XIV. Niederlande als Teil des europäischen Energiemix’

In Europa wird die Wirtschaft in den nächsten zwanzig Jahren voraussichtlich weiter wachsen und damit die Nachfrage nach Elektrizität steigen – von heute 3306 Terawatt-Stunden (TWh) auf 4073 TWh im Jahr 2030. Die Energiequellen Erdöl, Erdgas, Kohle, Atomkraft und Erneuerbare Energien machen die tragenden Säulen aus, die sich jedoch im Laufe der nächsten zwei Dekaden in ihrer Bedeutung entscheidend verändern werden.

So gehen das Statistische Amt der EU (Eurostat) und die Europäische Kommission davon aus, dass sich die heutige Gewichtung innerhalb der fünf Quellen (Erdöl, Erdgas, Kohle, Atomkraft, Erneuerbare Energien) so verschieben werden, dass die Erneuerbaren Energien im Jahr 2030 über ein Drittel des Energiemix’ ausmachen werden – von einem heutigen Anteil von 19 Prozent auf 36,1 Prozent im Jahr 2030. Damit werden sie in Europa die größte Energiequelle sein. Großen Anteil daran wird mit 17 Prozent die Windkraft haben (694 TWh), die damit die heutige Nummer Eins, die Wasserkraft, auf Platz zwei verdrängt haben wird (358 TWh in 2030). Eine wichtige Rolle wird auch die Biomasse spielen (286 TWh in 2030), gefolgt von Sonnenenergie (94 TWh) und Geothermie (36 TWh).

Die Bedeutung der Atomkraft, die heute mit 28 Prozent der größte Energieträger ist, wird auf zukünftig 24,1 Prozent schrumpfen, aber damit noch immer die zweistärkste Energiequelle Europas im Jahr 2030 sein. Der Anteil der Kohle, heute die zweitwichtigste Stromquelle (27,6 Prozent), wird stark abnehmen und mit 21,1 Prozent im Jahr 2030 nur noch Position drei einnehmen (21,1 Prozent). Auch das Erdgas wird nicht mehr so stark vorhanden sein und fällt von heute 23,2 Prozent Anteil am Energiemix auf 17,8 Prozent im Jahr 2030 zurück. Erdöl bleibt kleinste Quelle und schrumpft auf weniger als die Hälfte – von heute 2,2 Prozent auf ein Prozent in 2030.

Angesichts dieser enormen Veränderungen warnt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in ihrer Ausgabe vom 15. März 2011 davor, dass selbst wenn es gelänge, den Ausbau allein den erneuerbaren Energietechniken zu übertragen, noch keine Tonne CO2 eingespart sein wird. Es gelte, „effiziente Kohlekraftwerke mit Nettowirkungsgraden von mehr als 50 Prozent (statt heute rund 45 Prozent) zu errichten, aus deren Rauchgasen sich das schädliche CO2 auswaschen lässt. Ob man das Gas anschließend im Untergrund Niedersachsens verpressen soll, bleibt zu klären. Die Alternative, es in die ausgebeuteten Gas- und Öllagerstätten tief unter dem Boden der Nordsee zu pumpen, erscheint sinnvoller“.

Bis zum Jahr 2020 müssen Experten zufolge in Europa 200 neue Stein-, Braunkohle- und Gaskraftwerke mit einer Leistung von 170 000 Megawatt gebaut werden. Die Umsetzung scheint jedoch mehr als fraglich, da auch schon in der Vergangenheit (zwischen 2007 und 2010) nur etwa die Hälfte der geplanten Neubauten realisiert wurde.

Um die enorme Energienachfrage zu befriedigen, müssten mehrere Duzend neue Windparks im Land und vor den Küsten gebaut werden. Auch deswegen sieht die EU den neuen Plänen der Niederländer in Bezug auf Windkraft skeptisch entgegen – und hofft nun zumindest auf die „anderen“: So sind die Bundesrepublik, England, Dänemark und Irland immer noch fest entschlossen, die Windenergieerzeugung in ihren territorialen Gewässern auszubauen. Reibungslos laufen diese Vorhaben allerdings auch nicht. Wie in den Niederlanden gibt es auch in Deutschland enorme Klagen und Beschwerden der Anwohner von zukünftigen Windparks.

Auch gibt es noch technische Probleme. Es muss geklärt werden, wie der Strom ins Landesinnere transportiert werden soll. Ein tragfähiges Verteilungsnetz gibt es nicht, es fehlt an den notwendigen Hochspannungsleitungen – eben weil es immer wieder zu Protesten der Anwohner kommt, die eine solche Landschaft entstellende Belastung in ihrer Region nicht dulden.


Autor: Martin Roos
Erstellt: Juli 2011