VII. Auswirkungen des Klimawandels

Das Klima wandelt sich und wird sich auch in den kommenden Jahren weiter verändern. Dies ist wissenschaftlich gut belegt. Auf die Niederlande haben ein steigender Meeresspiegel, höhere Niederschläge, höhere Abflussmengen der Flüsse Rhein und Maas im Winter sowie Trockenheit im Sommer große Auswirkungen. So nehmen unter anderem die Gefahren für Überschwemmungen und Deichbrüche zu. Der Klimawandel verändert aber auch Ökosysteme, die landwirtschaftliche Produktion, hat Auswirkungen auf den Tourismus, auf die Wirtschaft und das Gesundheitssystem. Die Vor- und vor allem Nachteile wurden 2005 vom Milieu- en Natuurplanbureau (MNP), u.a. in Zusammenarbeit mit dem KNMI, dem RIZA und Alterra Wageningen, in der Publikation „Effecten van klimaatverandering in Nederland“[1] zusammengefasst. Die Auswirkungen des Klimawandels sind vielschichtig und betreffen nahezu alle Lebensbereiche. Im Folgenden seien einige für die Niederlande besonders wichtige genannt:

Auswirkungen eines höheren Meeresspiegels

Um das Land vor einem höheren Meeresspiegel zu schützen, müssen Deiche und Dünen verstärkt werden. Gerade an den Küsten gibt es als Folge einen höheren Sandbedarf, um die Dünenlandschaften breiter und höher werden zu lassen. „In den kommenden Jahren werden die zusätzlichen Kosten für den Küstenschutz nach Schätzungen maximal 0,13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Bei weiteren Meeresspiegelsteigerungen nach 2050 werden die Zusatzkosten über dem heutigen Ausgabenniveau liegen“, schreibt das MNP. Das KNMI beziffert den Kostenrahmen für die Deich- und Dünensicherheit jährlich zwischen 0,3 und 0,7 Milliarden Euro. „Mit den heutigen Methoden ist die Situation an den Küsten gut zu beherrschen – auch bei einem Meeresanstieg um 1,5 Meter“, so das KNMI.

Auswirkungen höherer Niederschläge

Flüsse: Für Menschen, die im Flussdelta leben, werden die höheren Niederschläge vermutlich die meisten Probleme nach sich ziehen. Es wird erwartet, dass Rhein aufgrund andauernder Regenfälle der im Winter zwischen 3 und 10 Prozent und die Maas zwischen 5 und 20 Prozent mehr Wasser führen wird. Auch werden extreme Hochwasser im Winter wahrscheinlicher. So wird erwartet, dass bei Lobith an der deutsch-niederländischen Grenze im Extremfall bis zu 18.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließen können. Mit dem Programm „Ruimte voor de Rivier“[2] versucht die niederländische Regierung bereits heute dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und dem Flussbett mehr Raum zur Wasserführung zu geben, indem man Deiche zurückverlegt und Flutrinnen anlegt. Allein für den Rhein wurden 7.000 Hektar Fläche reserviert. Auch international wird in der Rhein-Kommission an diesem Problem gearbeitet.

Mündungsgebiet: Das KNMI geht davon aus, dass die größten Probleme sich im Mündungsdelta der großen Flüsse Rhein und Maas und im IJsselmeer ergeben werden. Die Region um Dordrecht steht unter dem höchsten Wasserdruck. „Hier könnten starke Eingriffe vonnöten sein, um die Stadt dauerhaft vor Überflutung zu schützen“, heißt es im KNMI-Report „De staat van het klimaat“[3]. Denkbar wären deutlich höhere Deiche, ein gänzlicher Abschluss des Nieuwe Waterweg oder die Installation größerer Pumpanlagen.

Ijsselmeer: Als Folge der zunehmenden Wasserabfuhr über den Rhein im Winter und eines Wasserabfuhrproblems über das Wattenmeer aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels, wird auch das IJsselmeergebiet mit höheren Wasserständen leben müssen. So werden im IJsselmeer, Markermeer und einigen kleineren Binnengewässern die Wasserstände um einige Dezimeter im Jahr 2100 steigen, um das Wasser aus den Flüssen aufnehmen zu können. Das KNMI erwartet bei einem Meeresanstieg um 1,3 Meter einen Anstieg des IJsselmeers um 70 Zentimeter.

