XI. Klimaschutzpolitik der Niederlande

Das dritte Kabinett Balkenende steckte sich in Sachen Klimaschutz hohe Ziele. „Das Kabinett möchte, dass die Niederlande im Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft Vorreiter sind. Wie streben danach, dass unsere Energieproduktion in zehn bis 15 Jahren in puncto Sparsamkeit und Nachhaltigkeit die beste in Europa sein wird. Dies bedeutet, dass wir auch im internationalen Kampf gegen den Klimawandel eine Vorreiterrolle einnehmen möchten“, erklärte Premierminister Jan Peter Balkenende in seiner Regierungserklärung am 1. März 2007. Im Koalitionsvertrag steckte sein Kabinett die Zielmarken ab: Bis 2020 sollen jedes Jahr zwei Prozent Energie eingespart werden. Bis 2020 sollten zudem insgesamt 30 Prozent der Treibhausgase eingespart werden, zum Verhältnis des Basisjahres 1990.

Im Koalitionsvertrag einigte man sich darauf, dass regenerative Energien gefördert werden und auch Investitionen in Energieeinsparung (Wärmedämmung) finanziell angeregt werden sollen. Um diese Ziele zu erreichen, erstellte das Kabinett das Arbeitsprogramm „Schoon en Zuinig“[1], in dem unter anderem festgeschrieben wurde, dass im Jahr 2020 gut 20 Prozent der produzierten Energie aus regenerativen Quellen – sprich Wind, Wasser, Sonne, Erde – gewonnen werden muss. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 wurden gerade mal 3,8 Prozent der Stromgewinnung mit erneuerbaren Energien produziert, ein halbes Prozent mehr als im Jahr 2008. Um die Entwicklung dieser CO2-armen Energieträger zu stimulieren, wurden für die Jahre 2009 und 2010 gut 700 Millionen Euro im Haushalt eingestellt. Strukturell werden erneuerbare Energien über einen Aufschlag auf den Strompreis mitfinanziert („Stimulering Duurzame Energie“, SDE).

Windenergie

Für die niederländische Regierung ist die Windenergie das wichtigste Zugpferd. Am Ende des Jahres 2011 soll sich der Umfang auf 4.000 Megawatt verdoppelt haben, bis zum Jahr 2020 werden 6.000 Megawatt Stromleistung in der Nordsee angepeilt. Mit großen Programmen in der Nordsee möchte die Regierung 950 Megawatt mit so genannten Offshore-Anlagen produzieren. Zurzeit gibt es zwei Windparks in der Nordsee, die 220 Megawatt Strom im Jahr produzieren. Auf dem Tisch liegt ein Megaprojekt eines europäischen Konsortiums, welches ab dem Jahr 2013 mit dem Bau von 60 Windkraftanlagen in der Nordsee beginnen möchte. Die Windräder werden 75 Kilometer vor der Küste von Callantsoog installiert, in einer Meerestiefe von 30 bis 35 Metern. Noch nie wurden in einer solchen Tiefe Windräder installiert. Sie sollen 100 bis 300 Megawatt Strom produzieren, damit könnte man gut 300.000 Haushalte versorgen.

Auf dem Noordoostpolder bei Urk soll ein weiterer Park mit gut 80 bis 100 Windrädern, die 429 Megawatt Strom produzieren, installiert werden. Trotz heftiger Proteste der Gemeinde hat das Kabinett Balkenende im November 2009 noch einmal bekräftigt, dass der Windpark gebaut wird. 39 Windräder sollen an Land und 48 im IJsselmeer aufgestellt werden. Der Park wird 400.000 Haushalte mit Strom versorgen. Die Regierung hat eine Milliarde Euro für den größten Windpark des Landes zugesichert.

