IX. Raum für den Fluss

Steigende Pegelstände bedrohen die Flussniederungen. Künstlich angelegte Wasserläufe und größere Überflutungsflächen sollen die Gefahr bannen. Hierzu wurde das Programm „Ruimte voor de Rivier“[1] vor einigen Jahren ins Leben gerufen und wird im Wesentlichen von der niederländischen Wasserbauorganisation Rijkswaterstaat umgesetzt. Rijkswaterstaat ist die größte Organisation in den Niederlanden und wacht über den Wasserhaushalt, unterhält Deiche, gräbt Kanäle, baut Straßen und achtet auf die Qualität des Wassers. Zusammen mit den Waterschappen, den Selbstverwaltungsorganisationen in der Region, ist Rijkswaterstaat für das Wassernetz und die Deichsicherheit verantwortlich.

Bert van Andel ist Mitarbeiter des Waterdienst und für 97 Bauprojekte im ganzen Land verantwortlich. Mit einem Etat von 2,7 Milliarden Euro werden Deiche entlang von Waal, Rijn, Maas und IJssel zurückverlegt, Kribben vertieft, Deichvorland abgegraben oder das Flussbett vertieft, damit die Flüsse sich bei Hochwasser stärker ausdehnen können und die Gefahr für Überflutungen abnimmt. Das Programm „Ruimte voor de Rivier“ ist allerdings auch umstritten: „In der Theorie hört sich das alles ganz einfach an. Aber in der Praxis stößt man auf zig Einzelinteressen, die gegen eine Deichverlegung sind“, sagt Bert van Andel.

Dabei waren sich 1995, beim letzten großen Hochwasser, noch alle einig: „Damals stand das Wasser bis an die Deichkrone. Jeder hatte gesagt, wir müssen den Flüssen mehr Raum geben.“ Doch jetzt scheint sich die Einschränkung durchzusetzen: Aber bitte nicht vor meiner Haustüre. „Denn alle wollen gerne am Wasser wohnen. Dabei müssten gerade die natürlichen Überflutungsgebiete von Flüssen unbebaut bleiben“, sagt van Andels Kollege Hendrik Buiteveld. Das Gegenteil sei aber der Fall. Sogar Krankenhäuser sind noch in potentiellen Überflutungsgebieten zu finden.

Bert van Andel und Hendrik Buiteveld rechnen mit erheblichen Auswirkungen des Klimawandels. Mit dem Programm „Ruimte voor de Rivier“ soll bis zum Jahr 2015 eine Wasserabfuhr von 16.000 Kubikmeter pro Sekunde am Pegel Lobith ermöglicht werden. „Aber um das zu schaffen, müssen wir uns noch gewaltig anstrengen“, sagt van Andel. „Ob wir das Ziel bis 2015 wirklich erreichen, wird noch sehr spannend.“ Mit den jetzigen Ausführungen lassen sich Extremhochwässer um 30 Zentimeter senken. Die Vorgabe der Internationalen Rheinkommission lautet aber 70 Zentimeter.

Als Folge des Klimawandels rechnet man schon heute mit größeren Abflussmengen. Von 18.000 Kubikmeter pro Sekunde ist die Rede. Wie man diesen Wassermassen begegnen soll, ist noch unklar. Das Innovatienetwerk, eine Forschungseinrichtung der Universität Wageningen, hat den Bau von neuen Flüssen entlang der großen Ströme Waal, Maas und IJssel vorgeschlagen. Bei Hochwasser könnten auch diese Nebenrinnen Wasser aufnehmen. Vor ein paar Jahren wurde auch über Notflutpolder diskutiert – Polderringe, die man im Notfall fluten könnte, um größere Katastrophen zu verhindern. Der Plan verschwand aufgrund heftiger Bürgerproteste wieder in der Schublade.

Die größten Probleme erwarten Van Andel und Buiteveld in den Küstenregionen. Denn es steigt nicht nur der Meeresspiegel, sondern es sinken auch die Landmassen. Die Wasserabfuhr der Flüsse in die Nordsee wird sich erschweren. Größere Pumpwerke müssen zum Einsatz kommen.

Die Niederländer fühlen sich trotz allem sicher und haben Vertrauen in die Arbeit von Rijkswaterstaat. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in den Niederlanden keine ehrenamtlichen Deichgrafen, die Hochwasserschutz quasi als Hobby ausführen: „Hochwasserschutz muss professionell betrieben werden. Dafür ist er uns zu wichtig“, sagt van Andel.

Im Jahr 2018 zeichnet sich langsam ein Ende ab. Insgesamt 28 Teilprojekte, die sich auf 6 Provinzen erstrecken, waren und sind Teil des Großprojekts, wovon die meisten bereits fertig gestellt wurden[2]:

1)    Gelderland (14 Projekte, davon 12 abgeschlossen),
2)    Noord-Brabant (6 Projekte, davon 5 abgeschlossen)
3)    Overijssel (4 Projekte, davon 3 abgeschlossen)
4)    Utrecht (2 Projekte, beide abgeschlossen)
5)    Zeeland, Zuid-Holland, Noord-Brabant (1 Projekt, das sich über die 3 Provinzen erstreckt, noch nicht abgeschlossen)
6)    Zuid-Holland (1 Projekt, abgeschlossen)

Genauere Beschreibungen zu den Einzelprojekten und dessen Entwicklung finden sich auf der in der Fußnote angegebenen Projektwebsite.


[1] www.ruimtevoorderivier.nl
[2] Stand: März 2018.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010
Aktualisiert: März 2018 von Katrin Uhlenbruck