Starkregen: Das MNP geht davon aus, dass auch die Schäden bei Starkregen deutlich zunehmen werden. Bereits in der Vergangenheit hat es deutliche Probleme mit überfluteten Straßen und Häusern gegeben; etwa bei den extremen Wetterlagen im September und Oktober 1998, als zahlreiche Treibhäuser im Westland unter Wasser liefen. Um diesem Problem der kurzfristigen Wassermassen Herr zu werden, müssen nach Berechnungen des MNP 120.000 Hektar für die Wasserbergung und 430.000 Hektar für das Zurückhalten von Wassermengen zusätzlich bereitgestellt werden.

Auswirkungen trockener Sommer

Im Sommer werden die Flüsse hingegen deutlich weniger Wasser aufnehmen, weil es weniger regnet. Es wird erwartet, dass das Rheinwasser um gut 10 Prozent bis zum Jahr 2050 abnehmen wird, in extremen Sommern sogar bis zu 60 Prozent. Dadurch kann es zu sehr trockenen Sommern kommen, wie etwa in den Jahren 1976 oder 2003.

Als Folge der Trockenheit können manche Moorgebiete in den Niederlanden noch stärker sinken. Seit dem Mittelalter haben sich manche Moorgebiete bereits um zwei bis drei Meter gesenkt, was auf die Trockenlegung zurückzuführen ist. Bis zum Jahr 2050 könnte sich in manchen Gebieten eine Senkung um 50 Zentimeter ergeben, so das MNP. Durch die Landsenkungen kommen wiederum mehr CO2 und N2O frei.

Das Salzwasser kommt

Durch den Anstieg des Meeresspiegels und die geringere Wasserführung der Flüsse im Sommer wird das Salzwasser des Meeres weiter in das Mündungsgebiet von Rhein und Maas gelangen. Klimaforscher Pier Vellinga geht davon aus, dass der Rhein künftig bis Arnheim Salzwasser führen könnte[4]. Dies wiederum hat Folgen für die Landwirtschaft und die Trinkwassergewinnung. Die Trinkwassernorm von 150 Milligramm Chloride je Liter Wasser wird vermutlich in einigen niederländischen Gemeinden deutlich überschritten. Für die Gemeinde Ridderkerk berechnete der Wissenschaftler Pieter Jacobs bei extremen Bedingungen im Jahr 2050 bis zu 400 Milligramm je Liter. Bei durchschnittlichen Bedingungen errechnete er einen Gehalt von 178 Milligramm je Liter.[5]

Das Süßwasserangebot wird künftig niedriger sein als jetzt und die Nachfrage wird zeitgleich steigen. „Die Unsicherheiten über die künftige Süßwasserversorgung sind sehr groß“, so das KNMI. Im Sommer könnte es häufiger zu Trinkwassermangel kommen, wenn sich die trockenen Klimaszenarien bewahrheiten sollten.

Auswirkungen auf die Natur

Die Klimaveränderung greift natürlich auch stark in die komplexen Prozesse von Ökosystemen ein. Veränderungen im Grundwasserstand, der Bodenstruktur oder der zur Verfügung stehenden Nahrung wirken sich stark auf die Entwicklung von Flora und Fauna aus, die sich entweder an die Veränderungen anpassen oder aussterben. Auch für die Niederlande stellte das Milieu- en Natuurplanbureau bereits messbare Veränderungen fest: „Das Verhältnis zwischen Pflanzen- und Tiersorten hat sich verändert, Vegetationszonen und Lebensräume von Tieren haben sich verschoben, die Wachstumssaison hat sich verändert“, so das MNP in ihrer Studie „Effecten van Klimaatverandering“. Verantwortlich für diese Entwicklung ist vor allem die Temperaturzunahme.

Artenvielfalt: Am Ende des 21. Jahrhunderts werde die Natur in den Niederlanden wahrscheinlich anders aussehen als heute, so das MNP: „Stark verdrängende Sorten werden sich aus dem Süden in den Niederlanden beheimaten und möglicherweise einheimische Sorten verdrängen.“ Wärmeliebende Arten werden sich ausbreiten und von Süden nach Norden wandern. Spezialisierte Arten werden es schwerer haben, sich in den Niederlanden zu halten. Einige Schmetterlingsarten zählen zum Beispiel dazu. Bereits heute lasse sich diese Tendenz feststellen: „Hatte bis 1980 der Austrag von Dünger den größten Einfluss auf die Zusammensetzung von Pflanzen in den Niederlanden, ist dies seitdem die Temperatursteigerung“, so das MNP.