Ohne eine Subvention des niederländischen Staates wäre eine Stromproduktion in der Nordsee auch nicht denkbar. Das Energy Research Centre of the Netherlands (ECN) berechnete, dass die Kilowattstunde Strom aus reiner Offshore-Windenergie zwischen 16,4 und 18,4 Cent je Kilowattstunde liegen wird. Auf dem Festland seien Strompreise von 7 Cent je Kilowattstunde möglich. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde Atomstrom kostet in der Herstellung zirka 2,5 Cent.

Der Windkraft wird in den Niederlanden eine große Zukunft beschieden. Bart Ummels, Projektleiter für Offshore-Windanlagen bei Siemens, geht in einem Interview mit der Zeitung Trouw[2] davon aus, dass Windkraftanlagen in Zukunft bis zu zwölf Gigawatt Strom liefern können. Anno 2010 produzieren die Windkrafträder 2,2 Gigawatt Strom.

Europa

Ein großer Teil der niederländischen Klimaschutzpolitik kommt aus Brüssel. Vor allem der wichtige europäische Emissionshandel wird international geregelt. 80 Prozent der Emissionsrechte der Industrie- und Energiekonzerne wird hierüber gehandelt. Gut die Hälfte der niederländischen CO2-Ausstöße müssen allein in diesen Sektoren eingespart werden, die gut 40 Prozent der Treibhausgase produzieren.

Gleichwohl gibt es auch für die Regierung eine Menge Einflussmöglichkeiten – etwa beim Bau neuer Kraftwerke. Gerade in den Niederlanden gibt es einen hohen Erneuerungsbedarf. Zurzeit werden Anlagen für 10.000 Megawatt Stromproduktion gebaut: drei Kohlekraftwerke und sechs Gaskraftwerke. Durch diesen Bau werden die Niederlande künftig Stromüberschüsse erwirtschaften und Strom exportieren, anstatt importieren. Kritiker, darunter die ehemalige Umweltministerin Jacqueline Cramer (PvdA) und die Partei GroenLinks, sehen darin auch eine Gefahr für die regenerativen Energien, die in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden könnten. GroenLinks forderte in einer Pressemitteilung 2009, die CO2-Emissionen von Kohlekraftwerken auf 350 Gramm je Kilowattstunde Strom zu reduzieren. Dies würde einer CO2-Reduktion um 50 Prozent gleichkommen. Im Februar 2010 entschloss sich das Kabinett, dem Gesetzesvorschlag „Voorrang voor duurzaam“[3] zuzustimmen. Folglich soll die Einspeisung regenerativer Energien ins Stromnetz Vorrang haben.

Zukunft

Über die künftige Klimaschutzpolitik machen sich führende Politiker in den Niederlanden im Vorfeld einer Minderheitsregierung aus VVD und CDA, toleriert von der VVD, Sorgen. Die ehemalige Ministerin Cramer befürchtet, dass die neuen Regierungsparteien nicht in erneuerbare Energien investieren wollen. Sie befürchtet, dass ihre Initiativen von einer rechtslastigen Regierung wieder gestoppt werden. Ihrer Meinung nach „muss“ eine Regierung aber auf die Entwicklung erneuerbarer Energien setzen: „Ich befürchte, dass das neue Kabinett da anders drüber denken wird“, sagte in einem Radiointerview mit Radio 1[4].

Auch während des Wahlkampfes 2010 spielte die Klimaschutzpolitik nur eine untergeordnete Rolle. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise bestimmte den politischen Diskurs. Frans Berkhout, Professor für Innovation und Nachhaltigkeit an der Vrije Universiteit (VU) von Amsterdam, bemerkte im politischen Magazin Vrij Nederland[5]: „Es ist peinlich, was unser Land in den vergangenen 20 Jahren geleistet hat.“ Der Ausbau der erneuerbaren Energien verkehre sich in einen „völlig unakzeptablen Zustand“. Zwar habe das Kabinett Balkenende IV sich hochtrabende Ziele gesteckt: „Aber letztendlich wurde nicht viel umgesetzt“, so der Leiter des Instituts für Umweltstudien. Pieter Winsemius (VVD) traut daher den Zielvorgaben nicht mehr: „Ich bin eher darauf gespannt, was in der Praxis umgesetzt wird, als was auf dem Papier steht. Hohe Ziele über die Reduktion von CO2-Ausstößen haben bislang auch nicht geholfen.“ Dabei ist gerade seine Partei in Sachen erneuerbare Energien noch sehr zurückhaltend. Auch der CDA verdient in Sachen Umweltpolitik keinen Ehrenpreis. Während des Wahlkampfes 2010 mahnte Ex-Premier Ruud Lubbers seine Parteikollegen, diese Chance nicht zu vergeben: „Gerade in Zeiten der Krise kann ein Übergang in eine CO2-arme Wirtschaft viele neue Arbeitsplätze schaffen.“

