I. Einführung

Der Widerstand der niederländischen Atomkraftgegner gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Während nach der Katastrophe von Fukushima die halbe Welt über eine Energiewende nachdenkt und Deutschland sogar das Aus für die Atomkraft im Bundestag beschlossen hat – bis 2022 soll das letzte Kraftwerk vom Netz sein – geht die niederländische Regierung den entgegengesetzten Weg. Die liberal-konservative Regierung hält an den Neubauplänen eines zweiten Reaktors in den Niederlanden fest – trotz vehementer Proteste der Grünen und Sozialdemokraten im Land. Erstmals seit 40 Jahren soll damit wieder ein Atomkraftwerk errichtet werden. Das erste steht in Borssele im Südwesten des Landes. Gleichzeitig sollen Subventionen für Offshore-Windkraft und Solarpanels gestrichen werden.

Dass sich die Aufregung in den Niederlanden um Atomkraftwerke im Gegensatz zu Deutschland eher in Grenzen hält, liegt wohl auch daran, dass die Kernenergie als Stromlieferant kaum eine Rolle spielt. Der heutige Reaktor produziert nur vier Prozent des gesamten niederländischen Stroms. Die Regierung will mit dem Bau eines weiteren Reaktors nicht nur die von der EU vorgegebenen Richtlinien zur Verminderung des Kohlendioxid-Ausstoßes befolgen, sondern auch Kosten sparen. „Die Niederlande wollen die europäischen Ziele auf die kosteneffizienteste Weise erreichen” heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Subventionen für Offshore-Windkraft und Fotovoltaik zählten derzeit nicht dazu.

Die Anti-Atomkraftbewegung der Niederländer ist nicht allzu groß. Umfragen zufolge ist aber die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gerade nach dem Beben in Japan gegen Atomkraft eingestellt. Stimmung im Land und politische Marschroute scheinen in Sachen Energie also zurzeit extrem auseinanderzugehen.

In diesem Dossier soll erklärt werden, wie die Niederländer ihren Energiemix aufbauen und wie sich der Markt seit der Liberalisierung Ende der 1990er Jahre entwickelt hat. Der Atomkurs der Niederländer speist sich auch aus der Angst, sich aufgrund der schrumpfenden Erdgasvorkommen aus eigenen Mitteln nicht mehr versorgen zu können und von den europäischen Nachbarn zu stark in punkto Energieversorgung abhängig zu werden. Die Leistungen und Projekte der Niederländer für erneuerbare Energien sind sehr gut und sollen eingehender erklärt werden. Auch die niederländische Energieforschung hat großes Potenzial und wird im Folgenden dargestellt.


Autor: Martin Roos
Erstellt: Juli 2011