Und diese Auswirkungen werden sich in Zukunft verstärken: „Bei einem Anstieg der weltweiten Temperatur um zwei Grad werden Millionen Gänse des nördlichen Polarkreises die Hälfte ihrer Brutgebiete verlieren und gut 30 Prozent der Pflanzensorten werden in 40 Prozent des europäischen Festlandes verschwinden“, so das MNP.

Ökosysteme: Die Experten gehen davon aus, dass sich bei Ökosystemen, die gänzlich von Niederschlägen abhängig sind, die größten Veränderungen ergeben werden. Dies betrifft trockene Dünengraslandschaften, trockene und nasse Heidegebiete, Wälder, Hochmoore und Moore. Vor allem der Bestand von Hochmooren ist in den Niederlanden stark gefährdet. Bei einer Erwärmung um drei Grad könnten sich nur noch wenige Ökosysteme anpassen. Dabei sei nicht nur der Temperaturanstieg an sich, sondern vor allem die Geschwindigkeit wesentlich, so das MNP. Eine Geschwindigkeit von 0,1 Grad Celsius in zehn Jahren sei für viele Arten ein Grenzwert. Gut die Hälfte der Ökosysteme könnte sich dann noch anpassen. In den Niederlanden ist die Temperatur in den vergangenen 30 Jahren aber mit einem Grad gestiegen. Das sind 0,3 Grad Celsius in zehn Jahren.

Nahrungskette: Da sich die Wachstumsperiode ins frühere Frühjahr verschieben wird, werden auch die Nahrungsketten einiger Tiere gestört. Beispielsweise werden einige Brutvögel, etwa die Kohlmeise, Probleme bekommen, ihr Küken aufzuziehen, da sich diese Vögel nicht an das Nahrungsangebot anpassen. Ihre Küken werden zu spät schlüpfen, um etwa von eiweißreichen Raupen zu profitieren. Aber auch die Raupen werden in ihrer Zahl abnehmen, da in ihrer Wachstumsphase viele Sommereichen noch nicht ausgeschlagen haben.

Nordsee und Wattenmeer: Im Wattenmeer zeigt sich bereits jetzt eine deutliche Abnahme des Muschelbestandes. Die Fortpflanzung von Muscheln hängt vor allem mit der Wintertemperatur zusammen. Nach einem kalten Winter entwickelt sich eine große neue Generation Muscheltiere, die auch deutlich mehr Gewicht haben. Warme Winter hingegen haben genau den gegenteiligen Effekt. Zudem vermehren sich die natürlichen Feinde von Muscheln – Garnelen und Strandkrabben – in warmen Wintern besonders gut. Die starke Abnahme von Muscheln hat wiederum Auswirkungen für einige Vogelarten im Wattenmeer, da Muscheln ihre wichtigste Nahrungsquelle sind.

In der Nordsee stellen die Experten des MNP auch eine Abnahme von Plankton fest. Allerdings könne noch nicht zugeordnet werden, ob dies am Klimawandel liegt, an der Fischerei oder der Wasserbelastung mit Phosphor und Stickstoff. Das Wachstum der Blaualgen wird zunehmen und dies führe zu einer höheren Sterblichkeitsrate unter den Wasservögeln.

Auswirkungen auf die Landwirtschaft

Die Landwirtschaft in den Niederlanden wird vermutlich von der Erderwärmung profitieren. So fördert der höhere CO2-Gehalt das Wachstum von Pflanzen. Bei einer Verdopplung des CO2-Konzentration können die Ernteerträge zwischen 15 und 20 Prozent höher ausfallen. Vor allem das Wachstum von Gräsern, Zuckerrüben und Winterweizen wird dadurch gefördert. Schnittmais nimmt in seinen Erträgen eher ab. Der Wissenschaftler F.J. Rooijers stellte fest, dass die Wachstumssaison sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts um drei Wochen verlängert hat.[6]

Stärkere Niederschläge und Trockenphasen bilden aber auch Gefahren für die Landwirtschaft. So wird es bei feuchten Böden schwieriger, die Felder zu bestellen – vor allem beim Säen und Pflanzen im Frühjahr und beim Ernten im Herbst. Extreme Regenfälle können zudem Getreidefelder zerstören. Große Trockenheit im Sommer führt vermutlich häufiger zu schlecht ausgereiften Feldfrüchten und Missernten.