Tineke Huizinga (ChristenUnie), Amtsnachfolgerin von Jacqueline Cramer, betonte im Juni 2010 in ihrem Kommentar „Duurzame toekomst vereist aandacht“[6]: „Wir müssen jetzt die entscheidenden Schritte machen, um das Risiko für eine schädliche Klimaveränderung zu verkleinern und die Energiesicherheit langfristig zu garantieren. [...] Eine nachhaltige Zukunft ist möglich“, so Huizinga. Das gesteckte Ziel in Europa sei sehr ambitioniert: Bis 2050 soll 80 bis 95 Prozent weniger CO2 ausgestoßen werden (Basisjahr 1990). „1990 hatten wir 214 Megatonnen CO2-Ausstoß, dies dürfte 2050 nur zwischen 10 und 40 Megatonnen sein. Zurzeit verbraucht allein unser Straßenverkehr mehr CO2 als unsere Zielsetzung im Jahr 2050.“

Die leichten Zweifel, die bei der Ministerin durchschimmern, könnte Paul Crutzen sicherlich teilen. Denn der niederländische Nobelpreisträger und Meteorologe ist skeptisch gegenüber den Erfolgsaussichten der niederländischen Regierung, den CO2-Ausstoß eindämmen zu können. Im Interview mit der Zeitung de Volkskrant[7] sagte Crutzen: „Ich bin pessimistisch. Nehmen sie den Ausstoß von Kohlendioxid. In vielerlei Hinsicht ist dies der Kern unseres ökonomischen Bestehens: Alles dreht sich um fossile Energieträger. Zugleich muss der Ausstoß um 60 bis 80 Prozent reduziert werden, um den Einfluss auf das Klimasystem zu beschränken. Man fragt sich, wie das zusammenpassen soll. Die Klimakonferenz in Kopenhagen hat gezeigt, dass wir nicht in der Lage sind, diese Art Probleme anzugehen.“

Schwarz auf weiß bescheinigten das Planbureau voor de Leefomgeving (PBL) und das Energieonderzoekscentrum Nederland (ECN) im April 2009 in ihrer „Verkenning Schoon en Zuinig“[8], dass die heutige Politik der niederländischen Regierung nicht ausreicht, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Mit der heutigen Politik würden die Niederlande im Jahr 2020 30 Millionen Tonnen CO2 zu viel ausstoßen. Das entspräche dem kompletten Ausstoß aller Häuser und Gebäude in den Niederlanden.

Crutzen, der in grundlegenden Arbeiten nachgewiesen hat, dass Stickoxide Ozon abbauen, sieht heute das Ozonproblem als verhältnismäßig simple Aufgabenstellung an: „Der Abbau von FCKWs traf nicht den Kern unseres Bestehens und die Produktion war auch relativ konzentriert. Bei Treibhausgasen ist dies ein ganz anderes Thema.“

Klimakonferenz in Kopenhagen und Auswirkungen auf die niederländische Politik

Die Klimakonferenz in Kopenhagen stand von Beginn an unter schlechten Vorzeichen. Noch bevor die Verhandlungen am 7. Dezember 2009 richtig gestartet waren, wurde ein geheimer Text der dänischen Verhandlungsführer öffentlich, der quasi als Notprogramm hätte unterzeichnet werden können, wenn die Länder sich gar nicht hätten einigen können. Bereits zu Beginn sorgte dieser Text für Aufregung und diese Stimmung zog sich während der folgenden Verhandlungstage durch.

