „Durch das Schmelzen des Eises wird dunkler Untergrund freigelegt, der im Gegensatz zu den weißen Eisflächen die Sonnenstrahlung nicht reflektiert, sondern absorbiert. Daher verstärkt sich die Erwärmung am Nordpol“, erklärt die deutsche Wissenschaftlerin Friederike E.L. Otto vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)[2]. Die Folgen der Temperatursteigungen treten bereits heute deutlich zu Tage: „Die sommerlichen Seeeisbedeckungen im Nordpolgebiet sind in den vergangenen Jahren schneller geschmolzen als die IPCC im Jahr 2007 berechnet hatte.“ Seit 1980 beträgt die Abnahme der eisbedeckten Landmassen in jedem Jahrzehnt 10 Prozent.

Zudem nehme auch die Mächtigkeit des Eises ab. Bislang sei noch nicht zu berechnen, wann dieser Prozess unumkehrbar wird. Jetzt nehmen die Eisflächen im Winter noch zu, in einigen Jahren könnte aber auch dies nicht mehr der Fall sein. „Die Erwärmung der Arktis ist bis zu vier Mal stärker als die globale Erwärmung“, so Friederike Otto.

Auch im Südpolgebiet ist eine Temperaturzunahme in der West- und Ost-Antarktis festzustellen. „Die antarktische Halbinsel scheint sogar eine der Weltregionen zu sein, die sich am schnellsten aufwärmt“, heißt es im PCCC-Rapport. Hier habe im vergangenen Jahrzehnt die Erwärmung um ein halbes Grad zugenommen. Genauere Ergebnisse seien aufgrund weniger Messstationen allerdings nicht möglich. Die Forscher gehen aber davon aus, dass seit 1970 die Eisflächen in jedem Jahrzehnt mit einem Prozent abgenommen haben.

Gletscher

Einen weiteren wichtigen Einfluss auf das Weltklima nehmen die Eismassen der Berggletscher. Die Gletscher in Afrika, Süd-Amerika, Indonesien und Tibet tauen nach den Erkenntnissen des World Galcier Monitoring Service (WGMS) schneller ab als bislang angenommen. Auch diese Entwicklung muss dem weltweiten Temperaturanstieg geschuldet sein. Für Europa ist die Gletscherentwicklung in den Alpen von besonderem Interesse. Die Alpen, der „Wasserturm von Europa“, speist das meiste Süßwasser der großen europäischen Flüsse. Im Alpengebiet hat die Temperatur in den vergangenen 100 Jahren um ein Grad zugenommen, mit der Folge, dass die Gletscher schmelzen und die Schneegrenze sich in stets höhere Regionen verschiebt. Für die Wasserabfuhr des Rheins sind die Entwicklungen der Gletscher allerdings kaum von Bedeutung. „Da der Anteil der Schmelzwasser an der gesamten Wasserabfuhr des Rheins gering ist, wird die Abfuhr bei Lobith höchstens um ein Prozent zunehmen“, heißt es in „De staat van het klimaat“. Auch werde dies nicht zu mehr Überschwemmungen führen oder zu einem Trinkwassermangel.

Entwicklung Meeresspiegel

Für die Niederlande sind all diese Entwicklungen von besonderer Wichtigkeit. Haben doch die Wassertemperaturen, das Abschmelzen der Polkappen und Gletscher einen wichtigen Einfluss auf das Klima und die Höhe des Meeresspiegels. „Grönland als auch die Antarktis scheinen schneller ihre Eismassen zu verlieren, als von der IPCC angenommen wurde“, schreiben die niederländischen Experten. Marten Scheffer, Klimaforscher und ausgezeichnet mit der höchsten niederländischen Wissenschaftsauszeichnung 2009, der Spinozapremie, stellt alarmierend fest: „Wenn wir uns die Messungen über das Abschmelzen des Polareises, die weltweiten Temperaturanstiege und den Anstieg des Meeresspiegels anschauen, erkennt man in den meisten Zeitreihen, dass sich das Klima dem meist pessimistischen Szenario des IPCC über Klimaentwicklungen anpasst. Ich denke, dass wir das Ausmaß der Geschwindigkeit der Klimaveränderung unterschätzt haben.“[3]

Zurzeit gehen die jüngsten Studien davon aus, dass bei einem Temperaturanstieg um 6,4 Grad im Jahr 2100 mit einem Anstieg des Meeresspiegels um 1,90 Meter zu rechnen ist (Basisjahr 1990). Das IPCC ging 2007 noch von einem maximalen Anstieg um 76 Zentimeter aus. Außerordentliche Effekte, die auch messbar sind, konnte die niederländische Wasserbauorganisation Rijkswaterstaat bislang nicht feststellen. Die ermittelten Daten ergeben für die Nordseeküste eine lineare Steigerung des Meeresspiegels um 18 Zentimeter im 20. Jahrhundert (im Durchschnitt 1,8 bis 0,2 Millimeter im Jahr). Für die gesamte Messperiode von 1891 bis 2008 betrug der Anstieg 22 Zentimeter.

Diese Zahlen decken sich mit den Ergebnissen der weltweiten Entwicklung. Das IPCC notierte im Jahr 2007 einen durchschnittlichen Anstieg der weltweiten Meeresspiegel im 20. Jahrhundert von 1,7 bis 0,3 Millimeter pro Jahr. Allerdings stellt der amerikanische Ozeanforscher John A. Church fest, dass seit den 1990er Jahren die Meeresspiegel jährlich um 3 Millimeter ansteigen.[4]


[1] Platform Communication on Climate Change: De Staat van het Klimaat 2009. Aktueel onderzoek en beleid nader verklaard. Wageningen 2010, Onlineversion.
[2] Otto, Friederike E.L.: Auf dem Weg in die Klimakatastrophe?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 52, 2009, S. 35-40.
[3] Vanheste, Thomas: „We poken het beest wakker“, in: Vrij Nederland vom 22. Februar 2010, S. 36.
[4] Vgl. Church, John A. et al.: Understanding global sea levels: past, present and future, in: Sustainability Science 1, 2008, S. 9-22.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010