IV. Klimaveränderung in den Niederlanden

Auch in den Niederlanden lassen sich die Anzeichen für eine Klimaveränderung deutlich erkennen. „Die Niederlande und West-Europa erwärmen sich schnell und die Gefahr von starken Regenfällen und Stürmen nimmt deutlich zu“, heißt es in „De staat van het klimaat“[1] des niederländischen Klimarates PCCC. Auch für Nordwesteuropa gilt: „Die warmen Zukunftsszenarien passen zurzeit am ehesten zu den Temperaturentwicklungen in den Niederlanden“, so der Klimaforscher Marten Scheffer“.[2]

Über die aktuelle Lage hat das Koninklijk Nederlands Meteorologisch Instituut (KNMI) im Jahr 2006 ihre 18-seitige Studie „Klimaat in de 21e eeuw“[3] herausgegeben, die im Jahr 2013 fortgeschrieben wird. Das KNMI entwickelte 2006 vier Szenarien, in denen aufgezeigt wird, wie sich das Klima in den Niederlanden zwischen 2050 und 2100 entwickeln könnte. Im Jahr 2009 gab das Institut eine Aktualisierung zu seinem Klimareport heraus. Neuste Zahlen wurden 2014 publiziert.

Temperaturen


Demnach steigt die gemessene Temperatur in den Niederlanden seit 1950 doppelt so schnell wie die weltweiten Durchschnittswerte. In der Messstation De Bilt bei Utrecht betrug die Jahresdurchschnittstemperatur im Jahr 2008 10,5 Grad. Damit war 2008 das zwölfte Jahr in Folge, welches als „warmes Jahr“ eingestuft wurde. Die wärmsten Jahre waren 2006 und 2007 mit einer Temperatur von 11,1 Grad Celsius. Das KNMI teilt sogar mit, dass dies die beiden wärmsten Jahre seit 1706, dem Beginn der Temperaturmessungen in Zwanenburg, waren. Zwischen 1999 und 2008 lag die Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad Celsius höher als im Basisjahr 1990. Schaut man sich längere Zeitreihen an, stellt man fest, dass in den vergangenen 108 Jahren die durchschnittliche Erwärmung in den Niederlanden 1,9 Grad Celsius betrug. Weltweit ist die Temperatur seit 1850 um 0,8 Grad Celsius gestiegen. Die Erwärmung ist vor allem auf eine Abnahme der Frosttage und eine Zunahme der Sonnentage zurückzuführen. Vor allem Februar und März sind in den vergangenen 20 Jahren deutlich wärmer geworden.

„Diese Zunahme scheint systematisch zu sein und ist sehr wahrscheinlich nicht auf einen natürlichen Effekt zurückzuführen“, schreiben die Wissenschaftler Albert Klein Tank und Geert Lenderink[4]. Sie erkennen verschiedene Gründe für diese stärkere Erwärmung in den Niederlanden. Im Winter sei dies eine Zunahme von Westwinden und im Sommer nimmt die Sonneneinstrahlung aufgrund einer Abnahme von Wolkenbildung zu. Vermutlich hängt dies mit zunehmenden Trockenphasen auf dem europäischen Festland zusammen und einer sauberen Luft (weniger Stoffteilchen). „In Klimamodellen sind diese Prozesse allerdings noch unzureichend beschrieben. Dadurch wurde der Unterschied zwischen der weltweiten Erwärmung und der Erwärmung in den Niederlanden in den vergangenen 50 Jahren systematisch unterschätzt“, so Tank und Lenderink.