In Kopenhagen hatten sich die Nationen vorgenommen, konkrete Absprachen über die internationale Klimapolitik nach dem Kyoto-Protokoll zu verabschieden. Aber schon im Vorfeld konnten sich die Verhandlungsführer nicht auf wichtige Punkte einigen, etwa wie viele CO2-Emissionen den Industrie- und Entwicklungsländern zugestanden werden können. Gut einen Monat vor der Konferenz mutmaßte UNO-Klimachef Yvo de Boer, dass die Verhandlung nicht zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden könne: „Wir brauchen mit Sicherheit noch ein halbes Jahr, um einen juristisch bindenden Vertrag schließen zu können“, sagte de Boer im Interview mit der Tageszeitung NRC Handelsblad[9].

Und so kam es auch: Mehr als 100 Staatschefs konnten letztendlich keine juristisch verbindlichen Absprachen treffen. Auch wenn viele bis zum Schluss auf die Regierungschefs der USA und China gehofft hatten. Der große Durchbruch kam auch durch die Anwesenheit von Barack Obama und Wen Jiabao nicht zu Stande. Die USA und China sind zusammen die größten Emittenten von Treibhausgasen. Fast die Hälfte der weltweiten Ausstöße geht auf ihr Konto.

Resultate

Die Staatschefs verfassten immerhin eine Absichtserklärung. So wurde zum ersten Mal das „Zwei-Grad-Ziel“ von allen Staaten akzeptiert, demnach die durchschnittliche Temperatursteigerung auf der Erde zwei Grad nicht übersteigen soll, um verheerende Naturkatastrophen und desaströse Klimaveränderungen einzugrenzen. Bis dato wurde das „Zwei-Grad-Ziel“ vor allem von den europäischen Staaten verfolgt. Konkrete Absprachen über die Reduzierung von CO2-Emissionen wurden allerdings nicht gemacht. Gleichwohl wurde die Absicht erklärt, bis zum Jahr 2050 den weltweiten CO2-Ausstoß um 50 Prozent einzudämmen. Die Industrienationen sollen ihre Emissionen gar um 80 Prozent drücken.

Ferner einigte man sich darauf, dass Industrieländer ihre absoluten Emissionsziele bis zum Jahr 2020 benennen sollten und Entwicklungsländer relative Ziele anführen (Emissionen je Wirtschaftswachstum). Zudem sollen Entwicklungsländer alle zwei Jahre ihre Treibhausgasemissionen der UNO mitteilen.

Zum Thema Finanzierung wurden zwei Ziele vereinbart: So werden 30 Milliarden Dollar zur Finanzierung von „Adaption“ und „Mitigation“ in den kommenden drei Jahren zur Verfügung gestellt und 100 Milliarden Euro pro Jahr ab dem Jahr 2020. Unter „Mitigation“ wird die Entwicklung neuer Technologien, Verfahren und Strategien verstanden, mit denen man Emissionen von Treibhausgasen einsparen kann. „Adaption“ verfolgt die Entwicklung, Umsetzung und Verbreitung von Technologien und Strategien, die eine effektive und effiziente Anpassung an das gegenwärtige Klima und seine Wetterextreme zum Ziel haben.

In Europa war das Abkommen von Kopenhagen war für viele Länder eine Enttäuschung, denn feste Zielvorgaben sind mit dem Kompromiss nicht verbunden. Die eingeleiteten Maßnahmen der Industriestaaten führen höchstens zu einer Reduktion der Klimagase um 12 bis 18 Prozent, obwohl 25 bis 40 Prozent vonnöten wären, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, schreibt Ministerin Jacqueline Cramer am 12. Oktober 2009 ihrem Parlament. Die Europäische Union bekräftigte noch einmal ihre Zusage, 30 Prozent der Klimagase bis 2020 zu reduzieren, wenn auch andere Länder ihre Bereitschaft erklären, CO2-Einsparungen vorzunehmen. Die niederländischen CO2-Emissionen betragen gerade mal 0,5 Prozent der weltweiten Emissionen und die der EU zirka 12,5 Prozent.