Durch den höheren Salzgehalt im Boden als Folge des Meeresspiegelanstieges werden es einige Gewächse schwer haben. Vor allem die Baumzucht und der Obstanbau reagieren sensibel auf den Salzgehalt im Boden. Gräser, Getreide oder Zuckerrüben sind hingegen relativ unempfindlich. Vor allem in den westlichen Landesteilen wird salzhaltiges Quellwasser die Bewirtschaftung von Gewächsen erschweren.

Das MNP erkennt darüber hinaus zunehmende Probleme mit Insekten. Der Maiswurzelbohrer etwa, der eigentlich in den USA und Mexiko beheimatet ist, ist mittlerweile auch in Europa anzutreffen und seit 2004 in den Niederlanden beheimatet. Der Käfer kann die Maiserträge um etwa 15 Prozent mindern, so das MNP.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Die Klimaveränderung kann in den Niederlanden Einfluss auf die menschliche Gesundheit haben. Aus den Studien des Wissenschaftlers Maud Huynen lässt sich erkennen, dass es einen Zusammenhang zwischen Temperatur und Sterblichkeit gibt. Bei Temperaturen über einem Jahresdurchschnitt von 16,5 Grad nehmen Herz- und Kreislauferkrankungen und Atmungsprobleme zu, was wiederum zu einer höheren Sterblichkeit bei Menschen über 65 Jahren führt[7]. Hitzewellen führen zu deutlich höheren Sterblichkeitsraten. So starben in den Niederlanden bei den Hitzewellen von 1982, 83, 90, 94, 95 und 97 durchschnittlich 40 Menschen mehr am Tag, verglichen mit einer Normaltemperatur von 22 Grad. In Großstädten könnten Trockenheit und Hitze zudem selbst verstärkende Wirkungen haben, so dass so genannte „Hitzeinseln“ entstehen. Die Abstrahlung der Wärme von Häusern und Straßen, sowie geringer Wind lassen die Hitze unerträglich werden. Im warmen Sommer 2003 wurden in niederländischen Großstädten deutlich höhere Sterberaten festgestellt, so das MNP. Einer Studie der TU Delft („Heat in the City“)[8] zufolge bildet das Pflanzen von Bäumen den besten Schutz vor dieser Entwicklung. Denn Bäume sind nicht nur Schatten-, sondern auch große Feuchtigkeitsspender.

Das MNP geht davon aus, dass sich auch die Malaria in den Niederlanden ausbreiten wird. „Es besteht die Gefahr, dass es regional zu Epidemien kommen kann“, so das MNP. Zunehmen werden auch die Borreliosefälle durch Zeckenbisse sowie Pollenflug, der wiederum Allergikern und Asthmatikern zu schaffen machen wird.


[1] Milieu- en Natuurplanbureau: Effecten van klimaatverandering in Nederland, Bilthoven 2005,  Onlineversion.
[2] Vgl. www.ruimtevoorderivier.nl
[3] Platform Communication on Climate Change: De Staat van het Klimaat 2009. Aktueel onderzoek en beleid nader verklaard, Wageningen 2010, Onlineversion.
[4] Vgl. Kapitel X: Höchste Zeit für Panik
[5] Vgl. Jacobs, P.: Zout vanuit zee: verzilting van de rijkswateren in Midden-West-Nederland nu en in de toekomst, in: Louw, Perry de (Hrsg.): Verzilting in Nederland, Utrecht 2007, S. 71-83.
[6] Vgl. Rooijers, F.J. et al.: Klimaatverandering, Klimaatbeleid. Inzicht in keuzes voor de Tweede Kamer, Delft 2004, Onlineversion.
[7] Vgl. Huynen, Maud M.T.E. et al.: The impact of heat waves and cold spells on mortality rates in the dutch population, in: Environmental Health Perspectives 5, 2001, S. 463-470.
[8] Rahola, Baldiri Salcedo/Oppen, Peter van/Mulder, Karel: Heat in the city . An inventory of knowledge and knowledge deficiencies regarding heat stress in Dutch cities and options for its mitigation, Rapport KvR 013/2009, Onlineversion.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2010