Im Vergleich zu den Berechnungen aus 2006, sagen Zahlen aus 2014 nur hier nur geringe Änderungen voraus: So sollen die wärmsten Sommertage etwas weniger warm werden, als 2006 berechnet wurde (Erwärmung um +2,3°C, anstatt um +2,8°C).[5]

Windentwicklung

Das Klima in den Niederlanden wird im Winter von Ostwinden, die kalte Luft, und Westwinden, die warme, feuchte Luft heranführen, bestimmt. Im Sommer ist es genau umgekehrt. Aus welcher Richtung der Wind weht, hängt mit der Entwicklung von Hoch- und Tiefdruckgebieten über dem Nord-Atlantischen Ozean zwischen Island und den Azoren zusammen. Diese sind bestimmend für die Luftströme über der Nordsee und dem europäischen Festland. Die Zahl der Westwinde habe stark zugenommen, so das KNMI. Da sich die Erwärmung der Erde nicht überall gleich stark vollzieht, kommt es zu Veränderungen von Luftströmungen. Nord- und Südpol erwärmen sich schneller als die Tropen, Kontinente schneller als Ozeane. Dadurch verändern sich möglicherweise Winde mit der Folge, dass die Niederlande im Winter vermehrt unter Westwindeinfluss liegen, die feuchte Wetterlagen verursachen. Zahlen aus 2014 zeigen hier keine wesentlich anderen Ergebnisse.

Meteorologische Ergebnisse  

Hinweis: Die Daten werden regelmäßig vom KNMI aktualisiert, indem aktuelle Daten mit den Daten verglichen werden, die jeweils ca. 30 Jahre zuvor erhoben werden. Einzelnachweise der Daten sind im Archiv des KNMI zu finden.

 

 

Daten von der Messstation im niederländischen De Bilt; Quelle: KNMI 2003, 2009, 2017.

 

 

Ereignis

Einheit

1971/2000

1990

1995

2000

2008

2009

2015

2016

Niederschlag

Tage

131

124

125

158

132

132

145

139

Schnee

Tage

25

15

40

12

17

28

3

19

Trockene Tage

Tage

109

127

131

91

125

133

140

134

Keine Sonne

Tage

76

66

43

55

46

37

46

45

Nebel

Tage

65

46

58

45

95

93

74

105

 

 

Sonnenschein

Stunden

1524

1622

1814

1515

1735

1838

1856

1812

Globale Strahlung

kj/cm2

347

366

366

338

363

381

386

374

Niederschlag

mm

827

754

798

975

943

833

832

857

Verdampfung

mm

543

583

590

541

576

612

609

595

Relative Feuchtigkeit

%

82

79

83

84

81

81

80

82

 

 

Eistage

Tage

8

0

12

2

3

9

1

1

Frosttage

Tage

58

33

61

35

55

56

40

60

Sommertage >25°C

Tage

22

32

51

22

26

27

39

31

Tropische Tg. >30°C

Tage

3

3

11

2

1

1

5

5


Niederschläge

Auch wenn die Niederschlagsmengen jährlich große Unterschiede aufweisen, ist im langfristigen Trend eine Zunahme von Niederschlägen in den Niederlanden zu erkennen. Das KNMI stellt fest, dass die jährlichen Niederschläge seit 1906 um 18 Prozent zugenommen haben. Vor allem im Winter (+ 26 Prozent) und im Herbst (+ 26 Prozent) regnet es mehr. In den Sommermonaten konnte noch keine Veränderung festgestellt werden. Durchschnittlich misst das KNMI 797 Millimeter Niederschlag im Jahr, dabei hat die Zahl der Tage mit extremen Niederschlägen mit mehr als 50 mm pro Tag zugenommen. Es zeigt sich, dass es vor allem in den Küstenregionen mehr regnet als zuvor. „Dies könnte mit dem warmen Nordseewasser zusammenhängen“, schreibt Arie Kattenberg vom KNMI[6]. Je wärmer die Niederlande werden, desto mehr werde sich dieser Effekt verstärken.

Ferner werden die kalten Tage weniger und die warmen Tage häufiger, vor allem seit 1975. Ob allerdings die Zunahme der warmen Westwinde mit dem menschlichen Einfluss auf das Klima zusammenhängt, ist nicht geklärt, so das Milieu- en Natuurplanbureau (MNP)[7].