Für die Niederlande änderte sich danach wenig. Die Regierung Balkenende hielt fest an der Vorgabe, 30 Prozent des CO2-Ausstoßes im Jahr 2020 eingespart zu haben – im Verhältnis zum Basisjahr 1990. Der Einfluss der Ministerin Jacqueline Cramer in Kopenhagen war nach eigenem Bekunden gering. Sie sah sich vielmehr als Vermittlerpersönlichkeit, die vor allem mit Kollegen der Entwicklungsländer Gespräche geführt hat. Dem niederländischen Nachrichtensender NOS sagte sie während der Verhandlungen: „Dies ist jetzt ein Spiel der Mächtigen.“ Und darüber ärgerte sie sich nach der Konferenz: „Die Machtblöcke waren Akteure in einem Theaterstück, in dem sie nicht wussten, was gespielt werden sollte.“

Die Ministerin – und ehemalige Umweltaktivistin – setzte sich in Kopenhagen für einen ganz neuen Vertrag ein, der die Ziele des Kyoto-Protokolls aufnimmt und entwickelte Industrieländer zu Mitigations-Aktionen verpflichtet, die den Ausstoß von Treibhausgasen verringern. Das „Zwei-Grad-Ziel“ müsse auf jeden Fall eingehalten werden. Allerdings: „Auf dem Gebiet der Finanzierung und Mitigation bleiben die Meinungsverschiedenheiten unter den Nationen groß“, so Cramer in ihrem Parlamentsbrief. Die niederländische Umweltministerin sprach sich in Kopenhagen auch für eine Verschärfung des Emissionshandels aus. „Das Kabinett setzt sich dafür ein, dass keine neuen Überschüsse bei den Emissionsbudgets im Kopenhagenvertrag aufgenommen werden“, so Cramer.

Premier Jan-Peter Balkenende bezeichnete den Kongress als „einen Schritt in die richtige Richtung“: „Aber wir sind noch nicht am Ziel“, sagte er der Presseagentur ANP. So freute er sich über die Akzeptanz über das „Zwei-Grad-Ziel“, über die strengeren Kontrollen der Klimapolitik und die Milliardenhilfen für ärmere Länder.

Der Chef des Klimasekretariats der Vereinten Nationen, Yvo de Boer, war mit dem Abschneiden von Kopenhagen ebenfalls nicht unzufrieden. Vielmehr sah er einen politischen Prozess in Gang gekommen, der sich schon bei den nächsten Verhandlungen auszahlen wird: „Vielleicht sind wir schon in Mexiko so weit, uns auf vertragliche Regelungen zu einigen. Vielleicht brauchen wir aber auch noch etwas Zeit“, sagte der Niederländer in einem Interview mit der Zeitung „The European“[10]. De Boer glaubte nicht, dass alle Entwicklungsländer ihre Treibhausgasemissionen benennen können, weil ihnen die institutionellen Kapazitäten fehlen. Aber man sei auf einem richtigen Weg, denn vor allem bei der Frage der Finanzierung einer künftigen Mitigationspolitik habe es Fortschritte gegeben.

Yvo de Boer leitete seit September 2006 das Klimabüro der Vereinten Nationen und legte zum 1. Juli 2010 überraschend sein Amt nieder. Für ihn sei es an der Zeit, eine neue Herausforderung zu suchen, begründete er im Februar 2010 seinen Schritt. De Boer, Sohn eines niederländischen Diplomaten und von 1991 bis 2006 als Mitarbeiter im niederländischen Umweltministerium tätig, erwarb sich als Sekretär des UNFCCC nicht nur Respekt in diplomatischen Kreisen: „Mit de Boer geht der große Steuermann des Klimaprozesses von Bord“, sagte der Greenpeace - Klimaexperte Martin Kaiser.

