V. Klimaszenarien für die Niederlande

Klimavorhersagen stellen die Wissenschaft vor große Probleme. Auch wenn den Forschern zahlreiche Datensätze aus Wetteraufzeichnungen der vergangenen 100 Jahre zur Verfügung stehen und umfangreiche, komplizierte Klimamodelle errechnet werden können, ist es fast unmöglich, Vorhersagen über das Klima in 30 oder 50 Jahren zu machen, da Zukunftsmodelle auf zahlreichen unbekannten Größen basieren. So gibt es kaum Gewissheiten über das Bevölkerungswachstum der Zukunft, über die wirtschaftlichen, technologischen oder sozialen Entwicklungen auf der Erde, die wiederum den Ausstoß von Treibhausgasen und Stoffteilchen stark beeinflussen. „Zudem begreifen wir die komplexen Prozesse unseres Klimasystems nur in Ansätzen“, heißt es im KNMI-Report „Klimaat in de 21e eeuw“[1]. Der Einfluss von Wasserdampf, Wolken, Schnee und Eis auf den Strahlungshaushalt und die Temperatur sei noch unzureichend untersucht. „So beinhaltet zum Beispiel keines der bisherigen Klimamodelle einen aktiven Kohlenstoffkreislauf“, so die KNMI-Forscher. „Außerdem gibt es auch fundamentale Grenzen bei den Vorhersagen von komplexen Systemen wie dem Klimasystem“.

Unsicherheiten bei Modellberechnungen

Kein Wunder also, dass die gängigen Modellrechnungen über den Temperaturanstieg auf der Erde sich stark voneinander unterscheiden. Die Unsicherheiten und Probleme der Modellberechnungen müssen bei allen Vorhersagen mit einbezogen werden. Denn geht es um die Vorhersagen für kleinere Regionen, etwa die Niederlande, dann sind die Unsicherheiten noch größer, da die Entwicklungen der Luftströmungen eine wichtige Rolle spielen. Die meisten Klimamodelle gehen davon aus, dass sich die Winde nördlich von West-Europa deutlich verändern werden, aber die Intensität dieser Veränderung wird sehr unterschiedlich bewertet.

Vier Szenarien

Um mit diesen Unsicherheiten umgehen zu können, hat das niederländische KNMI im Jahr 2006 vier unterschiedliche Szenarien entwickelt, die jeweils für die Niederlande zutreffend sein könnten. „Allerdings ist mit unserem heutigen Kenntnisstand nicht eindeutig zu sagen, welches Szenario wahrscheinlich ist“, heißt es im Report. Bei ihren Szenarien beziehen sich die Forscher auf die Entwicklung der Temperaturen, auf die Niederschläge, Wind und Sturm sowie die Entwicklung des Meeresspiegels. Es wird jeweils eine Einschätzung für das Weltklima und die Entwicklung in den Niederlanden gegeben. Dabei geben die Szenarien keine konkrete Wettervorhersagen für die Zukunft, sondern ermitteln die Wahrscheinlichkeiten für durchschnittliche und extreme Wetterlagen. Die Szenarien beziehen sich auf die Zeit um das Jahr 2050 (zwischen 2036 und 2065). Das KNMI unterscheidet vier Szenarien (G, G+, W und W+), die sich auf einer Skala zwischen gemäßigten und extremen Veränderungen bewegen. Die Klimaveränderungen unterscheiden sich zum Teil deutlich. Für alle vier Szenarien lassen sich allerdings fünf Aussagen treffen:

  • Die Erderwärmung nimmt zu. Es wird wärmere Winter und wärmere Sommer geben.
  • Die Winter werden durchschnittlich feuchter und die extremen Niederschlagsmengen nehmen zu.
  • Im Sommer nehmen extreme Regenfälle zu, aber die Zahl der Regentage nimmt ab.
  • Mit stärkeren und häufigeren Winden ist nicht zu rechnen.
  • Der Meeresspiegel steigt weiter an. 

Vorhersagen für die Niederlande

Temperaturen: Die Temperaturentwicklung in den Niederlanden wird nicht gleich dem durchschnittlichen weltweiten Temperaturanstieg sein. Seit 1950 nimmt die Temperatur in den Niederlanden deutlich schneller zu, als der durchschnittliche weltweite Anstieg. Dies hängt vor allem mit der geographischen Lage der Niederlande zusammen. Am Rande eines Kontinents wärmt sich die Erde schneller auf. Die vier KNMI-Szenarien zeigen eine Erwärmung im Jahr 2050 zwischen 0,9 und 2,3 Grad Celsius im Winter und zwischen 0,9 und 2,8 Grad Celsius im Sommer. In einem Nachtrag aus dem Jahr 2009 mit dem Titel „Klimaatverandering in Nederland“[2] weist das KNMI daraufhin, dass „die Klimaveränderungen sich extremer entwickeln können, als bisher angenommen.“ Denn langfristig könnte auch eine Veränderung des „warmen Golfstromes“ einen starken Einfluss auf die Temperaturen in den Niederlanden haben.

Niederschläge: In den gemäßigten Klimaszenarien, bei denen das KNMI davon ausgeht, dass sich die Windlage nicht verändern wird, könnte der Niederschlag in den Niederlanden in Sommer und Winter um zirka drei Prozent pro Grad Erwärmung zunehmen. Sollten sich jedoch die Windlagen verändern, könnten die Niederschläge im Winter um 7 Prozent je Grad Erwärmung zunehmen und im Sommer um 10 Prozent je Grad Erwärmung abnehmen. In allen Szenarien nimmt im Sommer die durchschnittliche Niederschlagsmenge an Regentagen durch Starkregen zu. Für den Winter gilt, dass in allen Szenarien die Zahl der mehrtägigen Regenzeiten zunehmen wird.

Wind und Sturm: Das KNMI geht nicht davon aus, dass sich bei den durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten viel ändern wird. Bei den gemäßigten Modellen rechnet das meteorologische Institut mit einer Zunahme von unter einem Prozent, bei den extremeren Szenarien werde sich nur eine leichte Zunahme der Windgeschwindigkeiten feststellen lassen. Sturmfluten treten in den Niederlanden nur bei West- und Nordwinden auf. Die Szenarien geben an, dass es künftig nicht stärker und häufiger stürmen wird.

Meeresspiegel: Zwischen 1993 und 2004 stieg der Wasserstand im nordöstlichen Teil des Atlantischen Ozeans mit ungefähr drei Millimetern im Jahr. In den Niederlanden ist zusätzlich mit einer Bodenabsenkung von jährlich 0 bis 4 Millimeter im Jahr zu rechnen. Die KNMI-Klimamodelle unterscheiden sich bei der Vorhersage des Anstieges des Meeresspiegels deutlich. Für das Jahr 2050 liegen die Werte zwischen 15 und 35 und für das Jahr 2100 zwischen 35 und 85 Zentimetern. Der Meeresspiegel wird auch nach 2100 ansteigen, so das KNMI, und der Anstieg wird im Jahr 2300 zwischen 1 und 2,5 Meter liegen.

Regelmäßig werden die Szenarien überprüft und neu berechnet. Zuletzt geschah dies im Jahr 2014. Veränderungen in den Vorhersagen waren dabei im Vergleich zu 2006 aber nur minimal.


[1] KNMI: Klimaat in de 21e eeuw. Vier Scenario’s voor Nederland, De Bilt 2006.
[2] Klein Tank, Albert/Lenderink, Geert (Hrsg.): Klimaatverandering in Nederland. Aanvullingen op de KNMI’06 scenatio’s, De Bilt 2009.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010
Aktualisiert: März 2018 von Katrin Uhlenbruck