V. Erneuerbare Energien

Der Bereich der Erneuerbaren Energien ist in den Niederlanden noch nicht sehr groß. Etwa 500 Unternehmen arbeiten in diesem Sektor und beschäftigten rund 20.100 Mitarbeiter fest. 2010 war der Anteil der Erneuerbaren Energien in den Niederlanden gut vier Prozent groß. Der überwiegende Teil davon entstammt den Bereichen Biomasse und Windenergie. Die Fotovoltaik und die Wasserkraft spielen im niederländischen Energiemix eine nur sehr geringe Rolle.

Windenergie und Biomasse produzieren über 95 Prozent der gesamten Erneuerbaren Energien in den Niederlanden. Biomasse allein macht fast zwei Drittel der nachhaltigen Energien aus. Der Anteil der Solarenergie liegt gerade mal bei einem Prozent.

Der Bioenergie als wichtigstem erneuerbarem Energieträger der Niederlande dienen angebaute Pflanzen wie Raps oder Mais, aber auch Grünabfälle, Stroh, Holz und Stallmist als Rohstoffe. Mikroorganismen wandeln die Biomasse in ein Gas um, das zum Heizen und zur Stromerzeugung genutzt werden kann. Holz wird auch direkt verbrannt. Biomassekraftwerke arbeiten unabhängig von Wind und Wetter, weil sich die Energierohstoffe lagern lassen. Um die Produktion von Bioenergie zu stimulieren, hat die niederländische Regierung bei der Europäischen Kommission um Subventionen für Biomasse-Projekt in Groningen gebeten. Dort sollen zukünftig 516 Millionen Liter Biodiesel produziert werden.

Die Windenergie erhielt schon einmal Flügel durch das wachsende Bewusstsein der Menschen für den Umweltschutz – so fand im Laufe der 1990er Jahre in den Niederlanden im Zuge der Vermeidung von Umweltbelastungen und einer stärker werdenden Anti-Atomkraft-Stimmung eine Rückbesinnung auf die Windenergie statt. 1992 wurden mehr als 630 „High-Tech”-Windmühlen mit einer Kapazität von 144 Millionen Kilowattstunden installiert.

Die Windkraft (zumindest an Land) bleibt eine der günstigsten Formen, um erneuer-bare Energien zu produzieren. Derzeit verfügen die Niederlande über eine Kapazität von 2.237 Megawatt aus Windkraft. Bis 2020 müssen allerdings 12.000 Megawatt erreicht werden, damit das Land, wie von der EU vorgegeben, 20 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen kann. Doch Offshore-Windanlagen sind teuer und die Windräder an Land nicht unbedingt jedermanns Sache – verändern sie doch erheblich das Landschaftsbild. Kommunen wehren sich gegen die Riesenräder, auch fehlen noch genügend Energiespeicher und Stromleitungen für den Windstrom.

Um die Energieziele für 2020 zu erreichen, könnten die Windkraftanlagen in der kleinen Gemeinde Urk helfen. 86 Turbinen in drei Reihen sollen an Land und jenseits der Küste entstehen, einmal Strom für 400.000 Haushalte produzieren und eine Kapazität von 430 Megawatt schaffen. Die Anlage wäre damit eine der größten in Europa. Doch die Gemeinde, die grundsätzlich „grüne Energie“ befürwortet, wehrt sich gegen die Verschandelung ihrer Region. Sie befürchtet Schäden für Fischerei und Tourismus. Der Ausblick auf die See werde gestört, der Ort habe unter dem ständigen Lärm der Turbinen zu leiden. Vögel würden traumatisiert und das ganze Projekt könnte einen Deich gefährden. Wie es weitergeht, ist noch unklar.

Auch in Deutschland ist die Windkraft auf See bisher kein Selbstläufer. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen Offshore-Windanlagen bis 2030 die Jahresleis-tung von rund 20 Atomkraftwerken ersetzen und Strom für mehr als 25 Millionen Menschen liefern. In der Nordsee sind bislang allerdings erst zwei Windparks auf offener See in Betrieb. Rund 20 weitere sind der Deutschen Energie-Agentur (dena) zufolge dort genehmigt, mehr als 50 weitere befinden sich im Genehmigungsverfahren. In der Ostsee ist der Offshore-Windpark „Baltic 1“ im Probebetrieb, weitere sind geplant. Das Pilotprojekt „Alpha Ventus“, 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum, ging im April 2010 als weltweit erster Hochsee-Windpark mit zwölf Windkraftanlagen der 5-Megawatt-Klasse offiziell in Betrieb. Die zwölf Anlagen ragen bis zu 155 Meter hoch aus dem 30 Meter tiefen Wasser. Ihre Gesamtleistung beträgt 60 Megawatt. Weitere Pläne sehen der dena zufolge langfristig eine Aufstockung auf 208 Windräder und eine Leistung von 1.040 Megawatt vor.[1]

Das Ziel der niederländischen Regierung ist es, die Anteil der Erneuerbaren Energien bis 2020 auf 14 Prozent zu erhöhen, angesichts der heutigen Leistung eine gewaltige Steigerung – und diese soll möglichst kostengünstig über die Bühne gehen, meint die Regierung. Sie geht von etwa 1,4 Milliarden Euro an Investitionen aus. Für viele Kritiker eine geschönte Zahl. Der „Vereniging Energie-Nederland“ zufolge wird die Steigerung auf 14 Prozent mindestens 3,3 Milliarden Euro kosten.

Um Kosten zu sparen, planen die Europäer die Kosten zu teilen. So wollen Deutschland und die Niederlande zum Ausbau der Öko-Energien die Windparks in der Nordsee rasch ans europäische Stromnetz anschließen und die dafür benötigten Stromnetze gemeinsam realisieren.[2] „Es macht ja keinen Sinn, dass die Niederländer, Franzosen und wir jeder ein Kabel in die Nordsee legen. Das sind dreifach Kosten. Da machen wir ein starkes europäisches Kabel“, sagte der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle im April 2011 nach einem Treffen mit seinem niederländischen Amtskollegen Maxime Verhagen in Berlin. Was jedoch mit „realisieren“ genau gemeint ist, ließen die beiden Kollegen offen.


[1] Vgl. www.proplanta.de
[2] Vgl. ebd.

Autor: Martin Roos
Erstellt: Juli 2011