Mit den Gezeiten gehen

Vor fünfzig Jahren wurden die Delta-Werke geplant. Ein Jahrhundertwerk. Doch der Schutzwall steht vor Erneuerungen

Er ist Zeelands ganzer Stolz. Ein acht Kilometer langer Damm, zwischen Schouwen und Nord-Beveland. Er wirkt trutzig und unüberwindbar und man nimmt ihm spielend ab, dass er das Hinterland vor den rauen Stürmen der Nordsee schützen kann. Denn ein paar Mal im Jahr wird es hier an der See richtig ungemütlich. Die Wellen peitschen gegen die Deiche und die Welt scheint unterzugehen, wenn da nicht dieses Betonwehr wäre. Ältere Leute in Schouwen und Nord-Beveland wissen noch, wie das ist, wenn die Welt untergeht. In der Nacht vom 31. Januar 1953 bedeckten die Sturmwellen die Provinzen Zeeland, Süd-Holland und Teile Brabants.

Es war eine Katastrophe, die förmlich den Bau des einzigartigen Sturmflutwehrs herausforderte. In ihm sind 450 000 Tonnen Beton verarbeitet. 65 gigantische Pfeiler, fast vierzig Meter hoch, formen das wohl sicherste Sturmflutwehr der Welt: den Oosterscheldedamm. 1985 war er der krönende Abschluss der Deltawerke, die vor 50 Jahren in Angriff genommen worden waren.

„Ein gigantischer Anblick.“ Ted Sluijter kann sich auch nach 17 Jahren immer noch nicht satt sehen an dem riesigen Betonwehr. Er schaut aus dem Fenster der Kommandozentrale „Neeltje Jans“ in Haamstede. Von hier aus werden die Schleusen bedient wenn es stark stürmt. Dann wird für ein paar Stunden die Oosterschelde abgeriegelt. Völlig dicht, für Wasser kein Durchkommen.

„Wir haben damals viel erreicht“, erzählt Ted Sluijter. Aus der geplanten Abriegelung der Oosterschelde wurde ein halboffener Damm. „Damals waren schon riesige Fundamente für ein geschlossenes System angelegt. Alles musste noch einmal geändert werden“, erinnert er sich. Ersetzt wurde es durch ein riesiges Sperrwerk, welches das Bestehen der Gezeiten ermöglicht und zugleich ein Höchstmaß an Sicherheit bietet. Nur wenn es wirklich nötig ist, wird die Oosterschelde zum Binnensee: „Und dies ist nur ein oder zwei Mal im Jahr der Fall.“

Ted Sluijter ist gelernter Vogelkundler und arbeitet heute beim Waterland Neeltje Jans. Dass dies so ist, ist alles andere als selbstverständlich. Denn Ted Sluijter gehörte in den 70er Jahren zu den erbittertsten Gegnern des Oosterscheldedamms. Er hat an Demonstrationen teilgenommen und sich gegen die völlige Abriegelung der Oosterschelde gestemmt. Der Meeresarm ist ein einzigartiges Reservat für Vögel, Pflanzen und Fische. „Eine völlige Abschottung der Schelde hätte weitreichende Folgen gehabt. Das Salzwasser wäre süß geworden, die Gezeiten wären verschwunden und ein gleichbleibender Wasserstand hätte sich eingestellt“, erzählt Sluijter. Pflanzen- und Tierwelt hätten sich anpassen müssen. Die Schalentierzucht wäre abgestorben, das Wattenmeer auch. Die Fischer sind auf die Barrikaden gegangen. „Öffnet die Schelde!“

Die Niederlande. Der Name sagt es schon: ein Großteil des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Nicht einfach, da trockene Füße zu behalten. Mit dem Bau der Deltawerke scheinen die Niederländer den ewigen Kampf gegen das Wasser gewonnen zu haben. Sie sind darauf sehr stolz. „Wer uns verstehen will, der muss unseren Kampf gegen das Wasser verstehen“, sagt Sluijter. Jahrhunderte lang trotzte man dem Meer das Land ab. Die mühsame Landgewinnung hat sich fest in Mentalität und Sprache eingebrannt. „Wir haben eine Art Hassliebe zum Wasser entwickelt. Jede Generation hat ihre Hochwasser- oder Flutkatastrophe erlebt. Das schuf einen tiefsitzenden Argwohn. Andererseits beherrschen wir Flüsse und Meere“, sagt Sluijter.

Der Bau des Oosterscheldedamms bildet einen wichtigen Wendepunkt in der Wasserpolitik. Nicht mehr gegen das Wasser wird gestritten, sondern mit dem Wasser. „Wir müssen uns in Zukunft noch stärker überlegen, wie wir der Natur mehr Raum geben können. Ständig die Deiche erhöhen ist keine Lösung“, sagt Sluijter. Zumal im 21. Jahrhundert der Meeresspiegel um 60 Zentimeter steigen soll.

Eines der größten Probleme stellt zurzeit die Qualität des Wassers im Zeeland-Delta dar. Da immer mehr Süßwasser vorherrscht, soll der Austausch zwischen Salz- und Süßwasser verbessert werden. Denn für Tier- und Pflanzenwelt bedeutet die jetzige Entwicklung eine enorme Umstellung. Schon wird im Verkehrsministerium, fünfzig Jahre nach dem Delta-Plan, an einen Deltaplan-Plus gedacht. Den Gezeiten soll noch mehr Raum gegeben werden. Denn anders als der Oosterscheldedamm riegelt etwa der Brouwersdamm auf 6,5 Kilometer die Oosterschelde völlig ab. Gezeiten gibt es hier nicht mehr. „Wir merken langsam, dass die Deltawerke zu starr und unflexibel sind“, sagt Sluijter. Dies soll sich in den kommenden Jahren ändern.

Waterland Neeltje Jans ist für Besucher geöffnet. Das Museum gibt interessante Informationen über das Sturmflutwehr und die Ökologie der Oosterschelde.  Das Museum gibt interessante Informationen über das Sturmflutwehr und die Ökologie der Oosterschelde

Dieser Artikel ist erschienen in der NRZ am 21.3.03.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
März 2003