Das Kabinett Rutte III und die Klimakonferenz von Paris

Klimakonferenzen finden regelmäßig statt und seit der Konferenz von Kopenhagen ist einiges passiert. Man kann im Jahr 2018 aber sicherlich davon sprechen, dass die Klimakonferenz in Paris im Jahr 2015 einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des Politikfeldes international darstellt. Erstmals verpflichteten sich alle teilnehmenden Staaten darauf, die Wirtschaft und Gesetzeslage in ihren jeweiligen Ländern so anzupassen, dass die Erderwärmung langfristig auf 2 °C beschränkt wird. Dazu haben sich über 150 Staaten dazu verpflichtet, alle fünf Jahre individuelle Klimaschutzziele vorzulegen, die in alle fünf Jahre erneuert und verbessert werden sollen. Besonders an dem Abkommen im Vergleich zum Kyoto-Protokoll ist, dass erstmals neben verschiedenen Schwellen- und Entwicklungsländern, womit das Abkommen eine globale Bedeutung erhält, auch die beiden größten Verursacher von Treibhausgasen, USA und China, zugesagt haben, sich dem Abkommen anzuschließen. Abgesprochen wurde, dass das Abkommen 30 Tage nachdem mehr als 55 Staaten das Gesetz in ihren Parlamenten ratifiziert haben, in Kraft treten würde. Dieser Tag trat am 04. November 2016 ein.

Die Niederlande reihten sich am 04. Juli 2017 (mitten in der Formationsphase für eine neue Regierung) in die Liste der Staaten ein, die sich zu dem Pariser Abkommen bekennen – und dass obwohl die USA unter dem neuen Präsidenten Donald Trump wieder aus dem Abkommen aussteigen wollen. Trotzdem ist die Mehrheit der Staaten, wozu auch die Niederlande zu zählen sind, weiterhin bemüht, die Erderwärmung zu verringern. Schon vor der Konferenz von Paris, umfassten Bemühungen, den Klimawandel zu stoppen, ein eignes Budget im jährlichen Haushaltsplan. Bis auf die unruhigen Jahre 2011 und 2012 wurde jährlich ein entsprechender Etat zur Klimarettung erlassen (siehe Grafik). Auch das Kabinett Rutte III wird hierfür sicherlich einige Millionen einplanen.

Im Oktober 2017 stand endlich eine neue Regierung in den Niederlanden fest. Trotz der langen Verhandlungsperiode, gab sich das neue Kabinett, dass aus liberalen und christdemokratischen Parteien besteht, einen Koalitionsvertrag, der das Thema Klimaschutz auffallend umfangreich behandelt und sich mehrmals ausdrücklich zu den Klimazielen von Paris bekennt: „Wir legen die Messlatte hoch. Wir wollen uns das ambitionierteste Ziel von Paris setzen.“ [11] Der Vertrag sieht unter anderem Folgendes vor:

•    Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen: Während innerhalb der EU vereinbart wurde, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 40 % zu verringern, möchte die niederländische Regierung eine Reduktion um 49 % erreichen (im Vergleich zu 1990). Dazu wäre eine groß angelegte Umstrukturierung des Energiesektors notwendig, denn es wird außerdem angestrebt, zukünftig auf Erdgas, vor allem aus Russland, verzichten zu können. Hier eine Auswahl der geplanten Maßnahmen:

-    Schließung aller Kohlekraftwerke bis 2030
-    CO2, dass z.B. in Industrie oder Müllverbrennung entsteht, soll aufgefangen und eingelagert werden
-    Ab 2021 sollen Neubauwohnungen nicht mehr mit Erdgas geheizt werden können
-    Umbau der bestehenden Heizungsanlagen in Wohnungen
-    Steuererhöhung auf LKW-Gütertransporte und Flugtickets und weiterer Umbau des Steuersystem

