X. Höchste Zeit für Panik

Interview mit Pier Vellinga, Klimaforscher.

Pier Vellinga hat es sich abgewöhnt, Schreckensszenarien zu entwerfen. Blinder Aktionismus bringt nichts. Für den Klimaprofessor gilt eher die Devise: Steter Tropfen höhlt den Stein. Dabei sieht der Experte für Klimafragen und Hochwasserschutz durchaus eine bedrohliche Lage, die ernsthafte Sorgen rechtfertigt: „Es wird langsam Zeit, dass wir mehr in Panik geraten“, sagt Vellinga, der für die Universitäten in Wageningen und Amsterdam Klimaforschung betreibt.

„Worüber ich mir ernsthafte Sorgen mache ist, dass wir vielleicht bald so viele Treibhausgase in die Luft geblasen haben, dass der Klimawandel ein irreversibler Prozess wird. Ein Wandel, den wir nicht mehr aufhalten können“, sagt Vellinga und schätzt, dass den Industriestaaten dieser Welt vielleicht nur noch 30 Jahre bleiben, um das Problem CO2-Ausstoß in den Griff zu bekommen. Wenn das drei Kilometer dicke Eis von Grönland eine gewisse Höhe unterschreite, werde sich der Prozess noch beschleunigen. Vellinga rechnet mit einem Anstieg des Meeresspiegels um sechs Meter: Selbst wenn man bis 2050 die CO2-Emissionen um 80 Prozent zurückdrängen könne, werde das Meer um einen ganzen Meter steigen.

Vellinga, der erste Klimaprofessor in den Niederlanden, lässt in Wageningen die Folgen eines Anstieges des Meeresspiegels u.a. für die großen Flüsse Rhein und Maas untersuchen. Im September 2010 werden in Rotterdam die ersten Ergebnisse im Rahmen einer internationalen Konferenz präsentiert („Deltas in times of climate change“).

Für Pier Vellinga ist heute schon eindeutig, dass ein Anstieg des Meeresspiegels sich auch in höheren Wasserständen im Rhein niederschlagen wird: „Bis Arnheim werden wir die Probleme deutlich zu spüren bekommen. Das Wasser wird salzig und es wird häufiger regnen.“ Mit allen Folgen für die Natur: Fische und Pflanzen werden sich auf das Salzwasser einstellen müssen. Bei Spitzenhochwässern werden die Abfuhrmengen bei Lobith bis 19.000 Kubikmeter pro Sekunde liegen. Das Maximum beträgt heute 16.000 Kubikmeter.

Deichrückverlegungen und Deicherhöhungen werden in Zukunft nicht reichen, um sich vor dem Hochwasser zu schützen, sagt Pier Vellinga. Schmale, hohe Deiche seien nicht mehr zeitgemäß. Er fordert weitere Anstrengungen von seiner Regierung, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen.

Vellinga schlägt viel breitere Deiche vor: „Deiche, auf denen man wohnen kann.“ Doppelt so breit müssten sie sein, um die nötige Höhe und Stabilität zu erreichen. In den dicht besiedelten Niederlanden stößt dieser Vorschlag allerdings auf große Widerstände. Verstehen kann Vellinga diese Bedenken nicht: „Natürlich benötigen die Deiche mehr Platz, aber man kann sie kostenneutral errichten.“

24 Prozent der niederländischen Deiche entsprechen nicht den gestellten Anforderungen. „Und von 36 Prozent der Deiche wissen wir nicht, in welchem Zustand sie sich befinden“, sagt Vellinga. Milliardeninvestitionen müssten getätigt werden. „Eine Milliarde Euro pro Jahr. Das sind nur 0,4 Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes. Für dieses Sümmchen wollen wir nicht nach Deutschland umziehen“, schmunzelt Vellinga.

Dass der Klimawandel nur Nachteile hat, möchte der 60-Jährige nicht behaupten: „Nein, die Landwirtschaft wird erst einmal davon profitieren. Die Wachstumsphasen werden sich verlängern und mehr CO2 in der Luft bedeutet stärkeres Pflanzenwachstum.“

Für einen warnenden Klimaprofessor sind das schlechte Zeiten: „Ich bin ein Mahner in der Wüste. Ich erhalte in Den Haag nicht viel Gehör. Die Hochwasserkatastrophe von New Orleans hat viele erschreckt. Aber so etwas könnte in den Niederlanden auch passieren.“

Welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Meeresspiegel hat, können Experten wie Vellinga nur sehr schwer in Modelle fassen. Vellinga: „Eigentlich wissen wir nur sehr wenig. Über die Zusammensetzung des Wasserdampfs in der Luft zum Beispiel oder über Feinstaub, der wieder Sonnenlicht reflektiert und damit Einfluss auf die Erderwärmung nimmt.“


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010