2014 geht man weiterhin davon aus, dass es zukünftig mehr Niederschlag geben wird, nur für die Niederschlagsmenge in den Sommermonaten ergeben die Modellrechnungen unterschiedliche Ergebnisse, sodass hier die Datenlage eineindeutig bleibt.[8]

Forschung über den Klimawandel

Über die Erforschung des Klimawandels liegen mittlerweile zahlreiche Studien vor, die detaillierte Auskünfte über Auswirkungen einer Erderwärmung geben. Eine der wichtigsten niederländischen Wissenschaftsforen ist die Platform Communication on Climate Change (PCCC), eine Art Klimarat, hinter dem sich das Planbureau voor de Leefomgeving (PBL), das Koninklijk Nederlands Meteorologisch Instituut (KNMI), die Universitäten Wageningen, Amsterdam (VU), Utrecht sowie Deltares, das Energieonderzoekcentrum Nederland (ECN) und die Nederlandse Organisatie voor Wetenschappelijk Onderzoek (NWO) verbergen. Als eine der wichtigsten Publikationen gilt die jährlich erscheinende Ausgabe „De staat van het klimaat“, in dem der aktuelle Forschungsstand und die Auswirkungen des Klimawandels für die Niederlande beschrieben werden.

Wichtige Beiträge zur Erforschung des Klimawandels liefert das Koninklijk Nederlands Meteorologisch Instituut (KNMI), welches im Jahr 2006 unterschiedliche Klimaszenarien für die Niederlande entwickelt und diese 2009 präzisiert hat. Das KNMI verfügt über eine Fülle von Datensätzen, die für die Erforschung des Klimawandels unverzichtbar sind.

Unter der Führung des Klimaforschers Pier Vellinga (Universität Wageningen) wurde in dem Programm „Kennis voor Klimaat“ über acht Regionen in den Niederlanden intensiv geforscht. Die Auswirkungen des Klimawandels werden untersucht für das Wattenmeer, das südwestliche Delta, für die Region Rotterdam, für flache Gewässer und Weidelandschaften, für den Mainport Schiphol, für den Garten- und Pflanzenbau in der Region Haaglanden, für die großen Flüsse Rhein und Maas sowie für die höher gelegenen Sandgebiete. Untersuchungszeitraum waren die Jahre 2008 bis 2014.

Forschung betreibt auch das Planbureau voor de Leefomgeving (PBL). Es setzt sich vor allem mit den Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme, Tier- und Pflanzenwelten auseinander. Das PBL berät die Regierung strategisch in Umwelt, Natur- und Raumfragen.

Das ECN, das Energieonderzoekscentrum Nederland, entwickelt Technologien und Strategien für die Einführung von regenerativen Energien und verhilft diesen zur Marktreife. Dazu zählen etwa die Entwicklung von Solarzellen, die Erforschung von Windparks, die Erforschung zur Biogasproduktion oder die Bergung von Kohlenstoffdioxid (CO2).


[1] Platform Communication on Climate Change: De Staat van het Klimaat 2009. Aktueel onderzoek en beleid nader verklaard, Wageningen 2010,
[2] Vanheste, Thomas: „We poken het beest wakker“, in: Vrij Nederland vom 22. Februar 2010, S. 36.
[3] KNMI: Klimaat in de 21e eeuw. Vier Scenario’s voor Nederland, De Bilt 2006, Onlineversion.
[4] Klein Tank, Albert/Lenderink, Geert (Hrsg.): Klimaatverandering in Nederland. Aanvullingen op de KNMI’06 scenatio’s, De Bilt 2009, Onlineversion.
[5] KNMI: Klimaatscenarios´s voor Nederland ´14, S. 10-11, online unter http://www.klimaatscenarios.nl/images/Brochure_KNMI14_NL.pdf.
[6] Kattenberg, Arie: De toestand van het klimaat in Nederland, De Bilt 2008.
[7] Milieu- en Natuurplanbureau: Effecten van klimaatverandering in Nederland. Bilthoven 2005, Onlineversion.
[8] KNMI: Klimaatscenarios´s voor Nederland ´14, S. 12-13, online unter http://www.klimaatscenarios.nl/images/Brochure_KNMI14_NL.pdf.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010
Aktualisiert: März 2018 von Katrin Uhlenbruck