•    Klimagesetz: Im Laufe der Legislaturperiode soll außerdem ein Gesetz erarbeitet und verabschiedet werden, dass gesetzlich verbindlich und planbar festlegt, wie die Klimaziele erreicht werden sollen. Hierzu soll u.a. das Steuersystem „grüner“ gestaltet werden und die Energieversorgung und Wind- und Sonnenenergie ausgebaut werden. Ende Februar 2018 starteten die Verhandlungen dazu, die, ganz nach niederländischer Tradition, so angelegt werden sollen, dass weite Teile von Wirtschaft und Gesellschaft sich damit identifizieren können. [12]

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Thema weiter entwickelt. Insgesamt sollen zukünftig über 300 Millionen Euro für im jährlichen Budget eingeplant werden; zusätzliche Einnahmen aus den geplanten Steuerreformen noch nicht mitgerechnet.

Natürlich rufen so detaillierte und weitrechende Maßnahmen auch Kritik auf den Plan. Längst nicht alles, was sich die Regierung Rutte III so vorstellt, schneit so einfach umsetzbar: Das renommierte Planbureau voor Leefomgeving (PBL), ein staatliches Institut, das sich mit der Analyse und Machbarkeit von staatlichen Regelungen auf dem Gebiet Umwelt, Natur und Raumplanung beschäftigt, ist skeptisch. So hat es ausgerechnet, dass längst nicht so viel CO2, wie geplant, reduziert werden könne. Die Maßnahmen seien dafür noch nicht umfangreich genug. Außerdem würden Projekte zur Einlagerung von CO2 so teuer, dass anderen Projekten die Finanzierung fehlen werde. Energiegewinnung aus erneuerbaren Energien würde so viel schwieriger zu erreichen. Außerdem wies das PBL daraufhin, dass viele Maßnahmen nur im Einklang mit anderen EU-Länder umzusetzen seien. [13]


[1] Ministerie VROM et al.: Nieuwe energie voor het klimaat. Werkprogramm schoon en zuinig. Den Haag 2007, Onlineversion.
[2] Maurits, Peter: Niet allemaal tegelijk aan de oplader. Elektrische auto, of toch die op biobrandstof?, in: Trouw vom 24. Febraur 2009, S. 2.
[3] TK 2008-2009, 31904.
[4] Interview vom 26. August 2010, Onlineversion.
[5] Oberndorff, Map/Vanheste, Tomas: Groen debat onder de grazonden, in: Vrij Nederland vom 29. Mai 2010, S. 10.
[6] Huizinga, Tineke: „Duurzame toekomst vereist aandacht“, Onlineversion.
[7] o.A.: „Na de ozonlaag dachten we dat we alles aankonden, maar mooi niet“, in: De Volkskrant vom 3. April 2010.
[8] Dril, A.W.N. van (Hrsg.): Verkenning schoon en zuinig. Effecten op energiebesparingen, hernieuwbare energie en uitstoot van broeikasgassen, 2009, Onlineversion.
[9] Luttikhuis, Paul: „Kopenhagen is geen alles-of-niets-situatie“, in: NRC Handelsblad vom 14. November 2009.
[10] Der Sündenbock von Kopenhagen war die Menschheit“, in: TheEuropean am 29. Januar 2010,  Onlineversion.
[11] VVD, CDA, D66 en Christen Unie: Vertrouwen in de toekomst. Regeerakkoord 2017 – 2012, S. 2, Onlineversion
[12] SER: SER betrokken bij nieuw Klimaatakkoord: Onderhandelingen van start, online unter https://www.energieakkoordser.nl/nieuws/2018/klimaatakkoord-van-start.aspx
[13] Planburau voor Leefomgeving: Analyse regeerakkoord: maatregelen brengen het klimaatdoel op zicht. Online unter http://www.pbl.nl/nieuws/nieuwsberichten/2017/analyse-regeerakkoord-maatregelen-brengen-helft-klimaatdoel-in-zicht

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010
Aktualisiert: März 2018 von Katrin Uhlenbruck